So., 27.05.12

«Maybrit Illner» 20.05.2011 «Strauss-Kahn ist kein Crack-Dealer»

Dominique Strauss-Kahn (Foto)
Dominique Strauss-Kahn wird der versuchten Vergewaltigung bezichtigt Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Sebastian Stoer

Die Sexskandale bestimmen die Medien und die Medien bestimmen die Sexskandale. Was darunter leidet, ist die Rechtsprechung. So sieht man Dominique Strauss-Kahn in Handschellen. Die Europäer schütteln bei Maybrit Illner gemeinsam den Kopf.

Die Vorwürfe wiegen schwer und Dominique Strauss-Kahn musste sich ihnen beugen: Am Donnerstag trat der wegen versuchter Vergewaltigung unter Verdacht stehende Franzose von seinem Amt als Chef des Internationalen Währungsfonds zurück. Er kann einem leid tun. Denn das Bild des unrasierten Mannes in Handschellen belegt Strauss-Kahn mit einem nicht zu beseitigenden Makel, den dieser wohl nie wieder los wird. Vor diesem Hintergrund fand die gestrige Talkrunde Maybrit Illners statt, die ihre Gäste zum reißerisch betitelten Thema Sex, Macht und Öffentlichkeit - Im Zweifel für den Angeklagten? geladen hatte.

Macht die Macht überheblich?

Die ersten Minuten der Sendung versuchte Illner noch zu ergründen, was die Motive für einen Machtmenschen wie Strauss-Kahn sein könnten, sich mit Gewalt eine Frau zu greifen, woraufhin Schaupielerin Maren Kroymann sich an einer Interpretation versuchte: Machtmenschen seien wohl am ehesten auf der Suche nach jemandem, «der ihnen nicht auf Augenhöhe» begegnen würde, so dass die Machtposition ins Schlafzimmer weiter getragen würde.

FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, der mit dem Zitat aus einem alten Interview mit der Zeit eingeführt wurde, er würde «in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock», ergänzte diese Aussagen dahingehend, dass einem Politiker jede Schwäche negativ ausgelegt würde und man sich so leicht Alkohol oder sexuellen Abenteuern hingeben würde. Auch Gisela Friedrichsen, ihres Zeichens Gerichtsreporterin beim Spiegel und seit Monaten damit beschäftigt, alle öffentlich gemachten Aussagen der Staatsanwaltschaft im Kachelmann-Prozess auseinanderzunehmen, stimmte mit ein und erklärte, dass reiche und berühmte Menschen ja von aller Welt umgarnt würden. Es sei eben menschlich, dass Macht überheblich macht.

Aussage gegen Aussage

Die Frage, ob Strauss-Kahn bei einem Freispruch denn noch die Chance hätte, sich zu rehabilitieren, schob Maybrit Illner dann in Richtung Promi-Anwalt Christian Schertz. Dieser äußerte daraufhin seinen Unmut angesichts der bebilderten Vorverurteilung eines Strauss-Kahn in den USA, woraufhin Heather de Lisle zu Wort kam, die als Journalistin des US-amerikanischen Senders ABC die Sicht aus Übersee vertrat: Natürlich habe doch jemand wie Strauss-Kahn einen fairen Prozess zu erwarten. Scheinbar könne sich niemand in der Runde vorstellen, dass das Opfer Recht haben könnte.

Ab dieser Stelle drehte sich die Diskussion immer weiter im Kreis. Schertz wies darauf hin, dass in Deutschland die Würde des Menschen schließlich unantastbar sei und dies schließlich auch für jemanden gelte, der eines Verbrechens angeklagt sei. Eine mediale Vorverurteilung zerstöre schließlich ganze Lebensentwürfe, egal ob jemand letztlich schuldig gesprochen würde. Allerdings lenkte Schertz dann im nächsten Satz ein, dass sich auch in Deutschland ein solch amerikanisierter Umgang mit prominenten Angeklagten zu verbreiten scheine.

Sex-Vorwürfe
Strauss-Kahn wirft das Handtuch
Video: dapd

Die Causa Jörg Kachelmann sei hier das aktuelle Beispiel. Trotzdem könne man einen Mann wie Strauss-Kahn in den USA einfach nicht «wie einen Crackdealer» behandeln, so Schertz weiter. Dass auch dieser New Yorker Crackdealer bis zu seiner Verurteilung unschuldig ist, fiel da wohl gerade nicht auf. So brauchte Schertz sich auch nicht zu wundern, dass ihm de Lisle entgegenwarf, dass Strauss-Kahn eben wie jeder andere behandelt werden würde und die Berichterstattung der Presse vor allem der öffentlichen Tranparenz der Justizarbeit diene. Man will ihr wünschen, dass sie selber nie in eine ähnliche Situation gelangt.

Europa gegen Amerika

Und so rümpften alle anwesenden alten Europäer geschlossen die Nase angesichts dieser so typisch amerikanischen Zusammenarbeit von Justiz und Medien in Deutschland, die die Unbefangenheit und Objektivität eines Richters deutlich beeinflussen würde. Anders sei es doch nicht zu erklären, dass die Staatsanwaltschaft im Fall Kachelmann gerade einmal vier Jahre und drei Monate Haft forderte, so Friedrichsen. Durch den Einfluss der Medien würde es in der Rechtsprechung nicht mehr um Schuld oder Unschuld, sondern um Sieg oder Niederlage gehen; Anwälte müssten nicht mehr nur ihre Mandanten sondern plötzlich auch sich selbst und das eigene Renommee verteidigen, ergänzte Kubicki.

Schließlich wandte sich Illner der am Zuschauerpult wartenden französischen Journalistin Cecile Calla zu, die als die vermeintliche Botschafterin ihres Landes dann die Festnahme und Zurschaustellung von Strauss-Kahn als 11. September Frankreichs bezeichnete. So führte die mittlerweile sichtlich gereizte de Lisle aus, dass die USA natürlich aus ihrem puritanischen Kulturverständnis heraus Dinge enger sehen würden. Aber wenn man als Amerikaner damit leben müsste, dass die Franzosen den Fall Strauss-Kahn als 11. September empfinden, dann müssten diese auch damit leben, dass ein wegen Vergewaltigung unter Verdacht stehender Politiker in Handschellen abgeführt würde.

Und so endete abermals eine Talkrunde mit dem Ergebnis, dass Europa und USA wohl mehr trennt als nur ein Ozean.

Bestes Zitat: «Volkszorn ist ein schlechter Berater.» (Christian Schertz, Berliner Medienanwalt, zu dessen Mandanten unter anderem DFB-Chef Theo Zwanziger, Hannelore Elsner oder Maria Furtwängler zählen)

cvd/ivb/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • KaiHusen
  • Kommentar 1
  • 20.05.2011 21:48
 

Ich habe es mir nicht angetan, die Sendung bis zum Ende anzuschauen. Es war für mich nicht auszuhalten, wie es über weite Strecken einerseits immer wieder um die gottähnliche Größe des S-K und anderseits um die doch nicht auf Augenhöhe stehende Putzfrau ging. Frau Heather de Lisle danken ich ausdrücklich für ihre klaren Beiträge.

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