Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Die Filmfestspiele von Cannes sind zu Ende. Das wichtigste Festival der Welt hat seine Sieger - wenn auch keine überraschende. Doch eine Frage konnte auch bei der Preisverleihung der 64. Auflage nicht geklärt werden. Wer ist der Star-Regisseur Terrence Malick?
Die Sensation blieb aus: Der mit Festival-Bann belegte böse Bube aus Dänemark wurde von der Jury unter Robert De Niro nicht aufs Siegerpodest gehoben. Seine Hauptdarstellerin Kristin Dunst immerhin bekam für ihre eindrucksvolle Leistung in Lars von Triers eigenwilligem Endzeitdrama Melancholia den Schauspielpreis.
Ein zweiter Cannes-Coup fiel gleichfalls aus. Trotz reichlich weiblicher Beteiligung im Palmen-Rennen holte keine der vier Damen Gold - womit Jane Campion weiterhin den einsamen Rekord hält, die einzige Frau zu sein, die in 64 Festivaljahren die Trophäe holte. Immerhin den Jury-Preis gab es für Madame Maiwenn und ihr Drama Polisse, das durchaus packend den Alltag einer französischen Polizeieinheit schildert, die sich um Kindesmissbrauch kümmert.
Die Dardenne-Brüder schrammten gleichfalls am Schreiben von Festivalgeschichte vorbei. Sie hätten mit ihrem märchenhaften Sozialdrama Der Junge auf dem Fahrrad ihre dritte Palme holen können. Doch der Hattrick misslang, die beiden Belgier bekamen lediglich den Grand Prix, den sie sich mit dem türkischen Bilderkünstler Nuri Bilge Ceylan und dessen epischem Krimi Es war einmal in Anatolien teilen.
Besser als nichts, dürften Pedro Almodóvar und Aki Kausimäki wohl insgeheim gedacht haben. Beide waren schon lange für eine Palmen-Beförderung überfällig und müssen sich einmal mehr mit dem Status Kritikerliebling begnügen. Der Spanier präsentierte mit Die Haut in der ich lebe einen frankensteinigen Trash-Triller um einen rachesüchtigen Schönheitschirurgen. Der sonst so fatalistische Finne überraschte in Le Havre mit einem herzerwärmenden Migranten-Märchen, in dem das hohe Lied auf Solidarität und Nächstenliebe angestimmt wird: Ein Schuhputzer und ein Kommissar verhelfen einem jungen Afrikaner zur Flucht.
Ähnlicher Beliebtheit konnte sich der französische Stummfilm The Artist erfreuen, dessen Darsteller Jean Dujardin immerhin mit dem Schauspiel-Preis belohnt wurde.
Fünfter Film in vier Jahrzehnten
Last not least blieb auch die letzte Sensation bei der Preisverleihung aus: Den Ausnahme-Regisseur Terrence Malick leer ausgehen zu lassen, wäre skandalös gewesen. Nun gab es Gold für The Tree Of Life, sein fünftes Werk in vier Jahrzehnten. Brad Pitt spielt darin den autoritären Familienvater im Texas der 1950er Jahre. Jahre später wird sein Sohn (Sean Penn) noch unter dem Trauma leiden.
Während die Mutter nach dem Tod eines ihrer Kindes mit Gott hadert, sucht der Regisseur und gelernte Philosoph mit Harvard-Abschluss nach Antworten. Er begibt sich auf Spurensuche nach der Schöpfung. Vom Urknall bis zur Entstehung des Lebens, vom Einzeller bis zum Saurier reicht das Spektrum seiner fantastischen Bilderwelten, die Bauklötze staunen lassen.
Das Gesamtkunstwerk polarisierte: Verquaste Spiritualität oder genialer Wurf? Die Einzigartigkeit war freilich unbestritten, am 16. Juni kann man sich davon in unseren Kinos überzeugen. Kauzig wie gewohnt inszenierte sich der mystische Maestro aus Hollywood mit schrulligem Auftreten. Der Pressekonferenz blieb er so fern wie dem roten Teppich. Zur Vorführung schlich sich das Phantom heimlich in der Dunkelheit. Und auch bei der Preisverleihung ließ Malick sich von seiner Produzentin vertreten. Immerhin Brad Pitt hatte ein paar Tage zuvor ein bisschen das Geheimnis gelüftet: «Terrence ist unglaublich freundlich. Er lacht gerne – und er geht sogar aufs Klo.»
cvd/juz/news.de