Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke
Mit Chronic City hat Jonathan Lethem einen Gesellschaftsroman vorgelegt, der die Medien, die Mächtigen und die Menschen genauer unter die Lupe nimmt. Dabei lässt er seinen Helden in einer besonderen Fernbeziehung leiden.
Halten Sie sich besser gut fest, denn die Welt geht allmählich den Bach runter. Das zumindest ist die Erkenntnis, die sich in einem breit macht, wenn man den neuen Roman von Jonathan Lethem gelesen hat. In Chronic City erzählt der amerikanische Schriftsteller auf knapp 500 Seiten aus dem Leben eines ehemaligen Kinderschauspielers. Und das gelingt Lethem so detailreich, lakonisch und fesselnd, dass schon zehn Seiten ausreichen, um sich einen Abend lang betrunken zu fühlen.
Der frühere Schauspieler Chase Insteadman kommt ganz passabel über die Runden, weil Wiederholungen der TV-Serie, in der er als Teenager die Hauptrolle gespielt hat, noch immer gut laufen. Die New Yorker lieben ihren heimlichen Helden, laden ihn zu den großen Veranstaltungen ein und sichern ihm so einen Lebensstandard, von dem jeder Normalbürger nur träumen kann. Und trotzdem ist Insteadman unglücklich.
Ein gutes Glas Sarkasmus
Das könnte daran liegen, dass er eine Fernbeziehung führt - und zwar eine so ferne Beziehung, wie sie sich nur ein Meisterfabulierer wie Lethem ausdenken kann. Janice Trumbull, die Verlobte des High-Society-Lieblings, ist nämlich Astronautin und gleitet irgendwo manövrierunfähig mit ihrem Raumschiff durch die Umlaufbahn.
Ab und an bekommt Chase einen Liebesbrief von seiner Freundin. Ärgerlich nur, dass die tragische Liebe der beiden derart öffentlich ist, dass all ihre Briefe den Weg in die Zeitung finden. Millionen Menschen haben Anteil an einer Beziehung, wie sie furioser nicht sein könnte. In Zeiten, in denen die ganze Welt einen Tag lang eine königliche Hochzeit vor dem Fernsehbildschirm verfolgen kann, wirkt dieser erzählerische Kniff wie ein gutes Glas Sarkasmus.
Schon bald lernt Chase den Kulturkritiker Perkus Tooth kennen. Der ist ständig schlecht gelaunt, unfassbar klug und ungefähr so gesellschaftsfähig wie ein Becher abgelaufener Joghurt. Und trotzdem: Die beiden werden Freunde, gehen gemeinsam Fast Food essen und schwadronieren dabei über Einsamkeit und die Liebe.
Grüße an David Foster Wallace
Faszinierend sind die popkulturellen Anspielungen, die Autor Jonathan Lethem immer wieder zu verstecken vermag: So werden nächtelange Ersteigerungen im Internetaktionshaus Ebay für die Protagonisten in Chronic City zur Droge, ein unsichtbarer Tiger streift durch den Stadtteil Manhattan (und wird zur Bedrohung, die alle zu kennen glauben, aber noch niemand gesehen hat) und irgendwann entdecken die Freunde im Internet eine zweite Welt ähnlich der in Vergessenheit geratenen Internetspielwelt Second Life.
Lethem fantasiert sich durch eine Art Parallel-New-York und konfrontiert den Leser mit einer Realität, die zwar nicht in voller Gänze die unsere ist, sich aber aus entscheidenden Teilen der zerstörerischen Jetzt-Zeit zusammensetzt.
Einfach jeder bekommt in Chronic City sein Fett weg: die Medien, die Mächtigen und nicht zuletzt der Mensch. Am Ende lässt Lethem seinen Helden Chase Insteadman gar einen fiktiven Roman in einen Krater werfen und grüßt so auf seine Art den Schriftsteller David Foster Wallace, der sich 2008 erhängt hat. Chronic City ist ein mächtiges Stück Literatur, das den Leser taumelnd zurücklässt - vor Glück, Zufriedenheit und Schmerz wegen des Abschieds von lieb gewonnenen Figuren
Bestes Zitat: «Der Mensch ist frei geboren und kauft doch überall in Ketten.» (Perkus Tooth in Chronic City)
Titel: Chronic City
Autor: Jonathan Lethem
Verlag: Tropen
Seitenzahl: 491 Seiten
Preis: 24,95 Euro
Bereits erschienen