«Rätsel sind nicht so wie sie erscheinen, - Und Worte reichen selten zum Erklären», schreibt der portugiesische Schriftsteller José Saramago in seinem Gedicht «Sterne.Wenige».
Düsseldorf (dpa) - «Rätsel sind nicht so wie sie erscheinen, - Und Worte reichen selten zum Erklären», schreibt der portugiesische Schriftsteller José Saramago in seinem Gedicht «Sterne.Wenige».
Trotzdem hat es der Literaturnobelpreisträger immer wieder versucht mit den Worten - in vielen hochgelobten Romanen, in Tagebüchern, Dramen, Reisebeschreibungen und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit auch in Gedichten. Mit «Über die Liebe und das Meer» ist nun erstmals eine Auswahl seiner Lyrik auch auf Deutsch erschienen.
Sie zeigt einen zärtlichen, emotionalen Saramago, der sich - wenn keine Zeit bleibt für seine dicken Romane - in kurzen Häppchen genießen lässt. «Wie eine Biene verlässt das Gedicht - Auf der Suche nach neuer Honigspeise - Die Gartendüfte und streift dein Gesicht.»
Die rund 80 auf Deutsch übersetzten Gedichte sind nur wenige von vielen. Drei Lyrikbände hat der im Sommer vergangenen Jahres gestorbene Saramago in seiner portugiesischen Heimat zwischen 1966 und 1975 veröffentlicht. Teilweise überarbeite er sie später und brachte sie erneut heraus. In der Einführung zu einem dieser überarbeiteten Werke stellte Saramago selbst klar, dass Gedichte nicht nur Hobby oder Fingerübungen für ihn waren, sondern es eine «poetische Konstante» in seiner Arbeit gab. In seiner Lyrik fänden sich «erstmals Verbindungen, Themen und Obsessionen festgeschrieben, die zum strukturell unveränderbaren Rückgrat eines literarischen Corpus» geworden seien.
Liebe und Meer, diese beiden Naturgewalten hat sich der Verlag Hoffmann und Campe als Klammer für seine Gedichtauswahl herausgesucht. «Die Auswahl drängt sich dabei fast auf, denn die Liebe und das Meer sind zwei wesentliche Themenfelder der Gedichte Saramagos, die sich sowohl einzeln als auch miteinander verschränkt durch sein gesamtes lyrisches Werk ziehen», erklärt Übersetzerin Niki Graça. Und sie sind ja auch so ähnlich in vielerlei Hinsicht, diese beiden Naturgewalten: «So wie das Meer ist Liebe, Krieg und Frieden, - Ist hitzige Erregung, tiefe Ruhe, Leichtes Streifen der Haut, kratzende Kralle», schreibt Saramago.
Leidenschaftlich, zärtlich, erotisch geht es zu in diesen Gedichten. Erstaunlich, gibt Übersetzerin Graça zu bedenken, schließlich wurden sie geschrieben, als Portugal unter der katholisch-autoritären Herrschaft des Diktators Salazar stand. Aber Saramago gibt sich - wie auch in seinen Romanen - als Kämpfer für die Freiheit und als Verfechter des tiefen Glaubens an das Gute im Menschen und an die Liebe. Darüber liefert er sich einen - fiktionalen - Streit mit seinem deutschsprachigen Dichterkollegen Rainer Maria Rilke (1875-1926). «Schreiben Sie nicht Liebesgedichte», zitiert er ihn und antwortet sofort: «Warum nicht, Rainer Maria? Wer hindert - Das Herz am Lieben und wer entscheidet, - Welche Stimmen sich im Vers artikulieren?»
Anfänglich scheinen die in verschiedenen Versformen geschriebenen Gedichte gewöhnungsbedürftig, manchmal fast schwülstig. Aber beim genauen Lesen bieten sie berührende, zarte Formulierungen und einen ganz neuen Einblick in Werk und Welt des Nobelpreisträgers.
news.de/dpa