Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Ein äußerst deutscher Pionier: Der mitreißende Fernsehfilm Carl & Bertha zeigt den Automobilentwickler Carl Benz als brummigen Perfektionisten. Gut, dass ihm seine Frau Bertha im richtigen Moment die Dinge aus der Hand nimmt - heute Abend im Ersten.
Helden darf man ruhig mal feiern, und wenn Deutschland sich mit Recht auf eine Sache etwas einbilden kann, dann auf seine Ingenieure und Erfinder. Was böte sich für eine filmische Wohlfühlbiografie besser an als die Entwicklung des liebsten Kindes der Deutschen: des Autos?
Pünktlich zur Themenwoche Der mobile Mensch im Ersten wartet der SWR darum mit Carl & Bertha auf, einem Film über den berühmten Automobilpionier und seine Frau. Das Drehbuch von Stefan Rogall erlaubt sich einige Freiheiten, aber welches Leben lässt sich schon problemlos in eine Dramaturgie von 90 Minuten einpassen.
Tatsächlich ist das Thema so deutsch wie die Erzählung amerikanisch: Der Widerstand des Visionärs gegen Bedenkenträger wurde in zahllosen Hollywoodfilmen erzählt und variiert - mit Sportlern wie Rocky Balboa oder Künstlern wie Ray Charles.
Diesem Prinzip folgt auch Carl & Bertha: Da sind die Tüftler Carl Benz (Ken Duken) und August Ritter (Johann von Bülow), die 1870 nach Investoren für ihr Projekt einer motorbetriebenen Kutsche suchen. Ein potenzieller Mäzen lässt sie abblitzen, Carl verliebt sich in Bertha (
Felicitas Woll), eine Querdenkerin wie er selbst. Ritter steigt aus, Investoren kommen und gehen, es gibt juristische Scherereien und den großen Traum vom ersten Automobil. Gemeinsam werden Carl und Bertha an ihm festhalten und schließlich wird ihre Sturheit belohnt: Bertha fährt die 104 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim mit dem Benz-Patent-Motorwagen 3 ohne größere Probleme. Das Auto funktioniert.
Benz als unerbittlicher Perfektionist
Das Kuriose an dieser im Grunde wunderbar optimistischen Erzählung, die möglicherweise mehr Jugendlichen Lust auf ein Ingenieurstudium machen könnte als zwei Dutzend Sonntagsreden, ist seine Hauptfigur. Carl Benz ist eben kein Hollywoodheld, auch wenn er in Aussehen und Mauligkeit an Timothy Olyphants Sheriff Bullock aus Deadwood erinnert. Benz ist kein selbstbewusster Enthusiast, er ist ein perfektionistischer Grübler, chronisch unzufrieden mit sich und den Mängeln seiner Erfindung.
Als seine Motorkutsche auf ihrer ersten Testfahrt nach einigen hundert Metern liegen bleibt, freut sich Carl nicht etwa über den Teilerfolg. Stattdessen zetert er, will das ganze Projekt als «dumm» am liebsten verwerfen und ärgert sich schwarz. Gut, dass Bertha ihn in solchen Momenten stets zu beruhigen weiß.
Zu diesem nüchternen Perfektionismus passt auch, dass die Regie die Enthüllung des ersten funktionsfähigen Autos betont schmucklos hält, wohingegen sie der Aushändigung der dazugehörigen Patenturkunde die höchste inszenatorische Bedeutung beimisst. Wir befinden uns hier schließlich in Deutschland. Da muss alles seine Ordnung haben.
Nicht nur im Auto steckt Liebe zum Detail
Bei Berthas legendärer Fahrt nach Pforzheim schwelgt der Film nicht im Rausch der Geschwindigkeit oder dem Gefühl des motorisierten Fahrens, sondern konzentriert sich auf die zahlreichen kleinen Pannen auf dem Weg. Kurzum: Carl & Bertha erzählt die Erfindung des Automobils weniger als Erfolgsgeschichte, denn als Gerade-noch-mal-gut-gegangen-Geschichte.
Das macht den Film keineswegs schlecht - im Gegenteil. Er unterläuft mit seiner deutschen Unlockerheit auf unterhaltsame Weise immer wieder die aus Hollywood entlehnte Dramaturgie. Daneben ist die Inszenierung herausragend: Selbst das Zeichnen der Konstruktionspläne machen Kamera und Schnitt zum regelrecht sinnlichen Erlebnis. Die Parallelmontage am Schluss zwischen Berthas Jungfernfahrt und Carls Geschäftsgespräch, die beide jeweils über das Wohl und Wehe ihres Traums entscheiden, ist schlicht furios. Einige Einstellungen wirken, als entstammten sie direkt aus Vermeer-Gemälden.
Man sieht sofort, dass in Carl & Bertha erheblich mehr Liebe zum Detail steckt, als in vielen anderen TV-Produktionen. Schön, dass sich auch Fernsehfilmemacher besonders viel Mühe geben, wenn es um Autos geht.
Bestes Zitat: «Manchmal machst du mir Angst, so sehr, wie du an mich glaubst.» (Carl zu Bertha)
Titel: Carl & Bertha
Regie: Till Endemann
Darsteller: Ken Duken, Felicitas Woll, Hansjürgen Hürrig, Michou Friesz
Sendetermin: Montag, 23. Mai 2011, 20.15 Uhr, ARD
Und wieder einmal: Cherchez la femme ! = Hinter jedem großen Mann steckt eine starke (noch stärkere ?) Frau !
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