So., 27.05.12

Hartmut Engler 18.05.2011 «Ich bin ein Frontschwein und darf das auch sein»

Hartmut Engler (Foto)
Im Interview mit news.de sprach PUR-Frontmann Hartmut Engler übers Altern und wie lange es seine Band noch geben wird. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ina Bongartz

Komm mit ins Abenteuerland: Im Interview mit news.de sprach PUR-Frontmann Hartmut Engler über seine jetzt veröffentlichte Autobiografie, das Gefühl kurz vor seinem 50. Geburtstag und darüber, wie lange es seine Band noch geben wird.

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Herr Engler, auf dem Weg zu diesem Interview habe ich die ganze Zeit Abenteuerland im Ohr gehabt. Was war denn Ihr letzter Ohrwurm?

Engler: Beim Eurovision Song Contest habe ich einen ganz fantastischen Ohrwurm gehört. Die Musik der Jungs aus Dänemark hat mir total gut gefallen. Ich habe sofort mitgesummt.

Ihre Autobiografie Engler PUR ist gerade erschienen. Ist es Ihnen schwergefallen, Ihr ganzes Leben zu Papier zu bringen?

Engler: Ach, ich denke ja viel über mein Leben nach. Und jetzt war nur noch festzulegen, was man erzählen will und was nicht. Soll es ein Buch sein, das mit allem abrechnet, was böse zu mir war? Oder erzähle ich, was alles schön war? Oder muss es eine Beichte werden? Ich habe mich entschieden, ein freundliches Buch zu schreiben. Ich bin an einem Punkt, an dem ich auch sehr freundlich bin. Ich habe einfach keine Lust, mich mit Leuten wegen irgendwelcher Dinge, die irgendwann mal passiert sind, anzulegen. Es sollte wegen dieses Buches keinen Stress in meinem Privatleben geben.

Ihre Band PUR ist seit 30 Jahren erfolgreich. Was raten sie jungen Musikern, die ihre Karriere gerade erst beginnen? Was raten Sie einem Pietro Lombardi, der eben erst DSDS gewonnen hat?

Engler: Dem kann ich gar nichts mehr raten. Er hat ja einen Vertrag unterschrieben und auch alle Medien zur Verfügung. Ich hoffe, er macht was draus. Aber das ist eine andere Art von Musik und hat mit unserer Musik einfach gar nichts zu tun.

Im November werden Sie 50. Von vielen Seiten ist zu hören: 50 ist das neue 30. Können Sie das bestätigen?

Engler: Unbedingt! 50 ist das neue 30, ganz klar. Aber ich orientiere mich natürlich manchmal trotzdem daran, was mein Körper mir sagt. Ich habe seit zwei Jahren eine Brille zum Ferngucken, wenn ich im Fußballstadion bin. Und neuerdings brauche ich auch eine Brille, wenn ich sehr lange lese. Also zwei Brillen, von denen ich aber öffentlich keine trage. Und ich als Jogger merke das Alter auch, sobald ich mal Badminton oder Squash spiele oder mit den Kindern Fußball – die Knie sagen «nein». Ich fühle mich manchmal wie 20 und manchmal wie 70.

Und was ist innerlich passiert? Also, welche Überzeugungen von einst müssten Sie jetzt revidieren?

Engler: Ich bin mittlerweile wieder sehr bei den Überzeugungen von einst. Zwischendurch habe ich doch sehr gehadert. Man kommt in die 20er hinein mit so einer grundsätzlichen Schwarz-Weiß-Haltung. Bei vielem, was ich damals so gesehen habe, gab es entweder gut oder schlecht. Im Lauf der Jahre hat man erkannt, dass nicht alles immer so klar getrennt ist. Aber generell bewegt sich die Welt jetzt für mich in eine freundlichere Richtung. Ich bin losgezogen, um mir eine schöne Welt zu basteln. Doch zwischendurch war sie mitunter auch heftig garstig.

Wenn die Welt zu Ihnen heftig garstig war, haben Sie es in diesen Momenten jemals bereut, doch nicht Lehrer geworden zu sein, wie Sie es eigentlich vorhatten?

Engler: Nein, es war in meinem Charakter im Grunde nie vorgesehen, dass ich Lehrer werde, glaube ich. Wir wollten damals mit Anfang 20 professionelle Rockstars werden. Wir wollten eine gute, ernst zu nehmende Rockband sein und davon ein paar Jahre leben können. Und in dieser Situation war es ganz einfach zu sagen: Ich studier' jetzt mal. Denn als Bettelstudent ist man ja gelitten. Wenn es mit der Musik nicht so gut läuft, kann man immer noch sagen: Ich studiere ja. Doch kurz vor dem Staatsexamen kam endlich der unterschriftsreife Plattenvertrag.

