Von news.de-Redakteur Cord Krüger
In Jodie Fosters Kinodrama Der Biber spielt Mel Gibson einen schwer depressiven Familienvater. Der Film ist ergreifend, Gibsons Spiel brillant - aber es ist keine Rolle für ein großes Comeback des skandalträchtigen Oscar-Preisträgers.
«Spiele niemals einen total Behinderten», riet Robert Downey jr. in seiner Rolle als Schauspieler in Tropic Thunder einem Kollegen. Krankheit und Schwäche akzeptieren Kinozuschauer meist nur, wenn sie im Laufe des Films überwunden werden oder mit herausragenden Talenten verknüpft sind - wie bei Rain Man etwa.
Depressionen sind darum ein denkbar schwieriges Thema für einen Unterhaltungsfilm, soll das Publikum nicht ebenfalls in dumpfe Schwermut gestürzt werden. Aus Sicht eines Erzählers sind Depressionen - man verzeihe den Ausdruck - nicht sexy.
Regisseurin Jodie Foster und Drehbuchautor Kyle Killen hat das nicht abgeschreckt. Ihre Geschichte des schwer depressiven Familienvaters und Spielzeugfabrikanten Walter (Mel Gibson) beginnt, als der bereits am Ende ist. Walter ist nicht einfach in friedliche Schwermut verfallen. Sein Gesicht ist eine einzige Maske aus hoffnungslosem, brütendem Schmerz. Es tut weh, wie Gibson diesen kranken Mann spielt. Besser kann man Höllenqualen nicht darstellen.
Als Walters Familie (Jodie Foster, Anton Yelchin, Riley Thomas Stewart) sich von ihm abwendet - nicht, weil sie ihn nicht liebt, sondern, weil sie am Ende ihrer Kräfte ist - will er sich zu einer letzten Tat aufraffen: seinem Selbstmord. Die Aktion misslingt kläglich, Walter haut sich den Kopf an und wie von Geisterhand finden seine Finger eine Handpuppe, die er tags zuvor aus dem Müll gefischt hatte: einen Biber.
Der Zuschauer wird kalt erwischt
Der Nager spricht fortan für Walter und artikuliert mit knarrendem Akzent dessen verdrängte Gefühle. Die Puppe wird zur Krücke und vielleicht zum Ausweg. Seine Umwelt ist verstört, muss aber zugeben, dass Walter Fortschritte macht. Er wird wieder arbeitsfähig und kann wieder fast so etwas wie ein normales Familienleben aufnehmen. Dann nimmt Walters Kampf zurück ins Leben eine dramatische Wendung.
Zwei Drittel des Films verlaufen nach dem bekannten Muster von Sportfilmen: Wie bei Karate Kid muss der Held innere und äußere Widerstände überwinden, trainiert hart und arbeitet sich langsam zum Erfolg. An dem Punkt, an dem im Sportfilm jedoch der Durchbruch kommt, zum ersten Mal ein unmöglich geglaubtes Manöver gelingt oder die Genesung in einer symbolisch bedeutungsschwangeren Szene abgeschlossen wird, da geht Der Biber plötzlich in den freien Fall über. Nein, gar nichts wird hier gut. Und die entscheidende Sequenz geht umso heftiger an die Nieren, weil man sich als Zuschauer bereits auf ein Happy End eingestellt hatte. Aber eine schwere psychische Erkrankung ist eben doch ein anderes Kaliber.
Der Biber endet nicht ohne Hoffnung, aber es ist ein leiser Optimismus, der so nur möglich ist, weil der Film sein Publikum erst in Sicherheit wiegt und dann kalt erwischt. Mel Gibsons Blick in den Abgrund ist darstellerisch brillant, die Herzen Hollywoods oder des Publikums gewinnt man mit einer solchen Rolle indes nicht. Aber dafür hat sich Gibson ja in den vergangenen Jahren ohnehin nicht interessiert.
Titel: Der Biber
Regie: Jodie Foster
Daresteller: Mel Gibson, Jodie Foster, Anton Yelchin, Riley Thomas Stewart, Cherry Jones und weitere
Filmlänge: 91 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Verleih: Concorde
Kinostart: 19. Mai 2011