Von news.de-Mitarbeiterin Stephanie Bremerich
Selten waren sich die Teilnehmer einer Talkshow so einig, und selten zeigten sie sich zugleich so hilflos. Beim Thema sexueller Missbrauch warfen Sandra Maischbergers Gäste einige Fragen auf. Viele Antworten mussten jedoch offen bleiben.
«Ein Jahr Kampf gegen sexuellen Missbrauch: Wie machtlos sind wir?» fragt Sandra Maischberger zum Einstieg und macht damit deutlich, was die Diskussion im Folgenden zu bestätigen scheint: Machtlos sind wir auf jeden Fall; es fragt sich nur, wie sehr und vor allem, wie lange noch.
«Missbrauch dauert oft ein ganzes Leben, auch wenn die Tat längst vorbei ist», sagt Christine Bergmann. Über ein Jahr lang hat sich die Missbrauchsbeauftragte intensiv mit den Geschichten und Schicksalen der Opfer sexueller Übergriffe auseinandergesetzt. Nun hat Christine Bergmann ihren Abschlussbericht vorgelegt. Nachdem sich im letzten Jahr die Missbrauchsskandale in Internaten und Kirchen gehäuft hatten, war Bergmann im März 2010 von der Regierung beauftragt worden, eine Anlaufstelle für die Betroffenen einzurichten und die Fälle aufzuarbeiten.
Über 15.000 Anrufe und Briefe habe sie erhalten, seit 2010 ihre Stelle als «unabhängig Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs» eingerichtet worden sei. Eine unvorstellbare Zahl, deren Ausmaß sie selbst überrascht und schockiert habe, wie die ehemalige Familienministerin und Berliner Senatorin bei Menschen bei Maischberger zugibt.
Die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt zu rücken – diesen Aspekt greift auch die Sendung auf, was ein Blick auf die Gästeliste deutlich macht. Neben Christine Bergmann sind Stephanie zu Guttenberg (Präsidentin der deutschen Sektion von «Innocence in Danger») und der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke eingeladen. Vor allem sollen aber an diesem Abend die Betroffenen selbst zur Sprache kommen.
Da ist Isabel Brockhöfer, die seit ihrem sechsten Lebensjahr täglich von ihrem Adoptivvater missbraucht wurde und erst mit 13 Jahren ihr Schweigen brach. Da ist Johanna Treimer, deren Sohn als Ministrant Opfer sexueller Übergriffe durch den Dorfpfarrer wurde. Und da ist Björn Becher, der Stiefsohn des berüchtigten Detlef S. aus Fluterschen im Westerwald. Wie seine Geschwister wurde auch Björn Becher brutal misshandelt; seine Schwestern wurden für Sex an andere Männer verkauft, und mit Bechers Zwillingsschwester zeugte Detlef S. acht Kinder.
Es sind unvorstellbare Dinge, von denen Brockhöfer, Treimer und Becher berichten – nicht nur, was die Taten und die Täter, sondern auch, was das Danach betrifft, insbesondere das Scheitern: an bürokratischen Strukturen, an Institutionen, die sich nicht verantwortlich fühlen, an einer Rechtssprechung, die für die Betroffenen oft nicht nachvollziehbar ist und sie nicht angemessen entschädigt.
Dass sich hier etwas tun muss, darüber sind sich alle einig. Ebenso einmütig wirkt allerdings auch die Ratlosigkeit, wie das konkret aussehen könnte. Erziehung, Beratung, Information sind die Fixpunkte, um die sich die Diskussion im Folgenden dreht. Jedoch: So vage, wie das klingt, so wenig neu ist es auch und so wenig elaboriert bleibt es.
Altbekannte Forderungen nach Weiterbildungsmaßnahmen und Aufklärung kommen auf den Tisch. So plädiert Stephanie zu Guttenberg für mehr Öffentlichkeitsarbeit, Christine Bergmann moniert die mangelnde Professionalisierung von Therapeuten und Beratungsstellen, und Weihbischof Jaschke betont immerhin, dass die katholische Kirche bereits einige Maßnahmen wie eine neu eingerichtete «Koordinierungsstelle» ergriffen habe.
Problemanalyse, Resümee oder Ausblick? Wohl ein bisschen von allem ist es, was an diesem Dienstagabend bei Sandra Maischberger auf den Tisch gebracht wird. Dennoch bleiben viele Fragen offen oder werden nur kurz angerissen, sodass die Diskussion sich leider so manches Mal genau dort auf Allgemeinplätzen zu verlieren droht, wo eine Differenzierung und Vertiefung wünschenswert gewesen wäre: Wer kommt für die Therapie der Betroffenen auf? Wie sind Verjährungsfristen und ein adäquates Strafmaß für die Täter in Einklang zu bringen? In welchen Strukturen wird sexueller Missbrauch möglich? Welche Strukturen braucht es, um ihm entgegenzuwirken?
Es sind Fragen wie diese, mit denen die Sendung ihre Zuschauer an diesem Abend entlässt. Sie stehen auch nach dem aktuellen Abschlussbericht im Raum.
Bestes Zitat: «Was da passiert, kann man als Erwachsener kaum in Worte fassen. Wie soll es ein Kind?» (Isabel Brockhöfer zum Schweigen der Opfer)