Was würden Sie denn machen, wenn Ihre Söhne zu Ihnen kämen und sagen würden: «Papa, ich will auch Popstar werden.»

Engler: Ja, das wär' ganz blöd, weil ich ihnen total helfen wollen würde. Damit hätten sie schon viel, viel bessere Startmöglichkeiten als wir damals. Ich glaube, dass unsere Startmöglichkeiten damals der Grund waren, warum wir so eisern durchgehalten haben. Wir hatten keine Alternativen. Wir hatten ein Ziel, und daran haben wir gearbeitet. Keine Flausen im Kopf. Wir wussten auch, dass wir irgendwann auch mal Geld verdienen müssen.

Meine Kinder sehen jetzt unseren Erfolg und denken, beim Papa ist ja alles ganz easy. Ich bin aber doch sehr dankbar, dass sich im Moment bei ihnen nichts in dieser Richtung abzeichnet. Aber das Talent ist da, der Kleine ist ein hervorragender Schlagzeuger und der Große wird auch ein ordentlicher Sänger.

Nur ist das alles nicht mehr so einfach heute. Es gibt keinen Markt, bei dem ich einem Jungkünstler empfehlen würde: Mach dein Ding und du wirst, so wie ich, dein ganzes Leben damit verbringen können. Das wird es vermutlich auch gar nicht mehr geben, weil der Markt auch das Geld gar nicht hergibt. Ich glaube nicht, dass es noch mal so eine Ära geben wird mit Bands wie Die Toten Hosen, Die Ärzte oder PUR.

Also wird Lena auch nicht so große Chancen haben, langfristig als Sängerin erfolgreich zu sein?

Engler: Ich glaube gar nicht, dass sie langfristig als Musikerin erfolgreich sein muss. Sie ist ein Medienereignis. Sie hat Persönlichkeit, sie hat Ausstrahlung, sie könnte Schauspielerin, Moderatorin werden – ihr steht die Welt offen. Um die mach' ich mir keine Sorgen.

In einem Interview haben Sie mal gesagt: «Ohne diese ständigen Highlights fällt man als Künstler schnell in ein tiefes Loch.» Wo holen Sie sich heute Ihre Highlights her?

Engler: Ich hab' ja grad eine Tournee mit 34 Konzerten gespielt in sechs Wochen. Und das reicht locker bis zur nächsten Tournee. Das speichert man, klar. Der Körper hat's auch gespeichert, ich war jetzt wirklich urlaubsreif. Und wir haben im September in Bietigheim ein ganz großes Open Air für einen guten Zweck. Darauf arbeiten wir jetzt hin.

PUR macht Musik, die die Leute entweder mögen oder ablehnen. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Woran liegt das?

Engler: Also, wenn man mit ganz normalen Menschen zu tun hat, ist das gar nicht so. Dieses Entweder-oder ist ein Journalistending. Wir empfinden das in unserem Leben nicht wirklich so.

Wer PUR sagt, denkt Mister Abenteuerland, Hartmut Engler. PUR ist ganz stark an Ihre Person geknüpft. Wie problematisch war oder ist das innerhalb der Band?

Engler: Gar nicht. Das ist so eine Charaktersache. Ich bin so'n Frontschwein. Ich steh gern im Mittelpunkt und ich darf das auch, weil die anderen Bandmitglieder charakterlich anders gestrickt sind. Die sind eigentlich froh, dass das einer macht und sie dürfen Musik machen. Ich nehme das gern alles auf mich. (lacht)

Wie geht es weiter mit PUR?

Engler: Wir richten gerade die Weichen. Eine neue Platte kommt 2012. In drei, vier Wochen fangen wir an, Songs zu schreiben. Und wenn die Gesundheit es zulässt, planen wir noch eine Dekade. Wir planen immer langfristig. Und ganz sicher machen wir nicht nur noch eine Platte, sondern noch ein paar.

Hartmut Engler ist seit mehr als 30 Jahren Frontmann und Songtexter der deutschen Band PUR. Mit Liedern wie Lena, Funkelperlenaugen oder Abenteuerland hat PUR große Hits gelandet. Bis heute füllen die vier Männer aus Bietigheim auf ihren Konzerttourneen große Hallen. Anlässlich des 30-jährigen Bandbestehens und zu seinem 50. Geburtstag in diesem Jahr hat Hartmut Engler seine Autobiografie geschrieben. Neben einem Solo-Album veröffentlichte Engler mit PUR 19 Alben, die sich jeweils sehr erfolgreich in den deutschen Charts platzierten.

wam/reu/news.de
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