Literatur «Zu viel Glück» - Erzählungen von Alice Munro

«Zu viel Glück» - Erzählungen von Alice Munro (Foto)
«Zu viel Glück» - Erzählungen von Alice Munro Bild: dpa

Alice Munro ist eine Meisterin im Geschichtenerzählen. Jede ihrer Short Storys ist ein Kunstwerk, jede hat den Stoff und die emotionale Tiefe eines Romans. Jede weckt das Verlangen, weiterlesen und noch mehr erfahren zu dürfen.

Toronto/New York (dpa) - Alice Munro ist eine Meisterin im Geschichtenerzählen. Jede ihrer Short Storys ist ein Kunstwerk, jede hat den Stoff und die emotionale Tiefe eines Romans. Jede weckt das Verlangen, weiterlesen und noch mehr erfahren zu dürfen.

Doch kaum hat Munro den Leser fest im Griff, überrascht sie ihn mit einer total unerwarteten Wende und setzt den Schlusspunkt ihrer Erzählung.

«Zu viel Glück» nennt die weltweit gefeierte Kanadierin ihren jüngsten Band. Er brilliert mit neun Kurzgeschichten aus dem Leben ganz gewöhnlicher Landsleute. Nur die zehnte, die Titelgeschichte, hebt sich ab. Sie stellt eine historische Figur in den Mittelpunkt, die russische Mathematikerin und Schriftstellerin Sophia Kowalewsky, die bei einer Reise durch das Europa des 19. Jahrhunderts nach persönlicher Erfüllung und ihrem Platz in der Welt sucht.

Wie immer geht es bei Munro um Frauen, deren Schicksal durch einen Zufall Sinn bekommt, die Opfer männlicher Gewalt werden, ihr Leben selbst in die Hand nehmen oder aber einen Fehler wiederholen und dadurch in ihrer Passivität verharren.

«Dimensionen» ist die Geschichte des Zimmermädchens Doree, das in seiner Freizeit lange Busreisen auf sich nimmt, um den älteren Ehemann in der Psychiatrie zu besuchen. Dass ihr Mann auch der Mörder der drei gemeinsamen Kinder ist, erwähnt Munro erst gegen Ende und fast beiläufig. Ein Unfall hilft der jungen Frau, sich endlich aus der psychischen Abhängigkeit von dem Gewalttäter zu befreien.

Unter die Haut geht ebenso «Der Grat von Wenlock», die Geschichte von einem wohlhabenden alten Mann, der arme Studentinnen beköstigt, solange sie ihm splitternackt Gesellschaft leisten und nach dem Mahl, noch immer im Evas Kostüm, englische Poesie vorlesen. Ein psychologisches Meisterwerk ist auch «Freie Radikale»: Nita, eine krebskranke Witwe, öffnet einem Gewalttäter die Tür. Als er mit dem Mord an seinen Eltern und der verhassten Schwester prahlt, kontert sie mit der Beichte ihrer eigenen Schandtaten und macht sich so zur Komplizin.

Literaturkritiker rühmen die sprachgewaltige Autorin für ihr Geschick, ein ganzes Leben in einer Kurzgeschichte auszubreiten. «Ich muss meine Charaktere bis ins letzte Detail kennen, ich weiß, was sie tragen, wie sie in der Schule waren und so weiter. Ich habe ihr ganzes Leben vor Augen, alles vor und nach dem Ausschnitt, den ich in meiner Geschichte beleuchte», erläutert Munro in Interviews. Und wie erzeugt sie so viel Spannung auf so wenigen Seiten? Sie entwickele ihre Erzählungen nicht linear, sondern aus der Mitte heraus und suche sich erst dann einen passenden Anfang und das Paukenschlag-Finale, wird Munro von der US-Verlagsgruppe Knopf Doubleday zitiert.

Bis zu einem halben Jahr feilt die 79-jährige Kanadierin eigenen Angaben zufolge an einer ihrer Geschichten. Munro wuchs in einer Familie von Fuchs- und Hühnerfarmern in der Provinz Ontario auf. Sie schrieb bereits in der High School, heiratete früh und zog mit ihrem Mann nach Vancouver. An der Pazifikküste schenkte sie vier Töchtern das Leben. Die kleine Catherine starb 15 Stunden nach der Geburt. Es kam zur Scheidung und einer zweiten Ehe, die Munro zurück in den Osten von Kanada brachte.

Schon ihr erster Erzählband «Dance of the Happy Shades» (1968) wurde mit dem höchsten kanadischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Governor General's Award for Fiction. 15 Bände mit Short Stories und ein Roman folgten im Verlauf von vier Jahrzehnten - belohnt mit zahlreichen Auszeichnungen. In Deutschland erschienen zuletzt im September 2008 elf Kurzgeschichten unter dem Titel «Wozu wollen Sie das wissen?».

2009 setzte sich Alice Munro gegen namhafte Kollegen wie E.L. Doctorow und Mario Vargas Llosa durch und nahm den internationalen Man-Booker-Preis für ihr Lebenswerk entgegen. Im Jahr darauf wurde sie von Vargas Llosa bei der Vergabe des Nobelpreises überrundet.

Alice Munro

Zu viel Glück

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main

320 Seiten, 19,95 Euro

ISBN 978-3-10-048833-6

news.de/dpa

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