So., 27.05.12

«Best Of Comedy» 31.05.2011 Deutsch und trotzdem lustig - geht das?

Von news.de-Redakteur Michael Kraft

Im Fernsehen nimmt die Comedy-Welle kein Ende. Cindy aus Marzahn, Mario Barth oder Matze Knop begeistern Millionen. Trotzdem gelten wir als ein Volk, das keinen Spaß versteht. Ist die Fernseh-Comedy dafür vielleicht einfach zu schlecht?

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Deutsche Autos? Echte Wertarbeit. Deutsche Torhüter? Weltklasse. Deutschlands Einfluss auf die Welt - ein Segen für die Menschheit. Aber deutscher Humor? Der gilt nicht gerade als Exportschlager. Mancher würde sogar behaupten, die Kombination der Begriffe «deutsch» und «Humor» schließe sich grundsätzlich aus. In vielen Teilen der Welt meint man noch immer, die disziplinierten, kaltherzigen, rationalen Deutschen gingen zum Lachen in den Keller.

Dabei stimmt das gar nicht. Die Deutschen gehen zum Lachen ins Wohnzimmer. Und schalten den Fernseher an. Seit fast 20 Jahren schüttelt sich der Bildschirm in einem quasi chronischen Lachkrampf. RTL Samstag Nacht (ab 1993) machte den Anfang, die Sat.1-Wochenshow oder der Quatsch Comedy Club auf Pro7 (beide ab 1996) folgten - auch heute vergeht kein Tag, ohne dass jemand meint, er sei witzig, bloß weil vor ihm eine Fernsehkamera steht.

Kein Volk ohne Witz

«Das Vorurteil vom Volk ohne Witz kann sich angesichts des Angebots an Comedy-Sendungen im deutschen Fernsehen wohl kaum noch überzeugend vertreten lassen», sagt Karin Knop, Autorin des Buches Comedy in Serie, zu news.de. Am liebsten lachen die Deutschen nach ihren Erkenntnissen über klassische Alltags- und Beziehungsprobleme, Medienkritik wie von Harald Schmidt oder Stefan Raab und über «Impro-Comedy» wie die Schillerstraße.

Ein Ende des Comedy-Booms ist dabei nicht in Sicht. Die witzigsten TV-Stars stellen wir in unserer Fotostrecke vor. Die meisten von ihnen sind weiterhin gut im Geschäft. Olli Dittrich, der bei RTL Samstag Nacht seinen Durchbruch hatte, räumt derzeit im Kino ab. Sat.1 legt die Wochenshow neu auf. Und das unlängst erschienene Buch Best Of Comedy versucht, einen Eindruck von der Bandbreite deutschen Humors zu vermitteln. Texte von Helge Schneider und Oliver Kalkofe stehen da neben Beiträgen von Matze Knop und Ralf Schmitz.

Aus Blödelbarden wurden Comedians

Auch uralte Sketche von Otto Waalkes werden in Best Of Comedy noch einmal aufgewärmt. Dabei hätte Waalkes nie gedacht, einmal als «Comedian» bezeichnet zu werden: «Als ich anfing, gab es in Deutschland keinen, der allein zwei Stunden auf der Bühne Stand-Up gemacht hat. Man kannte nicht mal das Wort: ‹Stand-Up› - war das etwa das Gegenteil von ‹Sit-in›? Comedians waren ‹Blödelbarden›», blickt er in einem Interview zurück.

Auch Mike Krüger kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als der Markt der Komiker noch in ähnlich üppige Stücke aufgeteilt war wie heute die Mineralölbranche: «Früher, während der ersten 15 Jahre meiner Karriere nach Mein Gott, Walther oder dem Nippel, waren wir ja nur wenige. Otto Waalkes, Karl Dall, Jürgen von der Lippe und ich, wir haben uns den Kuchen mehr oder weniger geteilt und uns damals schon immer scherzhaft gefragt: Wieso gibt's keine anderen?», verriet er im Gespräch mit der Welt. «Und dann auf einmal kamen die Jungs so zahlreich aus den Löchern geschossen, sagenhaft. Aber ich finde das ja heute gut. Denn Lachen kann man nicht genug produzieren, gerade in der heutigen, schwierigen Zeit.»

Lachen gegen den sozialen Abstieg

Ein spannender Gedanke. Sind wir Deutschen vielleicht nach wie vor Spaßbremsen, aber neuerdings so verrückt nach Comedy, weil wir Trost und Ablenkung brauchen? «Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt», hat Joachim Ringelnatz einmal formuliert, und Matthias Matussek stellte unlängst in einem Streitgespräch über deutschen Humor fest: «In der Unterdrückung hat der Witz Hochkultur.» Folgt man dieser These, kann man leicht zu dem Schluss kommen: Die Deutschen sind keineswegs plötzlich zu lebensfrohen, heiteren Witzbolden mutiert. Stattdessen steigt mit dem wachsenden Druck in der globalisierten Welt, mit der Angst vor sozialem Abstieg hierzulande auch das Bedürfnis, einmal albern sein zu können.

