Von news.de-Redakteurin Katharina Bott
Die spanische Erfolgsautorin Elia Barceló erzählt in ihrem neuen Roman «Töchter des Schweigens» von sieben Freundinnen, die ein dunkles Geheimnis vereint. Ein mystisches Werk, aber kein Thriller.
«Der Wasserhahn ließ mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms Tropfen ins Wasser fallen, das schon tiefrot gefärbt war. Lenas langes Haar umschwebte ihr Gesicht wie eine Seeanemone. Ihre Augen waren offen, ihre Pulsadern ebenfalls.» Lena hat sich umgebracht, wie es scheint. Versucht hatte sie das schon einmal. Das war vor 33 Jahren, im September 1974 und auch damals fand sie ihre beste Freundin Rita Montero. Lena hinterließ auch so etwas wie einen Abschiedsbrief auf ihrem Rechner: Sätze aus Ritas letztem Film «Das Geheimnis». Doch Lena wählte nicht den Freitod. «Was mochte es in Lenas Leben gegeben haben, das jemanden dazu treiben konnte, sie zu ermorden?», fragt sich Ermittler David und Ehemann von Ana.
Ana, Teresa, Carmen, Candela, Soledad, Rita und Lena verband einst eine enge Mädchenfreundschaft - sie waren eine Clique. Bis heute teilen sie ein Geheimnis: Vor 33 Jahren, im Sommer 1974 geschah etwas Schreckliches. Sie alle können diese mallorquinische Nacht nicht vergessen. Doch scheinbar weiß keine von ihnen, wer Mati damals tötete. Stück für Stück, Buchseite für Buchseite kommt die Wahrheit ans Licht und tritt das Trauma der Frauen zutage.
Frauenroman mit Tiefe
Wer jetzt denkt, er hätte sich mit Töchter des Schweigens auf einen eiskalten Thriller eingelassen, der irrt. Elia Eisterer, so kennen ihre Studenten in Innsbruck die Autorin, legt mit Töchter des Schweigens einen Frauenroman mit Tiefe vor. Sie geht einem großen Schweigen unter Freundinnen nach, dass mit Lenas Tod nun gebrochen werden muss. In ihrem nunmehr vierten in Deutschland erschienenen Roman erzählt sie in einem Gespinst aus Zeitblenden von einer verhängnisvollen Reise, von Freundschaft, Schicksal, Liebe und Lügen.
Der wortgewandten Spanierin ist es gelungen, aus den Hoffnungen und Vorstellungen von sieben jungen Frauen kurz vor dem Tod Francos und dem Resümee der heute reifen Frauen ein unterhaltsames Buch zu binden. Es erzählt von der Aufbruchstimmung nach dem spanischen Bürgerkrieg und der Ernüchterung im Jetzt. Es porträtiert die Illusionen einer Generation und schildert die Desillusionierung, die zwangsläufig folgt, wenn die Erwartungen zu hoch sind.
Zum Ende hin immer spannender
Was stört, sind sprachliche Spielereien der Autorin und überflüssige Manierismen, wie etwa das Chaos der Namensgebung:«Weil sie zufällig beide beschlossen hatten, ihren Namen zu ändern und künftig nur noch die zweite Hälfte zu verwenden: Magda-Lena, Marga-Rita», verwendet die Autorin für die beiden mal Magda, mal Lena, mal Marga mal Rita - je nach Zeitfenster. Da fällt es dem geneigten Leser anfangs schwer, den Durchblick zu behalten bei all den Mädchennamen.
Die an sich bewegende Story ist teilweise leider etwas langatmig geraten. Wer dennoch drangeblieben ist, schmökert sich schlussendlich im Galopp durch die letzten der 430 Seiten. Zum einen, weil das Buch zum Ende hin immer spannender wird. Zum anderen, weil der Leser die Ahnung, die er hat, nur noch bestätigt wissen will. Empfehlenswert für Leserinnen mit Hang zu Mystischem, denen gängige Frauenromane zu seicht und Thriller zu grausig sind.
Bestes Zitat: Gewidmet: «Den Frauen, die Narben tragen, diese aber nicht mehr überschminken, sondern stolz darauf sind, durchgehalten zu haben, auch wenn dabei so manches auf der Strecke geblieben ist, wie die Wespentaille und die straffe Haut, die lachen können, auch wenn man davon Falten bekommt, und die weinen können, weil sie gelernt haben, wie tröstlich weinen sein kann, vor allem, wenn man es gemeinsam tut.»
Autor: Elia Barceló
Titel: Töchter des Schweigens
Übersetzung: Petra Zickmann
Verlag: Pendo
Umfang: 432 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinung: April 2011