Satire «Subs» Weg mit Hartz IV, lang lebe die Sklaverei!

Was ist besser? Als Sklave eines betuchten Ehepaares im Grünen zu residieren und den Herrn im Porsche zu chauffieren oder Harz IV empfangend im Plattenbau zu hausen? Skandalautor Thor Kunkel beschäftigt sich mit diesen Fragen in seinem modernen Sklavenszenario Subs.

«Subs» von Thor Kunkel (Foto)
Das Hörspiel Subs wurde bereits 2009 produziert und ausgestrahlt. Bild: heyne

«Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.» Dies verlautbarte Guido Westerwelle in der Zeitung Die Welt im Februar 2010. Thor Kunkel nahm den Ausspruch von der neuen spätrömischen Dekadenz wörtlich und strickte daraus eine bitterböse Satire, bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Kunkels Subs ist harsche Gesellschaftskritik: Zwar philosophisch untermauert, intellektuell verbrämt und grotesk verpackt. Aber dennoch unterhaltsam, kurzweilig, witzig und vor allem so real.

Eigentlich sollte es nur eine sinnbildliche Anzeige sein, die Claus Müller-Dodt in den Grunewalder Stadtanzeiger setzte. Doch tatsächlich fühlten sich der angegraute, arbeitslose Altphilologe namens Bartos und seine Gefährtin Lara angesprochen und bewerben sich auf folgende Anzeige: «Sklavin gesucht – Kultiviertes Ehepaar mit ersten Denk- und Lachfalten sucht zuverlässige Sklavin mit Pep & Power für Haushalt. Möchten Sie zu klassischer Musik bügeln, kleine Botengänge erledigen und danach in der hauseigenen Sauna entspannen? Dann sind Sie bei uns genau richtig. Polizeiliches Führungszeugnis nicht nötig. Chiffre: Müller-Dodt-Sklavin.»

Die schöne, junge Lara mit ihren unbezahlbaren Massagequalitäten und der kluge, alte Herr Bartos übernehmen das Regiment in der großen Villa unweit von Berlin. Sie putzen, kochen, organisieren, chauffieren und sorgen obendrein auch für das körperliche Wohlbefinden ihrer neuen Herren. Doch Bartos lässt einen Swimmingpool bauen - durch weiteres Versklaven, versteht sich. Bausklaven, die Bartos «Meister Fitz-Fetz» nennen und dessen Peitsche fürchten. Wohin soll das alles führen?

Wer bei dem knapp 450-Seiten-Wälzer mit dem Namen Subs - zu deutsch: Sklave -  zuallererst an Sex und Sadomasochismus dachte, lag gar nicht mal so falsch. Denn: «Eine Kultur, die zunehmend die Ungleichheit zelebriert, erfüllt die Voraussetzung einer sadomasochistischen Beziehung ... Die Oberschicht thront seit Jahren vor einem einzigartigen Unterwerfungstableau, in dem halbkriminelle Machtmenschen, ausgeschämte Huren und Mammonsknechte als vorbildliche Bürger posieren ...», heißt es bei Kunkel.

Die zentrale Frage in Kunkels Buch lautet: Besteht in unserer Gesellschaft zwischen Niedriglohnsektor, Hartz IV und Sklaverei überhaupt noch eine Grenze? Oder wie Bartos es seiner Herrin Evelyn erklärt: «Im Vergleich mit dem, was Leiharbeiter mitmachen müssen, leben wir hier wie im Paradies. Sie möchten nicht wissen, was sich in Brandenburg neuerdings Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nennt.» Was sind Menschenrechte und Meinungsfreiheit wert? Und wer kann sich dafür etwas kaufen? Wie funktioniert Zusammenleben, wenn die Grundregeln der Demokratie außer Kraft gesetzt wurden?

Thor Kunkel, der mit seinem Roman EndstufeEndstufe ist sein zweites Werk. Ein Roman über die Pornofilmindustrie im Dritten Reich, mit der er eine heftige Debatte in der Literaturszene auslöste. (2004) eine heftige Debatte in den hiesigen Feuilletons auslöste, geht diesen Fragen nach. Er legt den Finger auf eine gesellschaftliche Wunde, an der kaum einer herumdoktern mag. Nicht die Politik, nicht die Kunst, auch kaum ein deutscher Autor. Die originelle Idee, modernes Sklaventum in der deutschen Oberschicht literarisch zu verorten, ist brillant, doch gar nicht so weit hergeholt. Fiktion oder schon Realität in Deutschland? Darüber lässt sich streiten.

Übrigens: Kunkel arbeitete aktiv für die karitative Organisation Cordaid. Die niederländische Organisation hat sich der Ausrottung der Armut verschrieben und ist seit über 90 Jahren in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit und Nothilfe tätig.

Bestes Zitat: «Die kapitalistische Demokratie, dieses plumpeste aller politischen Täuschungsmanöver, ist im Windkanal des 21. Jahrhunderts gescheitert. Wir sind in einer Kultur eingeschlafen und auf einem Marktplatz erwacht.»

Autor: Thor Kunkel
Titel: Subs
Verlag: Heyne Verlag
Umfang: 448 Seiten
Preis: 19,99 Euro
Erscheinung: 25. April 2011

bok/ivb/news.de

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