Von news.de-Mitarbeiterin Katharina Bott
Im September 1940 flüchtet Stefan Zweig mit seiner zweiten Ehefrau Lotte Altmann nach Brasilien. Der Roman Vorgefühl der nahen Nacht fokussiert die letzten sechs Lebensmonate des berühmten Schriftstellers.
«Er hatte sechzig Millionen Bücher verkauft. Er war in beinahe dreißig Sprachen übersetzt worden, vom Russischen über Sanskrit bis zum Chinesischen. (…) Er hatte Gedenkreden für seinen Freund Rilke (…) gehalten, das Haus Tolstois in Moskau eingeweiht, die Trauerrede für Freud in London gehalten. Er hatte Hermann Hesse bei seinen ersten schriftstellerischen Versuchen unterstützt. Ohne seine Hilfe hätte der in Verzweiflung versunkene Joseph Roth niemals seinen Radetzkymarsch vollendet. Einstein, der große Einstein persönlich, hatte um ein Treffen mit ihm gebeten.»
Stefan Zweig schien in den 1920er Jahren der Mittelpunkt der Welt, zumindest Wiens, zu sein: ein jüdischer Bestsellerautor, Freund aller Genies und Schöngeister seiner Zeit, ein Lebemann. Bis er vor den Nazis flüchten muss und seine Bücher verbrannt werden. Der französische Autor Laurent Seksik schafft es in seinem Roman Vorgefühl der nahen Nacht, sowohl diese vergangene Welt wiederauferstehen zu lassen, als auch ein Psychogramm der letzten sechs Lebensmonate Zweigs aufzuzeichnen.
In der Zeit von September 1941 bis Februar 1942 lebten die Zweigs im brasilianischen Petrópolis. Der malerische Zufluchtsort ziert das Buchcover. Glücklich wurden die Zweigs dort bekanntlich nicht: Die dreißig Jahre jüngere Lotte kämpft mit Asthma, mit den Stimmungsschwankungen ihres Mannes und ihrer Eifersucht auf Zweigs erste Frau. Und Stefan überkommt peu à peu die Nacht: Der leidenschaftliche Pazifist verwindet den Verlust seiner inneren Heimat, seiner Bücher, seiner Kunstschätze nicht. Er erträgt die Isolation nur schwer und flüchtet sich mehr und mehr in seine eigene Schattenwelt.
Vorgefühl der nahen Nacht ist bereits Laurent Seksiks vierter Roman. Zuhause gelang ihm mit dem Zweig-Roman der Durchbruch: Im vergangenen Jahr erstürmte er die französischen Bestsellerlisten. Kein Wunder: Seksis feinsinnige Sprachwahl, sein Vermögen, das Innerste des verzweifelten großartigen Schriftstellers nach Außen zu kehren und den Freitod als logischen Schluss erscheinen zu lassen, sind die Stärken des Romans. Das atmosphärisch dichte, intime, sprachlich hinreißende Buch erschien nun auch in Deutschland. News.de ist es einen Buchtipp wert - nicht nur für Fans von Stefan Zweig, für die jedoch ein Muss.
Bestes Zitat: «Hitler war der Autor von Millionen unübertrefflicher Tragödien. Die Literatur hatte ihren Meister gefunden.»
Autor: Laurent Seksik
Titel: Vorgefühl der nahen Nacht
Übersetzung: Hanna van Laak
Verlag: Blessing
Umfang: 208 Seiten
Preis: 18,95 Euro
Erscheinung: 23. Mai 2011