Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Er hat eine gigantische Leinwand in ein Fußballstadion gestellt und nennt es Teil einer kreativen Leistung: Setdesigner Florian Wieder weiß, wie man Shows in Szene setzt. Ein Gespräch über die besonderen Herausforderungen in Düsseldorf.
Herr Wieder, Ihren Beruf als Setdesigner verstehe ich so: Sie basteln alles zusammen und jemand anderes bedient die Videoscreens und Scheinwerfer. Liege ich damit richtig?
Florian Wieder: Naja, es ist ein wenig anders. Natürlich sind wir für das Gesamterscheinungsbild dieser Sendung verantwortlich. Und das besteht aus dem architektonischen Bühnenbild selber und aus den Leinwänden, die wiederum mit Videos bespielt werden. Damit kann man, egal ob bei Deutschland sucht den Superstar oder beim Eurovision Song Contest, in kurzer Zeit innerhalb einer Sendung verschiedene Räume und Illusionen schaffen.
Die LED-Wand beim ESC ist sagenhafte 60 Meter breit...
Wieder: Genau.
Das ist zumindest für mich unvorstellbar. Können Sie selber das eigentlich noch nachvollziehen, was Sie da in die Hallen stellen?
Wieder: Naja, beim Eurovision Song Contest ist alles etwas anders. Erstens ist die Arena extrem groß. Und andere Hallen haben normalerweise ein Eishockeyfeld. Hier ist es ein Fußballfeld, was schon eine ganz andere Dimension ist. Die Bühne selbst ist gar nicht so wahnsinnig groß, die hat einen Durchmesser von 13 Metern. Da war die Aufgabe, Elemente einzubauen, die das Ganze wieder in die richtigen Proportionen bringt. Das Drumherum, das die Bühne gestaltet, ist wieder der Größe der eigentlichen Halle angepasst. Deshalb ist der Screen so wahnsinnig groß. Und das ist, soweit ich das weiß, einer der größten, der jemals irgendwo eingesetzt wurde.
Damit hört es ja aber nicht auf, die ganze Decke hängt voller LEDs und Scheinwerfer...
Wieder: Ja, es gibt verschiedene Bereiche, die wir in den seltensten Fällen zusammen einsetzen. Es gibt einmal im Boden eine große Fläche, die mit Video bespielt werden kann und noch eine Art Decke, die wir drauf gesetzt haben. Alles, was sich im Boden abspielt, findet sich also auch an der Decke wieder. Dazu kommt noch die angesprochene Hintergrund-Leinwand und einige Stege, die wie die Finger einer Hand von der Handinnenfläche, der Bühne abgehen. Da sind LEDs in geringerer Auflösung eingebaut. Diese Finger sollen das Publikum besser mit der Bühne verbinden.
Jetzt haben Sie den Trick glaube ich schon beschrieben, wie man die maximal sechs Menschen auf der Bühne in einer solch großen Halle zur Geltung bringt – einerseits für die Zuschauer vor Ort und vor den Bildschirmen. Sind das Tricks oder ist das reines Handwerk?
Wieder: Naja, das eine ist immer die kreative Leistung. Aber ein Großteil ist schon immer noch Handwerk. Und in so großen Hallen sind eben die Proportionen ganz wichtig. Und diese sechs Leute, die maximal performen dürfen sind auch für uns eine extreme Limitierung. Und das unterscheidet den ESC eben auch von anderen Veranstaltungen dieser Größenordnung. Deswegen ist auch die eigentliche Bühne selber nicht so wahnsinnig groß. Wir haben versucht, einen gesunden Mittelweg zu finden. Die Bühne steht mitten im Raum, damit gehen die sechs Leute nicht verloren und sind nah am Publikum. Damit entsteht trotz der Riesenhalle etwas mehr Intimität und auch für die Zuschauer vor Ort wird es greifbarer. Niemand wird durch die Bühnenflächen geplättet.
Das Bühnendesign erinnert doch sehr an Verleihungsshows wie die MTV Music Awards. Kommt die Idee daher?
