Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck
In dem großartigen Sportdrama The Wrestler erzählt Regisseur Darren Aronofsky die Geschichte des abgehalfterten Profikämpfers Randy «The Ram» Robinson. Mickey Rourke gelang damit sein Comeback: zu sehen heute Abend im Ersten.
Aus dem Off erklingt die Stimme des Ringsprechers: «Er ist ein großer Amerikaner. Ein Held, der nicht mehr vorgestellt werden muss.» Die Kamera fährt über unzählige Plakate und Zeitungsausrisse, Flyer und Eintrittskarten. Alle zeigen ihn: Randy «The Ram» Robinson. Dazu dröhnt Bang Your Head von Quiet Riot. Die Ringglocke markiert Stationen seiner einst glorreichen Karriere: 1984, 1988, 1989. Ein erschöpftes Husten beendet den Rückblick.
Damals war er eine große Nummer in der Szene: der Wrestler Robin Ramzinski. Doch das ist 20 Jahre her. Heute steigt er noch immer in den Ring. Allerdings nur für drittklassige Kämpfe. Aus den großen Arenen sind miefige Turnhallen geworden. Die Showauftritte werden nur mies bezahlt. Das verdiente Geld reicht nicht einmal mehr, um den Stellplatz für seinen Wohnwagen zu bezahlen. Also verdingt er sich nebenbei als Lagerarbeiter und Verkäufer in der Delikatessenabteilung eines Supermarktes.
Noch immer pumpt er sich mit Steroiden voll. Bis sein jahrzehntelang geschundener Körper irgendwann nicht mehr will. Nach einem heftigen Wrestling-Match bricht er blutüberströmt in der Umkleidekabine zusammen. Diagnose: Herzinfarkt. Mit dem Wrestling muss er aufhören, so der behandelnde Arzt im Krankenhaus. Oder «The Ram» könnte im Ring draufgehen. Es gibt nur ein Problem: Ohne das Wrestling kann er auch nicht leben.
Nähe zwischen Außenseitern
Trost sucht er bei der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei), die er regelmäßig an ihrem Arbeitsplatz besucht. Er möchte mehr für sie sein als nur ein Kunde. Sie möchte jedoch Berufliches nicht mit Privatem vermengen. Randy soll sich also erst gar nicht daran gewöhnen, sie Pam zu nennen - so ihr richtiger Name. Trotzdem entwickelt sich langsam mehr zwischen den beiden Außenseitern. Sie hilft ihm, ein Geschenk für seine Tochter Stephanie (Rachel Evan Wood) auszusuchen. Seit Jahren hatte er keinen Kontakt zu ihr. Und eigentlich will sie ihn auch gar nicht mehr sehen. Dennoch sucht er Stephanies Nähe. Derweil plant Cassidy ihren Job als Stripperin an die Stange zu hängen.
Regisseur Darren Aronofsky, in diesem Jahr für Black Swan Oscar-nominiert, hätte keinen Besseren finden können, um diese kaputte Gestalt des Randy Robinson zu verkörpern, als Mickey Rourke. Denn zwischen dem wahren Leben des Darstellers und der Figur des abgewrackten Showkämpfers offenbaren sich diverse Parallelen: Auch Rourke war ein gefeierter Star der 1980er Jahre. Dann ging es abwärts. Irgendwann versuchte er, sich als Profiboxer durchzuschlagen. Ohne Erfolg. Und die einmal ansehnliche Visage war binnen weniger Kämpfe auch dahin. Seine großen Glanzzeiten lange vorbei - wie die des trostlosen Wrestlers.
Profitabler Erfolg an den Kinokassen, zahlreiche Filmpreise
Mit dem Sportdrama gelang dem früheren Sonnyboy ein großartiges Comeback. Eindringlich und glaubwürdig spielt er den abgehalfterten Kämpfer mit der blondierten Mähne, die das Hörgerät auch nicht verdecken kann. Einen Menschen auf der Suche nach Respekt, Anerkennung und Liebe - auf seinen Platz im Leben. Dafür wurde er für den Oscar nominiert. Bekommen hat er ihn nicht. Jedoch den britischen BAFTA Award und den Golden Globe als Bester Hauptdarsteller. Zudem wurde der Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Und auch Marisa Tomei wurde für den Golden Globe und den Oscar nominiert - in der Kategorie Beste Nebendarstellerin. Zu Recht.
Wobei man sie auch als Hauptdarstellerin betrachten könnte. Die meiste Zeit fast nackt oder allenfalls leicht bekleidet, ist sie nicht nur überaus sexy und hübsch anzusehen. Die am Rande der Gesellschaft gestrandete, alleinerziehende Mutter spielt die bezaubernde Mimin mit wunderbar nüchterner Empathie, hinter der sie jedwede Gefühle zu verbergen versucht.
Während Aronofsky seine Darsteller in starken Bildern und Momenten immer wieder toll in Szene setzt. Ob Rourke wie ein Häufchen Elend, keuchend im Wald zwischen kahlen Bäumen am Boden kauert. Er, die frisch gefärbten Haare unter einem roten Handtuch zusammengerollt, Hanteln vor dem heimischen Spiegel stemmt. Ständig in der Einsamkeit verlassener Straßen an Münztelefonen steht. Die Kamera langsam über seinen geschundenen Körper fährt. Oder sich Randy «The Ram» Robinson auf einem alten Nintendo mit dem Nachbarsjungen in einem Wrestlingspiel misst, in dem er selbst als Figur vorkommt.
In einigen wenigen Momenten - mit Tochter Stephanie - schrammt The Wrestler zwar nur knapp am Kitsch vorbei. Was das tolle Drama um «Ruhm, Liebe und Schmerz», so der Untertitel, jedoch nicht schmälert.
An den Kinokassen war der Spartenfilm ebenfalls sehr erfolgreich: Bei Produktionskosten von sechs Millionen Dollar hat The Wrestler weltweit 46 Millionen Dollar eingespielt. Zudem listet ihn die wichtigste Filmdatenbank im Internet - die Internet Movie Data Base (IMDB) - mittlerweile auf Platz 173 der besten Filme aller Zeiten.
Am Ende bekommt «The Ram» noch einmal die Chance, es sich und allen anderen im Ring zu beweisen. Er tritt nach 20 Jahren gegen seinen alten Erzfeind «The Ayatholla» an. Es ist die letzte Gelegenheit für ein großes Comeback. Vielleicht sein finaler Fight?
Denn auch wenn er die Hardrock-Musik der 1980er Jahre liebt und die Musik des nachfolgenden Jahrzehnts verabscheut, so hält er es doch mit einer Ikone der 1990er: Kurt Cobain, der in seinem Abschiedsbrief schrieb «Es ist besser zu verbrennen, als langsam zu verwelken». Das letzte Bild zeigt Robinson, wie er von den Seilen auf seinen Gegner springt.
Bestes Zitat: «Dafür pustet Bob noch mal den Staub von seinem Turban.» (Der Veranstalter der Wrestling-Kämpfe sagt dies zu Randy «The Ram» Robinson im Hinblick auf dessen legendären Rückkampf mit «The Ayatholla» nach 20 Jahren.)
Filmtitel: The Wrestler
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Mickey Rourke, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood
Länge: 109 Minuten
Sentermin: Donnerstag, 9. Juni 2011, 20.15 Uhr, Das Erste
krc/news.de
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