Von news.de-Mitarbeiter Armin Peter
Hans-Jochen Vogel wollte kein Urgestein sein, Christian Lindner redete zu viel und Katja Kipping fühlte sich diskriminiert: Maybrit Illner hatte eine Debatte über Arbeitsmarktpolitik geplant - die nahm teils groteske Züge an.
So lecker kann gesellschaftlicher Aufstieg sein: Tim Raue hat es vom Straßenrowdy zum Sternekoch gebracht. Statt mit einer Gang um die Häuser zu ziehen, verwöhnt er die Gäste seines Restaurants mit exquisiten Köstlichkeiten - er hat es geschafft. Andere aber nicht: Arm trotz Aufschwung - auch mit Fleiß kein Preis?, so lautete die Initialzündung bei Maybrit Illner am Abend.
Eigentlich ein dankbares Thema, dieser Evergreen deutscher Tagespolitik und damit fast schon Selbstläufer - möchte man meinen. Doch ausgerechnet am Herrentag musste sich Maybrit Illner von ihrer mütterlichen Seite zeigen, denn die Gäste schwelgten in eigenen Befindlichkeiten.
Da war zunächst Hans-Jochen Vogel: Die Moderatorin hatte den langjährigen Parteichef als «SPD-Urgestein» bezeichnet, was dieser in den falschen Hals bekam: «Urgestein, das klingt ja nach 100 Millionen Jahre alt», grummelte er. Erst als Illner ihn als «meinen persönlichen Ehrenvorsitzenden» titulierte, war Vogel bereit, sich der Frage des Abends zu widmen.
«Headhunter für Asis»
Und es wurde ein flammendes Plädoyer für die Prinzipien der katholischen Soziallehre. Damit stand Vogel dicht bei Franz Meurer. Der Sozial-Pfarrer aus Köln referierte im breitesten rheinländischen Dialekt über seine Arbeit mit Förderschülern: «Ich bin Headhunter für Asis», grinste er fröhlich in die Runde. Für Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Schwächere regte Meurer die Schaffung eines zweiten und dritten Arbeitsmarktes im Pflegebereich an. Ganz wichtig für die Motivation sei aber stets «die Gang»: Jeder brauche eine Gruppe, «die ihn fördert und fordert».
Dieses Motto wollte Tim Raue nicht so recht schmecken: Der Sternekoch betonte, dass vielmehr erst seine eigene Leistung den Erfolg ermöglicht habe. «Frag nicht, was du kassierst, sondern leiste erstmal!» - so lautete Raues wichtigste Zutat für den persönlichen Erfolg.
Und dennoch: Trotz erfreulicher Arbeitsmarktentwicklung gibt es Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können oder mit mehreren Jobs jonglieren müssen, um sich über Wasser zu halten. Darüber hätte die Moderatorin gerne mit FDP-Generalsekretär Christian Lindner und der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Linkspartei, Katja Kipping, geredet - ein schwieriges Unterfangen, denn die beiden machten aus der Debatte ihren persönlichen Kleinkrieg. Böses Funkeln über den Studiotisch hinweg inklusive.
Christian Lindner war, einmal in Fahrt, kaum noch zu bremsen: Er schwärmte von den «Flexibilisierungen» des Arbeitsmarktes infolge der Hartz-Reformen, forderte mehr Chancengleichheit durch bessere Bildungschancen und brach eine Lanze für den Aufschwung: «Besser jemand hat einen befristeten Job, als dass er dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleibt».
Kipping zückt die Geschlechterkarte
Nach dieser geballten Ladung Liberalismus fuhr Katja Kipping die Krallen aus: Sie teilte Verbalschläge gegen gierige Manager aus, machte sich für die Einheitsschule stark und pochte auf «hohe Vermögenssteuern ab einer Million». Auch der gesetzliche Mindestlohn fehlte nicht in ihrem mit wohlfeiler Empörung vorgetragenen Forderungskatalog - die stellvertretende Linksparteivorsitzende knallte Lindner das geballte Instrumentarium linker Politik vor den Latz.
Maybrit Illner beendete den Hickhack, indem sie beiden Kontrahenten kurzerhand das Wort abschnitt. Der FDP-Generalsekretär kriegte die Kurve und stritt fortan mit Vogel und dem Kölner Pfarrer. Kontroversen gab es genug: Selbst Meurer, ein überzeugter CDU-Anhänger, argumentierte für den Mindestlohn und «eine knallharte Vermögenssteuer».
Katja Kipping dagegen versuchte, die Geschlechterkarte auszuspielen: «Was muss man hier als Frau tun, um beachtet zu werden?», blaffte sie unvermittelt in Richtung Moderatorin. Illners verdatterter Blick in die Kamera sagte mehr als tausend Worte. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie diesem Erpressungsversuch nicht nachgegeben hat.
«Wir diskutieren hier wie im Hahnenkampf - von Ihnen kann man nichts über Etikette lernen» tönte es da missbilligend aus Raues Ecke. Dem ist wenig hinzuzufügen: Insgesamt hat die Debatte keine neuen Erkenntnisse geliefert - die Moderatorin leistete allerdings mit ihrer rechthaberischen Herrenriege und der eingeschnappten Dame einen echten Knochenjob.
Bestes Zitat: «Ich bin begeistert, Herr Meurer, dass Sie in Köln Pillen und Kondome verteilen. Das wünsch' ich mir auch für den Kirchentag in Dresden.» (Linksparteivizechefin Katja Kipping hatte ein vergiftetes Kompliment für den Sozial-Pfarrer parat.)
cvd/boi/news.de