Korr-Inland
Kurzfilmtage: Krieg, Büro, Roadtrip

Traumatisierte Kriegsheimkehrer, trauernde Töchter, afrikanische Flüchtlinge, britische Kolonialisten oder Mitarbeiter eines Großraumbüros: Die Protagonisten der Beiträge im Internationalen Wettbewerb der Oberhausener Kurzfilmtage könnten unterschiedlicher nicht sein.

Oberhausen (dpa) - Traumatisierte Kriegsheimkehrer, trauernde Töchter, afrikanische Flüchtlinge, britische Kolonialisten oder Mitarbeiter eines Großraumbüros: Die Protagonisten der Beiträge im Internationalen Wettbewerb der Oberhausener Kurzfilmtage könnten unterschiedlicher nicht sein.

Am Wochenende hat der wichtigste Wettbewerb des Filmfestivals (bis 10. Mai) begonnen. Den roten Faden, der die 60 Beiträge aus 36 Ländern zusammenhält, sucht man vergebens. Denn in Oberhausen geht alles, was originell und anspruchsvoll ist - findet die achtköpfige Auswahlkommission, die mehr als 4300 Einsendungen aus 96 Ländern gesichtet hat. «Es geht uns darum, was zu sehen, bei dem wir herausgefordert sind und wo wir etwas Neues entdecken», erklärt Hilke Doering, die Leiterin des Internationalen Wettbewerbs.

Als Herausforderung kann man den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb wohl bezeichnen. Der Film beginnt trostlos: Eingeschneiter Plattenbau, alles ist weiß, nur an einem Balkon der unzähligen Wohnungen flattert eine Deutschlandfahne im Wind. Schwarz-rot-goldene Winterträume? Das Leben in der gutbürgerlichen Stube im Inneren des Hauses gleicht vielmehr einem Alptraum, in dem der Protagonist von Bjørn Melhus' Kurzfilm «I'm not the Enemy» gefangen ist.

Satzfetzen wie «Am I dead?», «I love you» oder «He's okay» wiederholen sich. Melhus' subtiler Film macht deutlich: Zuhause und Familie sind für Kriegsheimkehrer nur noch Hüllen, in die sie ihre schrecklichen Erlebnisse projizieren. Da mag die Mutter am Klavier sitzen, die betenden Porzellanhände im Regal neben der bunten Ikea-Dose stehen, es ändert nichts. Für den Veteranen dreht sich alles um Waffen, Kämpfen, Sterben. Der Krieg tobt in seinem Kopf.

Um Politisches drehen sich auch andere Beiträge. Der Dokumentarfilm «Transparent Black» aus Israel etwa begleitet einen Flüchtling aus Togo zum Hebräischkurs in Tel-Aviv. Dort erklärt ihm der Lehrer freundlich, aber deutlich, dass afrikanische Einwanderer in Israel unerwünscht sind. Den Traum von einem besseren Leben an einem anderen Ort - er bleibt nicht nur für den Mann aus Togo unerfüllt. Junge Marktverkäufer im asiatischen Hinterland sehnen sich nach einer Zukunftsperspektive in einer Metropole. Vergeblich, wie «Canopy Crossings», ein malaysisch-thailändischer Beitrag, schildert.

Doch auch den Arbeitsalltag im Großraumbüro, den Selbstfindungstrip einer jungen Schweizerin nach dem Tod des Vaters oder das Leben britischer Kolonialisten in Indien holen die Oberhausener Kurzfilmtage auf die Leinwand. Thematisch liegen zwischen den Filmen also Welten.

Und auch der Stil der Filmemacher rangiert von konventionellen Dokumentarfilmen wie «Three Walls» über die Erfindung der Bürobox bis hin zu kryptisch-düsteren Animationen wie «Choke» über einen jungen Indianer, der sein Reservat verlässt und am modernen Großstadtleben zugrunde geht. Experimentell ist auch «Why Colonel Bunny Was Killed» über britische Kolonialisten in Indien: Der Film stellt anhand der Memoiren eines medizinischen Missionars Bild und Ton in einer Standfotomontage gegenüber.

Die unterschiedliche Auswahl, was Inhalt, Genre und Herkunftsländer der Filme angeht, ist gewollt in Oberhausen. Dort soll der Kurzfilm in seiner ganzen Bandbreite repräsentiert werden, wie Wettbewerbs-Leiterin Doering erklärt. «Es geht uns nicht darum, das Ganze in bestimmte Bahnen zu lenken, sei es nach Genre, sei es inhaltlich.» Im Internationalen Wettbewerb werden Preise im Wert von 37 500 Euro verleihen.

Kurzfilmtage

news.de/dpa

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