Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Lady Gaga veröffentlicht ein neues Album. Born This Way fügt sich ein ins Gesamtkunstwerk, das von viel mehr als der Musik bestimmt wird. Sie wäre die richtige Künstlerin für die Platte des Jahrzehnts.
Sie hat ein Fleischdress an, Schuhe aus Fleisch, einen Hut aus, ja, Fleisch und neben ihr auf der Bühne hält Cher - mal kurz - ihre Fleisch-Handtasche. Das war der Moment, in dem Lady Gaga bei den MTV Video Music Awards 2010 den Titel ihres neuen Albums ankündigte: Born This Way. Dabei rollte ihr eine Träne übers Gesicht.
Jetzt sind das Fleischkleid und die Diskussionen darüber Geschichte, aber Born This Way auf dem Markt. Übersetzt heißt das soviel wie «Bleib so wie du bist, steh zu dir». Nichts weniger als das «größte Album dieses Jahrzehnts» hatte die Visionärin des Pops ihren Fans, den «kleinen Monstern», versprochen. 14 Songs sind es nun geworden (auf der Special Edition sind es sogar 23), bei denen die Kritik am 1990er-Jahre-Dancetrash und den angeblichen stimmlichen Mankos ungehört verhallen muss. Letzteres besonders in einem Land, dass Pietro Lombardi als neuen deutschen Superstar verehrt.
Denn Lady Gaga ist als Gesamtkunstwerk zu begreifen. Und das Album ist das starke Aufbäumen einer, die sowieso omnipräsent ist. Bei Lady Gaga geht es neben ihrem Dasein als Stilikone und dem Einfluss (Forbes sagt: mächtigste Berühmtheit der Welt) auch darum, den Mythos aufrechtzuerhalten.
Keine religiöse Bedeutung
Drei Singles hat sie bereits aus ihrem Album veröffentlicht. Born This Way fungiert als Hymne für jeden. Ihre besungene Liebe zum Verräter Judas soll zwar keine religiöse Bedeutung haben, bringt trotzdem Christen auf die Palme. Auf christliche Werte oder doch gleich Gott spielt die katholisch erzogene Gaga dann ungefähr in jedem Song an. «Ich fühle mich oft missverstanden», gesteht sie einer ob dieser Aussage völlig baffen Ellen DeGeneres in deren US-Talkshow. Eine Lady Gaga unsicher? Manchmal, aber sie kann das gut überspielen. «Ich feiere meine Identität», lässt sie uns wissen. Den Streit um ihr Haar, den sie am Beginn ihrer Selbstfindung mit den Eltern hatte, besingt sie in Hair. Heute haben die Germanottas wohl gar kein Mitspracherecht mehr, was die Outfits der Tochter betrifft.
Born This Way sei ihre Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Und auf der Suche nach dieser Antwort hat sie festgestellt: «Ich lebe glücklich zwischen Wirklichkeit und Fantasie.» Diesen Zustand kann sie wohl für jeden aufbauen, der das zulässt. Das sind einige. Warum sonst hat sie über 10 Millionen Twitterfans? 35 Millionen Facebooknutzer haben den Like-Button auf ihrer Künstlerseite gedrückt.
Amazon lahm gelegt
Da sind läppische 2000 Kommentare zu ihren Posts keine Seltenheit. Und die meisten scheinen das neue Album zu lieben. In den USA sorgte die große Nachfrage beim Musikdownloaddienst von Amazon am Veröffentlichungstag sogar für Warteschlangen. Nur 99 Cent kostete das Album am Montag. Alle wollten Born This Way haben und so legte der hohe Datenverkehr die Downloads Amazon erst mal lahm.
Eine Unternehmenssprecherin versprach jedoch, dass Kunden, die am Montag die 99-Cent-MP3-Version des Albums bestellt haben, diese auch erhalten.
Sie können erst ein wenig später begeistert sein, wenn Lady Gaga in Black Jesus die schnelle Veränderung einer Geisteshaltung mit einem Unterwäschewechsel vergleicht. Wenn sie keine Angst vor Countryeinflüssen und Rockgitarren (You And I), Orgeln (Marry The Night) und Berliner Techno hat. Den Song Scheiße habe sie nach einer, wie sie selbst twittert, «schmutzigen Party» in Berlin geschrieben. Herausgekommen ist ein kraftvolles Hoch auf die Stadt.
Oder ihr Song Government Hooker (deutsch: Regierungshure) vor dem Hintergrund der Schwarzenegger-Affären eine seltsame Aktualität bekommt. Inspiriert ist der übrigens durch Marilyn Monroe als Politikergeliebte. Gaga fragt sich, in was solche Frauen eingeweiht waren und welchen Einfluss sie hatten.
«Ich möchte nicht, dass jeder alles über mich weiß»
Politisch sind auch die Statements, die man von Lady Gaga außerhalb ihrer Musik hört. Ihr soziales Engagement für Gleichstellung von Homosexuellen sei genau wie ihre Musik aufrichtig und authentisch. «Aber ich möchte nicht, dass jeder komplett alles über mich weiß.»
Trotzdem hat sich Stefani Germanotta, das Mädchen aus New York, die Fassade der Gaga geschaffen, um ganz nah und persönlich bei ihren Fans zu sein. Sie hat sich weltweit übers Internet eine Fangemeinde aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Schreibt täglich persönliche Twitternachrichten an Fans und erklärt zur Not auch noch, was sie mit jedem einzelnen Song gemeint hat. Und dafür wird sie geliebt.
Auch wenn es das Album nicht ist: Es reicht doch, die fleischgewordene Künstlerin des Jahrzehnts zu sein.
Interpret: Lady Gaga
Album: Born This Way
Plattenfirma: Interscope
Erscheinungsdatum: 23. Mai 2011
"Fleisch-Handtasche": Ein Deutscher isst ungefähr 200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt viele gute Gründe, nie mehr Fleisch zu essen. Aber eigentlich reicht schon einer...!
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