Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Fleet Foxes sind mitten aus dem Jahr 1968 gefallen. Auch auf ihrem zweiten Album Helplessness Blues klingt das wunderhübsch - und ist erstaunlich nah am Puls der Zeit.
Da war doch was. Männer aus Seattle? Karohemden und Gitarren? Eine große Liebe zur Musikgeschichte und ein anscheinend etwas weniger ausgeprägtes Interesse an Körperhygiene? Ein Killeralbum, das den Nerv der Zeit trifft und unzählige Trittbrettfahrer auf den Plan ruft?
Genau. Wie Nirvana vor 20 Jahren haben auch Fleet Foxes die Musiklandschaft auf den Kopf gestellt. Sie wurden zu musikalischen Aushängeschildern ihrer Stadt und zur Speerspitze einer Bewegung. Ihr Debütalbum aus dem Jahr 2008 wurde allerorten seziert, gefeiert, nachgeahmt. Fleet Foxes wurde «mit Sofortwirkung zum Klassiker der populären Musik erhoben, der Sänger und Songwriter zum ambitioniertesten Vertreter seiner Zunft erklärt», hat die Zeit gerade treffend festgestellt.
Fleet Foxes - Grown Ocean from Fleet Foxes on Vimeo.
Nun legt das Quintett nach. Heute erscheint der zweite Longplayer Helplessness Blues. Die Arbeit daran begann ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem Nirvana einst ihr Debüt Bleach aufgenommen hatten. Aber natürlich haben Fleet Foxes ihren Sound nicht plötzlich in Richtung Punk- und Hardrock gewandelt. Neil Young wird auch auf Helplessness Blues hörbar geschätzt - aber in seiner Ausprägung als Akustik-Barde, nicht als Riffmonster vor riesigen Verstärkertürmen.
Keine Experimente
Trotzdem hat Robin Pecknold, der Kopf der Fleet Foxes, für Helplessness Blues eine erstaunliche Wandlung in seinem Arbeitsprozess durchlaufen. Anfang 2010 fragte Kollegin Joanna Newsom an, ob er nicht das Vorprogramm für ihre anstehende Tour bestreiten wolle. Pecknold sagte zu und schrieb flugs ein paar Lieder, die sich besonders gut dafür eigneten, alleine mit Gitarre auf einer Bühne gesungen zu werden. «Ich habe besonders auf klare Texte und eine starke Melodie Wert gelegt. Das war für mich ein sehr fruchtbarer Perspektivwechsel», erzählt Pecknold, der bis dahin auch mit dem Gedanken gespielt hatte, das zweite Fleet-Foxes-Album etwas abstrakter und experimenteller werden zu lassen.
Hört man Helplessness Blues, ist man durchaus dankbar für dieses Umdenken. «Ich würde sagen: Es ist eine Synthese aus Folkrock, traditionellem Folk und psychedelischem Pop, mit einem Schwerpunkt auf Gesangsharmonien», umschreibt Pecknold den Sound des neuen Albums - alles ist also weitgehend in den Gleisen geblieben, die Fleet Foxes vor drei Jahren mitten in die Herzen der Kritiker und Fans geführt haben.
Das klingt manchmal wie ein Überbleibsel aus Brian Wilsons legendären Smile-Sessions (Montezuma), lässt all die Schönheit von Crosby, Stills & Nash oder Simon & Garfunkel erstrahlen (Sim Sala Bim) oder wandelt auf den Spuren der Byrds (The Plains / Bitter Dancer). Dazu kommen in den besten Momenten ein textlicher Scharfsinn, der an Bob Dylan erinnert, und eine Opulenz, die auch Tim Buckley kaum hätte übertreffen können. Lorelai variiert clever die Melodie von Norwegian Wood. Die Wut, die im achtminütigen The Shrine / An Argument schlummert, wirkt gerade deshalb so bedrohlich, weil sie sich gekonnt im Wohlklang versteckt.
Getrübte Zuversicht
All das ist wunderhübsch, wirft aber auch die Frage auf: Was bringt eine Band dazu, einen 40 bis 45 Jahre alten Sound wieder zum Leben zu erwecken? Und was trägt dazu bei, dass sich dieser Sound plötzlich bei einem breiten Publikum wieder verfängt? Auf der Suche nach der Antwort kann man durchaus ein paar historische Parallelen ausmachen: Eine junge Generation, die spürt, dass sie etwas zählt, weil sie etwas bewegen kann oder muss - das galt Mitte der 1960er, und es trifft auch auf die USA in Zeiten von Obama zu. Zudem wird die Zuversicht damals wie heute getrübt. Das Attentat auf Kennedy oder der Vietnamkrieg lassen sich in dieser Gleichung durchaus durch Klimawandel oder Terror-Wahn ersetzen.
Die Stärke von Pecknold ist es, diese Ambivalenz aufzugreifen, ohne sie explizit zu machen. Fleet Foxes sind Zweifler und Grübler, aber das Politische daran wird, um im Jargon der Zeit zu bleiben, aus der das Quintett gefallen ist, auch auf Helplessness Blues ins Private runtergebrochen.
«Den Kampf zwischen dem, was man ist, und dem, was man sein will oder werden will», benennt Pecknold als Leitmotiv des Albums. Auch darin schwingt das Wissen um die eigenen Möglichkeiten und die Angst vor dem eigenen Scheitern mit. Gier, Egoismus, Undankbar- und Oberflächlichkeit - all das soll hier überwunden werden.
Wie sehr dieses Credo auch gesellschaftlich verstanden werden kann, zeigt Bedouin Dress am besten. «If to borrow is to take and not return / I have borrowed all my lonesome life»Wenn borgen bedeutet, bloß zu nehmen und nichts zurückzugeben / dann habe ich mein ganzes einsames Leben geborgt , beginnt das Lied. Das ist eine rührend katholische Selbstanklage, es könnte aber auch der Beginn eines Nachrufs auf die Lehman Brothers sein.
So geht es weiter. Das Ich, die Menschen, das Leben, all das wird hier geprüft, in die Pflicht genommen, moralisch durchleuchtet. Auf Helplessness Blues ist er omnipräsent, der Traum, den Fleet Foxes träumen, und mit ihnen so viele Jünger: die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unglücklichkeit.
Interpret: Fleet Foxes
Album: Helplessness Blues
Plattenfirma: Bella Union
Erscheinungsdatum: 29. April 2011