Wieder: Halb und halb. Die Grundidee basiert sicherlich auf Erfahrungen, die wir bei solchen Projekten gemacht haben. So wird es am ehesten ein Spektakel. Das ist für alle besser. Zum einen ist das Publikum näher dran als bei einer klassischen Bühne und und zum anderen freuen sich die Kameramänner, wenn sie Bilder von Protagonisten und Publikum zusammen einfangen können. In den letzten Jahren ist es etwas gegen den Trend wieder zur klassischen Theaterkonstellation zurückgegangen. Das haben wir bewusst nicht gewählt und wollten es etwas anders angehen. Natürlich fällen wir die Entscheidung nicht alleine, auch wenn es so Teil unseres Vorschlages war. Der NDR, die Regie und die anderen Kreativen fanden das Konzept dann offenbar ganz schlüssig.
Wie waren denn die ersten Proben für Sie?
Wieder: Wir sind sehr gut präpariert, weil wir schon seit etwa zwei Wochen proben. Alle Darbietungen sind vorweg schon einmal ohne die eigentlichen Künstler geprobt worden. Also sind die Inszenierungen Stand jetzt schon sehr schlüssig. Seit Sonntag sind die Delegationen hier und finden damit eine durchdachte und ausgearbeitete Inszenierung vor. Das hilft allen extrem. Wir hatten genug Vorlauf, wir konnten ausprobieren. Wir haben zwar alles im Computer vorgebaut. Wie es sich dann in der Halle anfühlt, mit Licht und der Musik, das Zusammenspiel sieht man erst bei den richtigen Proben, die gerade laufen. In den meisten Fällen reduzieren wir einige Sachen, gerade beim Licht, damit es nicht überladen wirkt und stimmig wird.
Der ESC-Chef Thomas Schreiber hat im Interview mit der FAZ die deutsche Komponente der Veranstaltung betont. Sie selber arbeiten oft auch in Amerika. Wirkt es denn für Sie als europäische Veranstaltung oder als deutsche Veranstaltung für Europa?
Wieder: Das Team besteht weitestgehend aus deutschen Leuten. Was ich gut finde, weil es hier sehr, sehr gute Leute gibt. Wir kennen uns alle schon länger, weil wir gemeinsam schon sehr viele und sehr große Veranstaltungen gemacht haben und das ist natürlich sehr angenehm. Das hilft im Vorfeld, weil es schon komplexe Angelegenheiten sind, die da verhandelt werden. Was es europäisch macht und wodurch es eine europäische oder internationale Veranstaltung wird, sind natürlich die Delegationen aus den einzelnen Ländern.
Jetzt stehen 43 Auftritte an, jeder hat ein eigenes Bühnenbild. Wie kann man da eigentlich den Überblick behalten?
Wieder: Ehrlich gesagt: Es ist schon sehr schwierig. Wenn Sie mir beispielsweise einen Bandnamen sagen würden, könnte ich das Land sicher nicht zuordnen. Wenn ich den Titel höre, weiß ich aber, wie es aussieht. Klar, hilft man sich da mit Tabellen. Und es gibt eben bei jedem Beitrag ein paar Dinge, die sind präsenter und bleiben hängen. Es ist schon schwierig, das zu fassen. Im Gesamten habe ich den wirklichen Überblick aber sicher nicht, da müssen sich denke ich alle behelfen. Das ist schon ein Wahnsinnspensum.
Eine Liga drüber ist dann wahrscheinlich nur noch die Halbzeitshow beim Superbowl. Würden Sie das auch gern einmal machen?
Wieder: Ich habe im vergangenen Jahr schon mitgemacht, beim kreativen Part. Wir konnten es damals nicht machen, weil wir eine andere Show im Plan hatten. Da hat Hamish Hamilton Regie geführt und macht es als Kreativdirektor und Regisseur auch dieses Jahr wieder. Aber ja, das ist definitiv etwas, was mich interessiert. Aber die Größe ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass die richtigen Kreativen zusammenkommen, dann macht jede Arbeit Spaß.
wam/news.de