Simon Beckett «Kein Verlag hat sich für mich interessiert»

Simon Beckett ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren der Welt - seine inzwischen vierbändige Krimireihe um Forensiker David Hunter verkaufte sich millionenfach. Und das, obwohl Beckett zwischenzeitlich das Schreiben aufgegeben hatte.

Sie spielten früher als Perkussionist in verschiedenen Bands und standen deshalb schon lange bevor Sie mit Lesungen tourten auf Bühnen. Wo sind die Unterschiede zwischen Konzerten und Lesungen für Sie?

Simon Beckett:
Als Perkussionist stand ich immer weit hinten auf der Bühne, während die Sänger und Gitarristen vorn um die Aufmerksamkeit der Fans kämpften. Ich fand das übrigens gut. Ich war glücklich da hinten. Jetzt bin ich ganz vorne im Zentrum der Aufmerksamkeit, das ist ein bisschen seltsam. Aber ich habe mich daran gewöhnt und ich mache diese Lesungen sehr gern.

Es muss ein sehr großer Unterschied für Sie sein, ob Sie in England in ihrer Muttersprache lesen oder in Deutschland sind, wo oft andere aus den deutschen Übersetzungen Ihrer Bücher lesen.

Beckett:
Nicht nur deswegen ist es ein großer Unterschied. In Großbritannien gibt es die deutsche Tradition öffentlicher Lesungen kaum. Wir lesen nur einen kurzen Ausschnitt und diskutieren anschließend gemeinsam über das Buch. Hier ist das anders. Aber mir gefallen diese echten Lesungen. Ich genieße es, Johannes Steck zuzuhören.

Sie sprechen den deutschen Schauspieler Johannes Steck an, der Ihre Hörbücher liest und Sie auch auf Lesungen in Deutschland begleitet. Welchen Eindruck haben Sie von Stecks Lesungen?

Beckett: Er macht das toll. Ich kann ihm überraschend gut folgen, obwohl ich nicht Deutsch spreche. Das liegt daran, dass er die Charakterstimmen so toll spricht. Er bringt dadurch viel Rhythmus in die Lesungen. Obwohl ich kein Wort verstehe, ist es toll, dieser Musikalität von Johannes Stecks Inszenierung meiner Texte zu lauschen.

Haben Sie verschiedene Stimmen im Kopf, wenn Sie Ihre Geschichten schreiben?

Beckett:
Ja, ich höre meine Charaktere sprechen. Auch wenn ich bestimmte Szenen beschreibe, spiele ich sie im Kopf mit. Es ist ein bisschen, wie wenn man einen Film guckt. Diesen Film versuche ich dann zu Papier zu bringen und ihn dabei so natürlich wie möglich zu halten.

Trotzdem kann es passieren, dass Ihre Leser ein ganz anderes Bild, einen anderen Film vor Augen haben als Sie.

Beckett: Ja, aber das ist das Schöne am Lesen, dass man sich in die Geschichte hineinversetzt. Die Vorstellungskraft funktioniert oft viel besser als ein echter Film. Man liest Wörter, aber das Gehirn baut augenblicklich Bilder daraus.

Gibt es einen bestimmten Ort in Ihrem Haus, an dem Sie schreiben?

Beckett: Früher habe ich immer von einer gemieteten Wohnung aus gearbeitet. So konnte ich morgens zur Arbeit gehen und abends heimkommen. Inzwischen habe ich ein kleines Büro zuhause, aber ich arbeite noch immer so, dass ich mich morgens dort einschließe und erst nach getaner Arbeit wieder rauskomme.

Brauchen Sie eine bestimmte Stimmung, um in Ihren Schreibfluss zu kommen? Nutzen Sie zum Beispiel Musik oder ein bestimmtes Licht, um eine Laune zu kreieren?

Beckett: Es gibt Autoren, die so arbeiten, aber ich mache das nie. Das würde mich sofort ablenken und es ist schon so viel zu einfach, sich vom Schreiben ablenken zu lassen. Ehrlich gesagt sucht man als Schriftsteller nach jeder Entschuldigung nicht zu schreiben, die man sich nur ausdenken kann: Ein Bekannter von mir fängt an, seinen Swimming Pool zu reinigen, wenn er eigentlich schreiben müsste. Geschirr abwaschen ist auch so etwas, was man nur macht, um sich nicht an den Schreibtisch setzen zu müssen und zu arbeiten.

Bevor Sie Schriftsteller wurden, arbeiteten Sie als Journalist. Wann stellten Sie fest, dass Sie lieber Romane schreiben wollten?

Beckett: Das war eigentlich anders herum. Ich wollte einen Roman schreiben, konnte aber nichts veröffentlichen, weil sich kein Verlag dafür interessierte. Ein Freund schlug mir also vor, als Journalist zu arbeiten. Und weil ich meine Rechnungen bezahlen musste, probierte ich es aus und es funktionierte. Kurz darauf wurde dann doch mein erstes Buch veröffentlicht und dann lief meine journalistische Arbeit parallel zu meiner schriftstellerischen.

Wann hörten Sie auf, für Zeitungen zu schreiben?

Beckett: Auch das war genau umgekehrt. Ich hörte Ende der 1990er Jahre nicht auf, als Journalist zu arbeiten, sondern als Schriftsteller. Ich habe in den 1990ern vier Bücher geschrieben, die jedoch nicht sehr erfolgreich waren. Irgendwann hatte ich eine Art Karriere-Krise und hörte auf Romane zu schreiben. Ein paar Jahre war ich dann Vollzeit als Journalist tätig.

Was passierte, das Sie wieder zu einem Buch animierte?

Beckett:
Ich besuchte die Body FarmForschungseinrichtung der Universität von Tennessee, in der Verwesungsprozesse menschlicher Leichen untersucht werden. der Universität von Tennessee, das war 2002. Und es war eine rein journalistische Arbeit, die mich dorthin führte. Aber was ich dort erlebte, hinterließ einen so enormen Eindruck, dass ich nicht anders konnte, als diese Erfahrung in einem Buch zu verarbeiten. Als ich zurück in das Vereinigte Königreich kam, wusste ich: Daraus wird ein Roman.

Sie sind also ganz offensichtlich sehr an Polizeiarbeit interessiert - haben Sie jemals darüber nachgedacht, für die Polizei zu arbeiten?

Beckett: Nein, ehrlich gesagt nie. Aber schon als Journalist war ich immer sehr interessiert, über Polizeiarbeit zu berichten. Das waren die spannendsten Reportagen. Der Besuch der Body Farm war letztlich der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Verwesung heißt Simon Becketts neuestes Buch, der vierte Teil der Krimireihe um den Rechtsmediziner David Hunter. Nach seinem Erscheinen Anfang 2011 stürmte das Buch die deutschen Bestsellerlisten und stand wochenlang auf Platz eins. Insgesamt hat Simon Beckett weltweit mehrere Millionen Bücher verkauft. Als Journalist arbeitet er inzwischen nicht mehr.

Lesetipp: Verwesung. Simon Beckett, Wunderlich Verlag, 448 Seiten, 23 Euro.

Neue TV-Kommissare: Nachwuchs bei «Tatort» und Co.

krc/wie/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Karl Stuelpner
  • Kommentar 1
  • 06.02.2014 14:23

Durch die Bücher von Simon Beckett wurde ich nach Jahren der Bücherleseabstinenz wieder an das richtige Lesen herangeführt. Mit einemmal war das Lesen wieder richtig spannend und ich war wieder mittendrin. Das jetzt nach zweijähriger Pause endlich wieder ein Band erscheint ist einfach toll. Andere Autoren haben es sehr schwer neben ihm.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig