So., 27.05.12

«Tatort»-Nachlese 30.05.2011 Zickige Alkoholiker

Von news.de-Redakteur Sven Wiebeck

Wer war eigentlich Stephan Derrick? Okay, ein fiktiver Oberinspektor bei der Münchner Kriminalpolizei. Aber was weiß man sonst über ihn? Als Privatperson? Genau: nichts. Ganz anders bei den heutigen Tatort-Ermittlern. Die leben ihre persönlichen Probleme auf dem Bildschirm aus. Zu sehr?

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«Vom biologischen Alter her hast Du die Werte von einem 30-Jährigen.» Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) lächelt zufrieden. Doch seine Ärztin hat ihre Ausführungen noch nicht beendet. «Allerdings von einem, der mit 15 angefangen hat zu saufen, Kette zu rauchen und der sich ausschließlich von Junkfood ernährt», ergänzt sie. Seine Miene verdunkelt sich.

«Was heißt das?», will der 50-Jährige mit den dreifach erhöhten Leberwerten wissen. Nun ja, wenn er die 60 noch erleben wolle, heißt das ab sofort: kein Alkohol, keine Zigaretten, gesunde Ernährung, mindestens zehn Kilo abnehmen und Sport treiben - regelmäßig. Als Alternative bliebe nur der Zentralfriedhof.

Wenig später sitzt der Kriminaler mit Kollegin und Tochter gemeinsam beim Mittagessen, schiebt sich missmutig die Salatblätter in den Mund, während die Partnerin der Fleischeslust frönt. Das große Bier muss er sich ebenfalls verkneifen. Anweisung von Tochter Claudia (Tanja Raunig).

Was als amüsanter Einstieg in den Tatort - Ausgelöscht beginnt, ist letzten Endes Ausdruck eines bereits lange zu beobachtenden Trends: dass das Privatleben der Figuren immer bedeutender wird. Die Person des Ermittlers als solche. Und mit diesen unterirdischen Gesundheitswerten hat nun also auch der Wiener Chefinspektor sein ganz persönliches, in diesem Fall physisches Wehwehchen.

Mund abputzen, weitermachen

Vorbei sind anscheinend die Zeiten, in denen Horst Schimanski vom Zechengerüst krachte und vom Auto umgefahren wurde, bloß um sich mit verschrammter Stirn den Kohlenpott-Staub von der beigen Feldjacke zu klopfen. Ähnlich kompromisslos tritt von den heutigen Tatort-Kommissaren wohl lediglich der verdeckt arbeitende Hamburger LKA-Ermittler Cenk Batu alias Mehmet Kurtulus auf. Jedoch deutlich stilvoller und eloquenter.

Nur kommt dieser im Gegensatz zu dem prollig-polternden Duisburger Kultkommissar mit Rüpelcharme bei den Zuschauern nicht wirklich an. Obwohl die um ihn gesponnenen Geschichten durchweg eindeutig zu den besten gehören, in denen er zudem stets hervorragend agiert. Hier stehen die Fälle im Mittelpunkt des Geschehens. Die Betroffenen - Opfer und Täter. Von Batu erfährt man so gut wie nichts.

Ganz anders gestaltet sich dies etwa bei Charlotte Lindholm in Person von Maria Furtwängler - alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes. Immer wieder tun die Erzählungen aus Niedersachsen viel Persönliches kund, richtet sich der Fokus zumindest zeitweise mehr auf private Bekanntschaften - wahlweise schrulliger Mitbewohner, Mutter oder Liebhaber - und Ereignisse als auf Verdächtige und die Ermittlungen. Auch im angrenzenden Bremen sowie in weiteren, ganz unterschiedlichen Gegenden der Republik fließen immer wieder das Erwachsenwerden der Kinder, Beziehungsstress oder das eigene Suchtproblem in die Kriminalfälle mit ein.

Durchs Schlüsselloch fällt der Blick nicht immer aufs Wesentliche

So teilt sich etwa in Leipzig mit Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) ein Ex-Ehepaar Dienstwagen und Büro. Was immer wieder zu überflüssigen Zickereien führt. Und so hat Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die Neue an der Seite des Wiener Oberinspektors Eisner, ein ordentliches Alkoholproblem und zwielichtige Freunde aus ihrer Vergangenheit bei der Sitte. Bleibt abzuwarten, welches Geheimnis der Frankfurter Kommissar Frank Steiner (Joachim Król) noch offenbart. Erst kürzlich hat dieser seinen Dienst im Ersten aufgenommen.

