Literatur Alzheimer und Demenz als Thema in der Literatur

Alzheimer und Demenz als Thema in der Literatur (Foto)
Alzheimer und Demenz als Thema in der Literatur Bild: dpa

Die Krankheit Alzheimer, derentwegen sich der Lebemann, Fotograf und Kunstsammler Gunter Sachs mutmaßlich selbst getötet hat, ist auch in der Literatur zunehmend ein Thema. So steht der Österreicher Arno Geiger zurzeit mit einem anrührenden Buch über die Alzheimer-Krankheit seines Vaters auf den Bestsellerlisten.

Berlin (dpa) - Die Krankheit Alzheimer, derentwegen sich der Lebemann, Fotograf und Kunstsammler Gunter Sachs mutmaßlich selbst getötet hat, ist auch in der Literatur zunehmend ein Thema. So steht der Österreicher Arno Geiger zurzeit mit einem anrührenden Buch über die Alzheimer-Krankheit seines Vaters auf den Bestsellerlisten.

In dem Buch «Der alte König in seinem Exil» schildert der 42-jährige Geiger verschiedene Phasen bei seinem Vater: von den ersten Fehlleistungen bis zum unvermeidlich gewordenen Umzug des alten Mannes auf eine Pflegestation. Er breitet die Krankheitsgeschichte von August Geiger höchst versöhnlich aus. Den Vater ernennt er im Buchtitel zum König, und für die Angehörigen sieht der Sohn nach über zehn Jahren Krankheit und Pflege Gewinn: «Seine Kinder, das zeichnet sich immerhin ab, werden in gewisser Weise geläutert aus den Geschehnissen hervorgehen.» Den Erfolg des Buchs, das für den Leipziger Buchpreis nominiert war, erklärte Geiger in einem dpa-Gespräch so: «Ich glaube, es gibt ein sehr großes Bedürfnis danach, einen gelassenen Blick auf Angehörige zu werfen, die schwach sind oder schwach geworden sind.»

Auch der große amerikanische Autor Jonathan Franzen hat sich mit dem Thema Demenz beschäftigt. In seinem Jahrhundertroman «Die Korrekturen» geht es unter anderem um Vater Alfred, der einmal Ingenieur bei der Eisenbahn war. Durch seine Parkinson-Erkrankung versinkt der Familienpatriarch zusehends in geistiger Demenz. In seinem Essay «Das Gehirn meines Vaters» (My Father's Brain) beschreibt Franzen aus dem Blickwinkel des Sohnes, wie die Krankheit und geistige Umnachtung seines Vaters das Leben der ganzen Familie verändert.

Abschied vom Vater nahm 2009 auch Tilman Jens. In seinem Fall ist es Walter Jens, der sich einst als brillanter Rhetoriker und Geistesmensch einen Namen gemacht hat. «Ein Genie mag taub werden wie Beethoven, dem Wahnsinn verfallen wie Strindberg, den Freitod wählen wie Hemingway, Celan oder Pavese - vertrotteln aber darf das Genie nicht», schrieb er Tilman Jens in dem Buch «Demenz - Abschied von meinem Vater». Jens junior spart darin nicht mit Einzelheiten über die schwere Erkrankung des Vaters, die 2004 plötzlich einsetzte: «der Verfall eines Ichs».

Auch seine Ehefrau Inge Jens beschrieb 2009 in ihren «Unvollständigen Erinnerungen» die schwierige Zeit an der Seite ihres demenzkranken Mannes. Sie schildert zum Beispiel auch, wie ihr Mann nachts durch das Haus irrt oder um sich schlägt. Im November 2009 hatte außerdem der Film «Frau Walter Jens» Premiere, der Einblick gibt in den Alltag des Tübinger Ehepaars seit der Erkrankung des heute 88-jährigen Literaturhistorikers und früheren Rhetorik-Professors.

Die ersten Anzeichen der Alzheimer-Erkrankung sind meist unauffällig: ein verlegter Geldbeutel, eine angeschaltet gelassene Herdplatte. Doch in fortgeschrittenem Stadium können sich viele Erkrankte an Begebenheiten erinnern, die lange zurückliegen. In dem Roman «Small World» von Martin Suter bringen solche Flashbacks des alternden Konrad mörderische Intrigen an den Tag. Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller des Schweizer Autors drehte der französische Regisseur Bruno Chiche einen Film mit Gérard Depardieu, der letzten Dezember auch in Deutschland in den Kinos anlief.

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, 192 S., Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-23634-9

Jonathan Franzen und Eike Schönfeld: Anleitung zum Alleinsein - Essays, 336 S., Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-23565-8

Tilman Jens: Demenz - Abschied von meinem Vater, 142 S., Gütersloher Verlagshaus, ISBN 978-3-579-06998-2

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen, 320 S., Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-498-03233-3

Martin Suter: Small World, 336 S., Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-23088-8

news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Wolfgang Bieber
  • Kommentar 1
  • 11.05.2011 11:33

Der Suizid des Kunstsammlers und Künstlers Gunter Sachs war eine Kapitulation. Er zeigt die Widersprüche eines auf Leistung und Denkvermögen reduzierten Menschenbilds: http://bit.ly/kviLf7

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