So., 27.05.12

«Polnische Ostern» 11.05.2011 Kriegswunden eines Stinkstiefels

«Polnische Ostern» (Foto)
Die Enkelin soll in Polen leben, der Opa ist entsetzt: Der Kinofilm Polnische Ostern. Bild: Zorro Film

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Im Sumpf aus Korruption und Autodiebstahl: Bäckermeister Grabosch gibt alles, um seine Enkelin aus den Fängen der Polen zu befreien. Der Kinofilm Polnische Ostern räumt mit Vorurteilen auf.

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Mathilda linst durch das Fernglas. Ihr Opa steht neben ihr. Die beiden warten darauf, dass die MS Europa am Wohnzimmerfenster vorbeischippert. Mathilda hat ihre Mutter verloren und Werner Grabosch seine Tochter. Seitdem lebt das Mädchen bei ihrem Opa. Viele Worte brauchen sie nicht, ein stilles zärtliches Band hält die beiden zusammen.

Da stört der Kindsvater nur, findet Werner Grabosch (Henry Hübchen). Der kommt und stiehlt der MS Europa die Show. Und dann nimmt er auch noch das Mädchen mit - ausgerechnet nach Polen. Dabei hatte er sich bislang mit seinen Vatergefühlen eher bedeckt gehalten und jetzt das: Der Pole bekommt das Sorgerecht. Werner Grabosch versteht die Welt nicht mehr und schreit erst einmal auf dem Jugendamt herum.

Mit Polnische Ostern widmet sich Regisseur Jakob Ziemnicki mit leicht-melancholischem Humor dem Graben aus Skepsis und Vorurteilen, der sich an der deutsch-polnischen Grenze auftut. Wer nach Polen fährt, kommt sicher ohne Auto wieder zurück. Die Nachbarn sind außerdem korrupt, geradezu sektenhaft religiös und von solidem Handwerk haben die keine Ahnung, von Kindererziehung erst recht nicht. So sieht das jedenfalls Werner Grabosch. Und da ist er sicher nicht der Einzige.

Eigentlich verreist der Bäckermeister nie, doch jetzt bleibt ihm keine andere Wahl, er muss Mathilda aus den Fängen des Feindes befreien. Und so wagt er sich aus seinem fein abgezirkelten Leben auf völlig ungewohntes Terrain - eine Herausforderung, bei der Henry Hübchen all seine schauspielerische Brillanz auffahren kann.

«Polnische Ostern»
Stinkstiefel auf feindlicher Mission
Video: amg/news.de/Zorro

Ave Maria bei der Verkehrskontrolle

Der Regisseur greift Klischees mit großer Freude erst einmal auf: Zwingt den griesgrämigen Atheisten bei einer Verkehrskontrolle auf polnischem Boden, das Ave Maria zu beten, schickt ihn durch triste Plattenbau-Siedlungen und in die Arme einer rasanten Lady. Das wiederum scheint ihm dann doch gar nicht so unangenehm zu sein.

Aber erst einmal kommt alles wie befürchtet: Kindsvater Tadeusz (Adrian Topol) wohnt nicht etwa wie angekündigt in einem Palast, sondern mit Frau, Mutter und Oma in einer schrammeligen Zwei-Zimmer-Wohnung. Er schleicht sich nachts aus dem Haus, um zu arbeiten und dann wird die Enkelin auch noch zwangsgetauft. Fleißig dokumentiert der Silberrücken mit Schiebermütze und grauem Blouson die Misere. Doch manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.

Der Regisseur schwingt sich dabei aber nicht von einem Kalauer-Klischee ins nächste, sondern lässt die verkrustete Schale des Witwers langsam bröckeln. Erste Risse zeigen sich und mit einem Hexenschuss bricht auf, was er hinter seiner Stinkstiefel-Fassade so sorgsam verpackt hat.

Das alles erzählt Ziemnicki mit leisen Tönen. Den Humor verliert er dabei trotzdem nicht. Und noch etwas ist ihm wunderbar gelungen: Er reckt nicht den Zeigefinger zur Anklage, sondern nimmt die Ängste des Deutschen ernst und entkräftet sie dann. Dabei umschifft er souverän eine beliebte Falle: Hier gibt es keine wundersame Komplett-Läuterung, das wäre auch unglaubwürdig. Aber «dieser Pole» hat dann plötzlich einen Namen: Tadeusz.

Titel: Polnische Ostern
Regie: Jakob Ziemnicki
Darsteller: Henry Hübchen, Grauyna Szapolowska, Parashica Dragus, Adrian Topol
Filmlänge: 93 Minuten
FSK: ab sechs Jahren
Kinostart: 12. Mai 2011

Bestes Zitat: «Zieh Dein Hemd aus, Kamerad - das ist ein Befehl» - Irina zu Witwer Grabosch, nachdem ihn ein Hexenschuss niedergestreckt hatte

krc/reu/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • kelevra
  • Kommentar 1
  • 07.12.2011 19:13
 

No isses ned scheen? De gutn Poln! Was machen da a paar vertriebene und erschlagene Million Deitsche scho aus? Immerhin hat's dort do noch 1948 antijiddische Progrom geben, da kann ma scho a bissl nachsichtig sei. A tippisch deitscha "Selbstschämfilm" vor an polnischn Spiegl von an clevern Poln.

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