Der Roman ist ein Klassiker, mehrere Verfilmungen haben den Stoff bekanntgemacht, und auch ein Bühnenstück existiert bereits. Dass es auch eine Oper gibt über «Lolita», die Kindfrau aus dem einstigen Skandalroman von Vladimir Nabokov, ist weniger bekannt.
Wiesbaden (dpa) - Der Roman ist ein Klassiker, mehrere Verfilmungen haben den Stoff bekanntgemacht, und auch ein Bühnenstück existiert bereits. Dass es auch eine Oper gibt über «Lolita», die Kindfrau aus dem einstigen Skandalroman von Vladimir Nabokov, ist weniger bekannt.
Am Samstagabend stand das in den 90er Jahren entstandene Werk des russischen Komponisten Rodion Schtschedrin zum ersten Mal in Deutschland auf dem Spielplan - zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden (bis 31. Mai).
Der 1932 in Moskau geborene Komponist, der selbst zur deutschsprachigen Erstaufführung nach Wiesbaden kam, hat bereits mehrfach literarische Stoffe bearbeitet. Er schrieb Ballettmusiken nach Tolstois «Anna Karenina» und Tschechows «Die Möwe» sowie eine Oper über Gogols «Die toten Seelen». Sein bekanntestes Werk ist die Bizet-Bearbeitung «Carmen-Suite», die er in den 60er Jahren für seine Frau, eine bekannte Primaballerina des Bolschoi-Theaters, geschrieben hat.
Seine «Lolita» - die in Wiesbaden auf Deutsch gesungen wird - hält sich eng an die in den 1940er Jahren entstandene Vorlage; allerdings rollt die Oper die Geschichte von hinten auf: Humbert Humbert steht vor Gericht als Vergewaltiger einer Zwölfjährigen und Mörder ihres Entführers. Im Orchestergraben spielen zu Beginn - als Echo des Altersunterschieds - ausschließlich Flöten und Celli.
Ihre stärksten Momente hat die Musik in Passagen ohne Gesang: wenn Emma Pearson (Lolita) während der Flucht des illegitimen Paares ins Auto steigt wie aufs Schafott oder Sébastien Soulès (Humbert) sich die Haare rauft ob seiner verbotenen Begierde. Der französische Bariton überzeugt nicht nur mit weichem Timbre und stimmlicher Ausdauer, sondern auch mit einem enormen schauspielerischen Talent. Stark auch das Ende, als der zum Tode Verurteilte «Lo - Lola - Lolita» stammelt, während ein (Kirchen-)Chor «Ora pro nobis» singt.
Dazwischen ist die Musik phasenweise ein wenig unkonturiert, fließt ein wenig einförmig unter der Textvorlage dahin. Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, ist der Regie von Konstanze Lauterbach zu danken: Weiter weg von statischem An-der-Rampe-Singen geht kaum. So wird diese Literaturoper am Ende - trotz sparsamer Kulisse - fast zu einem Theaterstück oder einem Film.
news.de/dpa