Doch der Preis für den aufwendigen Blog ist hoch, das Privatleben durchaus eingeschränkt. Zwölf bis 14 Stunden täglich verbringt Katzen-Liebhaber Glaser im Internet, oft auch zu stark wechselnden Uhrzeiten, wie er zugibt. «Ich mache keinen Urlaub vom Internet, weil ich meine eigenen Nutzergewohnheiten kenne», sagt er. Wenn Glaser auf Kongressen oder privat unterwegs ist, bereitet er die entsprechenden Tage akribisch vor. Diese Freiheit kann er sich nehmen, da sein Blog nicht auf Aktualität ausgelegt ist.
Für die Bestückung seiner handgezählten 110 (!) verschiedenen Themenkategorien, darunter Exemplare wie «Katzencontent», «Raketenwissenschaft» oder «Typoesie», steht ihm ein selbst konzipierter Newsreader zur Verfügung. 600 bis 700 Nachrichtenquellen und damit 10.000 bis 20.000 einzelne Artikel umfasst dieser nach eigener Schätzung. Die könne er natürlich unmöglich alle an einem Tag durchlesen, schränkt Glaser sogleich ein. Wichtig sei daher eine Anordnung und ein gewisser Zyklus bei der Rezeption. Außerdem habe er über die Jahre eine Art «Informationsdarwinismus» entwickelt, der etwa Blogs, die sich als nicht mehr lohnenswert herausstellen, irgendwann aus der Liste eliminiert.
Eines der mächtigsten Mittel im Umgang mit Überinformation sei sowieso Ignoranz. «Es ist ähnlich wie beim Essen: Man kann nur eine gewisse Menge essen, dann tritt ein Sättigungs- oder Völlegefühl ein.»
Von Pfadfindern und Mondraketen
Der Schriftsteller, der sich selbst gerne als Essayist bezeichnet und seit einigen Jahren mit Frau und Katze in der deutschen Hauptstadt residiert, ist aber nicht nur ein Star der Blogger-Szene, er ist so etwas wie eine lebende Ikone des globalen Netzes. Wenige dürften das Medium Internet über Jahrzehnte hinweg so aktiv und intensiv verfolgt und genutzt haben wie der Österreicher.
Einmal gepackt von seinem Lieblingsthema gerät Peter Glaser schnell vom Hundertste ins Tausendste. Oder, wie er es in seinem unnachahmlichen österreichischen Dialekt ausdrückt, vom «Hölzchen aufs Stöckchen».
«Ich hatte das Glück, die Zeit vor den Suchmaschinen im Netz zu erleben, als man wie ein Pfadfinder umher gegangen ist und auf Seiten mit Links stieß, die man toll fand», umschreibt er eine längst vergessene Ära, als das Internet noch kein Massenmedium war.
Durch einen Zufall sei er bereits 1978 bei einem Bekannten mit Computern in Berührung gekommen. «Das war damals für einen Privatmenschen so, als hätte jemand gesagt, er habe eine Zeitmaschine zu Hause. Ein Computer war etwas, mit dem man Mondraketen steuert», erinnert sich Glaser mit einem Schmunzeln.
Facebook als Wohngemeinschaft für die Jackentasche
Schnell entwickelte sich der Computer zu einem Massenprodukt, noch viel rasanter wuchs einige Jahre später das Internet. Glaser begleitete diese Entwicklung von ihren Anfängen, weshalb er in vielen Bereichen einen unvergleichbaren Überblick besitzt.
«In den 1990er Jahren hat man es in der Hauptsache mit Maschinen zu tun gehabt. Mit Websites, die wie Schaufenster ausgesehen haben und von Maschinen gesteuert wurden, die dafür sorgten, dass es ein bisschen piept und blinkt.» Seit dem neuen Jahrtausend interagiere man dagegen hauptsächlich mit Menschen, was sozusagen die Wurzel der sozialen Komponente sei, die das Internet heute auszeichne.
Eine Entwicklung, die Glaser grundsätzlich positiv sieht. Soziale Netzwerke seien die «größte Wohngemeinschaft der Welt», durch die mobile Technik habe man seine WG quasi «immer in der Jackentasche dabei.» Dennoch sieht er manche Tendenzen skeptisch. Die Anstrengungen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg etwa, sein Netzwerk als Tor zur Internetwelt zu manifestieren, erachtet er als «modernen Totalitarismus».
Doch auch hier schimmert die bemerkenswerte Weitsicht Glasers durch, wenn er die Anstrengungen von Facebook oder Google mit denen des einstigen Netzwerkriesen AOL oder der Avatar-Plattform Second Life vergleicht. Letztlich werde sich stets das «extrem starke Bedürfnis der Menschen nach einem freien und unbegrenzten Netzzugang» durchsetzen, ist sich Glaser sicher. Eine Einschätzung, die man dem besonnenen Österreicher auf Anhieb abnimmt.
ruk/news.de