Natürlich sollen all diese persönlichen Makel und Macken, facettenreichen Schicksale und Irrungen den Charakteren mehr Tiefe geben, der Dramaturgie durch die Personalisierung mehr Spannung verleihen. Und es spricht ja auch grundsätzlich nichts dagegen, dass der Zuschauer ab und an durch das Schlüsselloch der Wohnungstür oder einen Spalt der Küchenvorhänge der Ermittler linst. Doch sollte ihm all das nicht den Blick auf das Wesentliche, die Kriminalgeschichte, verstellen.

Oder? Wie sehen Sie das? Wie viel Privatleben sollten die Tatort-Ermittler haben? Sagen Sie uns Ihre Meinung. Diskutieren Sie mit - im Kommentarfeld unterhalb des Textes.

car/news.de
Leserkommentare (6) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • 0ldi45
  • Kommentar 6
  • 31.05.2011 09:52
 

mir sind die privaten Enthüllungen peinlich und verderben die Spannung

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  • 0ldi45
  • Kommentar 5
  • 31.05.2011 09:51
 

Mir sind diese Privat-Enthüllungen peinlich und verderben den Geschmack an der Story und Ermittlung

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  • zenzi
  • Kommentar 4
  • 31.05.2011 00:44
 

Bei einigen Tatort-Teams sind doch die persönlichen Marotten der Ermittler erst das Salz in der Suppe. Was wären die Münsteraner ohne den dusseligen Gerichtsmediziner mit seinem Alberich und seinem ihm in Hassliebe verbundenen Kommissar? Und die Wiener Bibi ist so gut, dass man darüber fast den Kriminalfall vergisst. Diese Frau hätte es verdient, öfter bei uns im Fernsehen aufzutauchen. Kriminalfälle, besonders wenn sie zeitlich begrenzt gezeigt werden müssen, sind nun mal relativ austauschbar. Wenns da nicht noch die Kommissare gäbe, wär der Tatort schon längst tot.

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  • Markus Rhinow
  • Kommentar 3
  • 30.05.2011 21:52
 

Meiner Meinung nach kann das Privatleben der Kommissare gut in den Tatort reinspielen, solange es nicht überhand nimmt. Ich meine die Tatorte mit der Charlotte Lindholm sind trotz ihren privaten Problemen immer sehr interessant und spannend gewesen. Lena Odenthal hatte ja auch eine Beziehung mit ihrem Kollegen Koppa, und hat die Fälle immer mit Bravur gelöst. Ich hoffe das Frank Steiner bald durch ein junges Team abgelöst wird, und die Tatorte nun wieder eine Verjüngung bekommen, denn zu viele alte Kommissare sind nicht interessant, wenn sie sich nur über ihre Gesundheit aufregen.

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  • Erich Scholz
  • Kommentar 2
  • 30.05.2011 12:55
 

Ich frage mich, ob die Kriminalisten der Republik wirklich alle in zerrütteten Verhältnissen leben, wie uns die Tatort-Filme glauben machen wollen. So gut wie keiner von Ihnen lebt in einer funktionierenden Ehe - höchstens ist man geschieden - und die meisten haben auch keine Kinder. Die uns in den "Tatorten" gezeigten Ermittler sind alle beziehungsunfähige zumeist ziemlich kapputte Typen. Zugegeben, der Dienst ist - zumindest im Fernsehen - sicherlich hart und nicht gerade familienfreundlich, aber diese "Kriminaler" stellen nicht gerade ein gutes Vorbild für unsere Jugend dar. Ich halte

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  • Erich Scholz
  • Kommentar 1
  • 30.05.2011 12:53
 

Ich frage mich, ob die Kriminalisten der Republik wirklich alle in zerrütteten Verhältnissen leben, wie uns die Tatort-Filme glauben machen wollen. So gut wie keiner von Ihnen lebt in einer funktionierenden Ehe - höchstens ist man geschieden - und die meisten haben auch keine Kinder. Die uns in den "Tatorten" gezeigten Ermittler sind alle beziehungsunfähige zumeist ziemlich kapputte Typen. Zugegeben, der Dienst ist - zumindest im Fernsehen - sicherlich hart und nicht gerade familienfreundlich, aber diese "Kriminaler" stellen nicht gerade ein gutes Vorbild für unsere Jugend dar. Ich halte

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