So., 27.05.12

«It's a free world» 09.06.2011 Das Geschäft mit der Ausbeutung

Von news.de-Volontärin Juliane Ziegengeist

Geld regiert die Welt - und zu wenig Geld erst recht. Das weiß auch Jobvermittlerin Angie. Was die eigene Gier aus ihr macht, ist eine Frau ohne Moral. Ken Loachs It's A Free World blickt heute Abend auf Arte in die Seele einer Verzweifelten - und in eine Welt der Sklaverei.

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In einem provisorisch eingerichteten Jobcenter im polnischen Katowice wandern Geldpäckchen über den Schreibtisch. Am einen Ende verzweifelte Osteuropäer, die nach Arbeit im Westen suchen und dafür ihre letzten Groschen zusammenkratzen. Am anderen Ende Angie (Kierston Wareing). Die Londonerin arbeitet für eine Vermittlungsfirma, die billige Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert. Die 33-Jährige wirkt tough, ist etwas teilnahmslos am Schicksal derer, die um ihre Hilfe bitten. Dabei weiß sie selbst nur zu gut, wie es ist, sich von einem Job zum nächsten zu hangeln.

Trotzdem: Angie ist vor allem sich selbst die Nächste - weil das System es so will, erst recht als sie ihren eigenen Job verliert. Im Sozialdrama It's A Free World, das Arte heute Abend als Free-TV-Premiere zeigt, wird sie von der Ausgebeuteten zur Ausbeuterin. Nach dem Rauswurf zieht sie gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Rose (Juliet Ellis) eine eigene Personalagentur hoch - zunächst ohne Lizenz, versteht sich, bis sie liquide genug ist, um das Unternehmen anzumelden.

Dazu kommt es nicht, zu verlockend sind die Gewinnmargen, die das Geschäft mit Schwarzarbeitern und illegalen Einwanderern verspricht. Mit diesen will sie sich und ihrem Sohn Jamie (Joe Siffleet), der bei den Großeltern lebt, ein schönes Leben ermöglichen. Und so pfercht Angie die rekrutierten Arbeiter Tag für Tag wie Vieh in kleine Transporter, schickt andere als zu jung, zu alt oder zu sehr «Hippie» vom Sammelplatz. Sie betrügt die Einwanderer um ihren Lohn, verrät und wird verraten und muss schließlich um ihr eigenes und das Leben ihres Sohnes fürchten.

Die emotionale Abstumpfung kommt mit dem Geld

In einer Welt, wie sie Regisseur Ken Loach mit It's A Free World im Kleinen zeichnet, kommen nur die Skrupel- und Gewissenlosen ans Ziel. Kein Risiko, kein Geld. Angie, deren Rolle der britischen Schauspielerin Kierston Wareing zum Durchbruch verhalf, hat das schnell erkannt. Während man am Anfang noch die Hoffnung hat, dass sie schon wieder zur Besinnung kommen wird, ist spätestens zur Halbzeit des Films klar: Die schlecht blondierte Frau, die im Rockerbraut-Outfit Klienten und Gastarbeiter gleichermaßen bezirzt, hat jede Moral über Bord geworfen.

Das tut sie ohne jede Sentimentalität, wie es sich für eine Powerfrau gehört. So gefühlskalt und gleichgültig sie sich gibt, so muffig ist der Hinterhof des Sammelplatzes und so bläulich das Licht, in das die Kulisse getaucht ist. Der Wohnpark, von dem Angie illegale Einwanderer verjagen lässt, erstickt im Schlamm. Im Dunkel der Nacht bestellt sie sich männliche Gastarbeiter, deren Name sie nicht interessiert, zur nächtlichen Bespaßung aufs Zimmer.

Alle Appelle ihrer Freunde laufen ins Leere: von Geschäftspartnerin Rose, die bald das Handtuch schmeißt, von Karol (Leslaw Zurek) aus Polen, der glaubt, dass Geld nicht alles ist, oder von Angies Vater, der sie nicht mehr wiedererkennt. «Gott, verdamm' mich, Dad. Demnächst werde ich noch für den Klimawandel verantwortlich gemacht», erwidert Angie dann. Weder für den noch für die kranke Arbeitswelt und das Geschäft mit Einwanderern will Loach, der mit It's A Free World einmal mehr sein Gespür für drängende Gesellschafsthemen beweist, sie verpflichten. Er sieht aber auch davon ab, sie freizusprechen.

Ein Teufelskreis ohne Happy-End

Für Angie heißt es: am ausgetreckten Arm verhungern oder mitmachen. Das tun wir alle ein bisschen. Egal, ob wir bei Billigketten Jeans aus Pakistan oder im Supermarkt exotisches Obst aus aller Herren Länder kaufen. Insofern kann man sich nicht so recht entscheiden zwischen Abscheu und Mitleid gegenüber Angie, die stark genug ist, andere auszuliefern, aber zu schwach, sich der eigenen Widersprüche zu entledigen. Das liegt nicht zuletzt am Spiel von Wareing, die den unbändigen Willen ihrer Figur, sich nicht klein kriegen zu lassen, brutal und manchmal fast giftig verkörpert. Dabei kommt ihr aber nicht jene Naivität abhanden, die sie glauben macht, alles noch richten zu können.

Die Tragik des Films liegt in eben jener Zwiespältigkeit: Angie ist auf der Jagd - nach Arbeitern, nach Geld, nach Glück. Und sie wird gejagt - von ihren Träumen und von den Arbeitern, die sie ihrer Träume beraubt. So endet alles, wie es begonnen hat: In einem provisorisch eingerichteten Jobcenter wandern Geldpäckchen über den Schreibtisch. Nur diesmal im ukrainischen Kiew.

Bestes Zitat: «So kleine Fische wie du werden niemals erwischt.» (Ein Klient ermuntert Angie, auch illegale Einwanderer zu vermitteln.)

Titel: It's A Free World
Regie: Ken Loach
Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek, Joe Siffleet
Sendetermin: Donnerstag, 9. Juni 2011, 20.15 Uhr, Arte

krc/news.de
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