Von news.de-Redakteur Martin Walter
«Werden wir von der digitalen Generation abgehängt?» Diese Frage stellt Hannah Pilarczyk in ihrem Buch Sie nennen es Leben und geht gängigen Vorurteilen gegenüber der jugendlichen Internet-Generation nach. Eine Analyse mit Aufklärungspotential.
Facebook-Junkies, Digital Natives, Generation Porno: Die Liste der Vorurteile, die in weiten Teilen der Gesellschaft gegenüber Jugendlichen und ihrer Mediennutzung herrscht, ist lang. Befeuert wird sie von einer medialen Berichterstattung, die das World Wide Web per se oft als reine Schlangengrube darstellt und in TV-Formaten wie Tatort Internet die vermeintlichen Abgründe hinter dem Medium Internet dramatisch inszeniert.
Auch Spiegel-Online-Redakteurin Hannah Pilarczyk bedient mit ihrem Buch Sie nennen es Leben zunächst eben diese Ängste. Zum einen suggeriert sie mit dem Titel bereits die übliche negative Stoßrichtung, zum anderen polarisiert die Journalistin schon im Vorfeld (Werden wir von der digitalen Generation abgehängt?). Was sie danach liefert, ist jedoch eine sachliche und differenzierte Sicht der Dinge und durchaus dazu geeignet, einigen Vorurteilen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Ausgehend vom Verhalten der Jugendlichen in den Sozialen Netzwerken und negativen Phänomenen wie Mobbing im Netz oder Porno-Missbrauch, unterzieht die Autorin die gängigen Klischees einer nüchternen Prüfung und kommt zu dem nicht wirklich überraschenden Schluss, dass bereits die eingebrachten Generationen-Labels mit Vorsicht zu genießen sind.
Wie jedes Klischee ist auch die Verdammung einer ganzen Altersklasse nicht automatisch richtig. Zum einen muss gerade bei Jugendlichen berücksichtigt werden, dass Bildungsunterschiede eine erhebliche Rolle bei der Internetnutzung spielen. Zum anderen halten viele Ängste der herrschenden Realität nicht stand, wie die Autorin an mehreren Beispielen demonstriert.
Privatsphäre im 21. Jahrhundert
Kaum zu leugnen ist die Tatsache, dass Privatsphäre für Jugendliche heute einen anderen Status einnimmt, als für frühere Generationen junger Menschen. Nicht umsonst orakelte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bereits 2008, dass die Menschen zukünftig jedes Jahr doppelt so viele Informationen miteinander teilen werden als im jeweiligen Jahr zuvor.
Dennoch gehen viele junge User deutlich sensibler mit ihren Daten im Netz um, als es regelmäßig verbreitete Schreckensnachrichten glauben machen wollen. Medienkompetenz ist auch im Internetzeitalter eher eine Bildungs- als eine Altersangelegenheit und viele Jugendliche sind sich, wie die Autorin auch aus persönlichen Gesprächen schließt, durchaus sehr bewusst, was sie im Internet von sich preisgeben.
Auch bei der Nutzung einschlägiger Kommunikationsdienste entlarvt Pilarczyk manchen vermeintlichen Hype als mediales Blendwerk. Auch bei sensibleren Themen wie der Nutzung pornographischer Inhalte im Internet unterscheidet sie wohltuend sachlich zwischen panikmachendem Mythos und der Realität im Netz zu unterscheiden.
Damit erarbeitet sich Pilarczyk den Verdienst, eben nicht ins gleiche Horn zu blasen, wie es gerade en vogue ist. Wenn die Bild-Zeitung Facebook als potentielles Paradies wildernder Mörder darstellt oder Autoren die technischen Entwicklungen der neuen Welt als generelles Übel ablehnen, tun sie dem Dialog zwischen den Generationen keinen Gefallen. Vor allem für unsichere Eltern, die selbst kaum oder wenig Bezug zum Internet haben und den Aktiviäten ihrer Kinder im Netz völlig ratlos gegenüberstehen, kann Sie nennen es Leben deshalb eine lohnenswerte Aufklärungslektüre darstellen.
Bestes Zitat: «Jugendliche fallen SchülerVZ oder Facebook nicht zum Opfer»
Titel: Sie nennen es Leben. Werden wir von der digitalen Generation abgehängt?
Autor: Hannah Pilarczyk
Verlag: Heyne
Seitenzahl: 224 Seiten
Preis: 12 Euro
Bereits erschienen
Sehr schön geschrieben, muss ich sagen und da stimme ich auch völlig zu. Die Bild kann man eh in die Tonne "kloppen", die mit ihrer einseitigen kleinkarrierten Sicht, die gerade so die "Meinung der Leser leitet". Das Internet ist wunderbar - Das Internet ist lange nicht nur für P0rn. - www.moe.fut1.com
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