«Comedy im Fernsehen funktioniert mit wenig Aufwand für den Zuschauer. Man kann den Alltag vergessen, den Stress im Job - oder auch die Tatsache, dass man gar keinen Job hat», erklärt Experte Jochen Lambernd für news.de diesen Zusammenhang. Der NDR-Redakteur hat seine Doktorarbeit über das Thema Scherz ist Trumpf - Humor im Fernsehen geschrieben und nebenher selbst Gags fürs TV verfasst, etwa für die Harald Schmidt Show. Auch Karin Knop betont die sogenannte aggressive Funktion des Humors, der dazu dienen kann, Kritik und Auflehnung gegen Höhergestellte und Autoritäten zum Ausdruck zu bringen. Comedy-Formate im Fernsehen eigneten sich für die Zuschauer besonders gut, «Mood-Management» zu betreiben, also ihre Stimmung aufzuhellen.

Die Privatsender haben sich diese Mechanismen zunutze gemacht. Für die Dauerbespaßung der Sender gibt es aber noch einen anderen Grund. «Comedy-Formate lassen sich relativ kostengünstig produzieren. Sogar bei RTL Samstag Nacht, wo die Macher sehr penibel und detailverliebt waren, blieben die Kosten Peanuts im Vergleich zu einer ZDF-Samstagabend-Show», erklärt Lambernd. Wenn heute mitunter einfach das Live-Programm von Mario Barth, Dieter Nuhr oder Atze Schröder ausgestrahlt werde, sei das für die Sender sogar noch billiger.

So schafften nach und nach auch immer mehr Komiker den Sprung ins Fernsehen - entsprechend hoch sei die Fluktuation, meint Lambernd: «Die großen Namen bleiben lange, viele kleinere erleben ein paar Jahre im Rampenlicht, dann sind sie wieder weg.» Ähnlich sieht das Elke Reinhard, Autorin von Warum heißt Kabarett heute Comedy?, im Gespräch mit news.de: «Wer fürs Fernsehen im Bereich Kabarett arbeitet, steht unter einem enormen Produktionsdruck - jede Woche müssen neue Ideen eingebracht und bestmöglich umgesetzt werden. Da kann die Qualität nicht immer gleich hoch sein.»

Kabarett und Comedy verschmelzen

Zur Massenproduktion dank geringem Kostenfaktor kam aber zu Beginn des Comedy-Siegeszugs auch ein Umdenken bei den Programmverantwortlichen. Wochenshow-Moderator Ingolf Lück kann sich noch gut erinnern, wie die Situation in den 1980er Jahren war. Komiker aus seiner Generation «kamen ja gar nicht ins Fernsehen hinein, weil wir unter vierzig waren, weil die Großen ihre Sendungen hatten und weil wir auch nicht in der Lage waren, mit diesen schrecklichen öffentlich-rechtlichen Redakteuren zu reden, die zum Lachen in den Keller gingen».

Die Privatsender sorgten dann für einen Sinneswandel, erklärt Experte Lambernd: «Kabarett galt als anstrengend, da musste man viel politisches Wissen mitbringen. Comedy konnte man auch auf die Schnelle anschauen. Die Privaten haben diese Nische besetzt.» Das habe seitdem dazu geführt, dass die einst weit voneinander entfernten Kunstformen mehr und mehr verschmelzen. «Das eigentlich ernste, politische Kabarett geht zum Teil mehr in die Comedy-Ecke und umgekehrt gibt es auch Comedians, die sehr politisch sein können. Vielleicht eine Art gegenseitige Befruchtung der Bereiche», hat Lambernd beobachtet.

Auch Hugo Egon Balder meint, dass die Unterscheidung der lange Zeit verfeindeten Lager unsinnig ist. «Irgendwann gab es mal die Einschätzung: Comedy ist doof, Kabarett ist intelligent. Und das stimmt einfach nicht», stellte der Moderator und Produzent in der Talkshow von Reinhold Beckmann fest.

Was lustig ist, wird für banal gehalten

So ganz ist die deutsche Urangst vor dem Amüsement allerdings noch nicht überwunden. Expertin Knop möchte beim Blick auf das TV-Angebot zwar nicht von einem spezifisch deutschen Humor sprechen. «Typisch deutsch scheint mir jedoch zu sein, dass Humor einem allgemeinen Banalitätsverdacht unterliegt. Wir haben eine enorme Beliebtheit der Comedyangebote im Fernsehen, diskutieren aber nach wie vor den Niveauunterschied zwischen High- und Low-Culture respektive Kabarett und Comedy. Das scheint mir in anderen Ländern, insbesondere im anglo-amerikanischen Raum, deutlich unaufgeregter gehandhabt zu werden», sagt sie.

Ganz ähnlich sieht das Roger Boyes, der sich als Berlin-Korrespondent der Times und Buchautor (My Dear Krauts) jahrelang beruflich über die Eigenheiten der Deutschen gewundert hat. Dass die Deutschen, von denen sich in Umfragen übrigens drei Viertel selbst als «humorvoll» einschätzen, weniger witzig sind als andere Völker, mag der Engländer nicht bestätigen: «Irgendwie haben sich die Deutschen selbst eingeredet, dass ihr Sinn für Humor dem anderer Länder unterlegen ist.»

Womöglich, weil es hierzulande einfach wenig anerkannt wird, wenn man Leute zum Lachen bringt - zumal, wenn die Bespaßung auch noch im Privatfernsehen stattfindet. Dazu passt auch eine Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2001 zur Comedy im deutschen Fernsehen. Nur knapp die Hälfte der Befragen zeigte sich damals mit der Qualität der Sendungen zufrieden. Geschaut werden sie, damals wie heute, trotzdem sehr gerne. Das zeigt vielleicht, was wirklich die deutscheste Form des Amüsements ist: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Die witzigsten Deutschen von Mario Barth bis Heinz Erhardt stellen wir in unserer Fotostrecke vor.

Titel: Best Of Comedy
Autoren: Willy Astor, Otto Waalkes, Michael Mittermeier, Helge Schneider u. a.
Umfang: 243 Seiten
Verlag: Riva
Preis: 14,99 Euro
Erscheinungstermin: 11. April 2011

car/wie/news.de
Leserkommentare (6) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • JR
  • Kommentar 6
  • 01.06.2011 18:18
 Antwort auf Kommentar 5

Zu Mario Barth: Das Olympia-Stadion in Berlin wurde nicht wegen seiner Fähigkeit als Spaßmacher gefüllt, sondern es ging um einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde. Dafür wurde im Vorfeld, durch ihn selbst, als auch die Unterschichten Fernsehanstalten, seinerzeit reichlich Werbung betrieben. Für mich ist es ein grottenschlechter Spaßmacher schlechthin. Im übrigen stimme ich Ihnen in der Folge zu und möchte ergänzen: werft mal einen Blick am Freitag abend ab 22:00 Uhr in das Bayerische Fernsehen, dort wird wirklich gepflegte Satire, gepflegter Witz und Humor, für die ganze Familie geboten.

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  • dmolly
  • Kommentar 5
  • 01.06.2011 17:50
 

Es gibt in Deutschland schon einige gute Comedy-Sendungen, aber was zum Teil als witzig angepriesen wird, hat mit Humor nun überhaupt nichts zu tun. Wenn man sich überlegt, dass Maria Barth das Olympia-Stadion in Berlin gefüllt hat und die Menschen ihm zugejubelt haben, zweifelt man allerdings an der Intelligenz dieser Leute. Was er (und viel andere) auf der Bühne von sich gibt, ist unterste Gürtellinie. Trotzdem, wir haben wirklich gute comedians - s. Dieter Nuhr, Loriot etc.

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  • berniboy
  • Kommentar 4
  • 01.06.2011 14:51
 

Man kann sie alle einmal sehen das reicht dann aber auch.Warum? Immer die selben Grimassen ziehen, immer das das selbe hin und her springen.Gut! es gibt den einen oder anderen der versucht mal etwas anderes,allerdings ohne Erfolg.Resultat wir haben einfach zu viele die das selbe machen. Schaut man hinter der Bühne na ja.

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  • pedro
  • Kommentar 3
  • 01.06.2011 13:12
 

erschreckend und überhaupt nicht lustig: Mario Barth ist der erfolgreichste deutsche "Comedian", wobei er mit seiner Geist- und einfallslosigkeit das peinliche Gegenteil von Humor verkörpert.

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  • Hausmeister Krause
  • Kommentar 2
  • 31.05.2011 17:29
 

Flitzpiepen wie Oliver Pocher mit Kabarett-Größen wie Georg Schramm in einen Topf zu werfen, ist ein wenig gewagt. Immerhin wird hier über den Spaßfaktor gezeigt, wo der Humor-Hammer hängt. Einer fehlt aber definitiv: Rainald Grebe!

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  • Mathias Segebade
  • Kommentar 1
  • 31.05.2011 16:35
 

Deutschland ist witzig, aber in Ihrer Zusammenstellung fehlen einige Highlights. Wo ist zum Beispiel Dietmar Wichmeyer, der bekanntlich mit Kalkofe und Welke im Radio angefangen hat und z.B. der Lieblingsautor von Jürgen von der Lippe ist.

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