Korr-Inland Düsteres Stück: Juli Zehs «203» uraufgeführt

Düsteres Stück: Juli Zehs «203» uraufgeführt (Foto)
Düsteres Stück: Juli Zehs «203» uraufgeführt Bild: dpa

Ein Mann namens Daniel wacht in einem von außen verschlossenen Zimmer auf, das er nicht kennt, umgeben von drei Fremden, die behaupten, er heiße Thomas und sie seien seine Familie.

Düsseldorf (dpa) - Ein Mann namens Daniel wacht in einem von außen verschlossenen Zimmer auf, das er nicht kennt, umgeben von drei Fremden, die behaupten, er heiße Thomas und sie seien seine Familie.

Verwirrt? Wie im Irrenhaus geht es in Juli Zehs neuem Theaterstück «203» tatsächlich zu. Vielleicht noch ein bisschen heftiger, denn von ärztlicher Fürsorge kann in Raum «203» keine Rede sein. Stattdessen gehören Gehirnwäsche, Spritzen und Zwangsernährung zum Alltag. Die teils amüsante, teils beklemmende Science-Fiction-Satire löste bei der Uraufführung am Freitag im Düsseldorfer Schauspielhaus keine Begeisterungsstürme aus. Eher regte sie zum Nachdenken an.

Man sollte sich nicht wünschen eines Morgens in Raum «203» aufzuwachen. Die bunte Tapete mit dem psychedelischen Hippie-Muster, der riesige Elchkopf an der Wand und die buntgeblümten Sessel könnten zwar den Charme einer Studentenbude erzeugen. Doch die riesigen roten Zahlen 203 an der Wand machen aus dem Raum eine Zelle. Das beweist auch ein Blick über die Bühne: Das Überwachungsvideo des Raumes prangt dort als Livemitschnitt auf einer Panorama-Leinwand. Bleibt nur die Frage: Wer schaut zu?

Das wüsste Thomas (Gunther Eckes) auch gern. Eben noch war er Daniel, ein Millionen zockender Banker kurz vor dem Burn-out. Nun wird er von Betty (herausragend: Viola Pobitschka), Christa (Pierre Siegenthaler) und Leo (Karin Pfammatter) zu Thomas gemacht - die Familie ist komplett. Aber «Thomas» kennt die Fremden doch gar nicht! Einsprüche, Nachhaken, Wutanfälle - Der Neue kann tun, was er will, die Zimmergenossen lächeln und beharren auf Familienanekdoten.

Auch als zwei Wärterinnen mit abgestumpftem Blick hereinkommen, wird Thomas nicht viel schlauer. Ist er beim BKA gelandet? Oder gar bei der CIA? Ganz rein sei seine Weste ja nicht, sagt Thomas - ein Wirtschaftskrimineller, wie sich herausstellt. Statt Antworten gibt es Spritzen. Später auch einen Schlauch in den Hals: Zwangsernährung - oder gar Mästung? «Wir leben in einer kannibalistischen Gesellschaft», betont jedenfalls Christa.

Was damit gemeint ist, wird bald klar. Der Ekelfaktor in der schonungslosen Inszenierung von Hans-Ulrich Becker ist hoch, die Auflösung trotz satirischer Pointen düster und abstoßend. Angeprangert wird dabei eine Konsum- und Spaßgesellschaft, in der Überwachungsterror und Sicherheitsfanatiker regieren. «Freiheit heißt jetzt Sicherheit», sagt Leo und liest einen Zeitungsartikel über Sicherungsverwahrung vor.

Zehs Stück ist komplex, kompliziert und hoch politisch. Im Zentrum stehen das Individuum und dessen Identität. «Ein pures, authentisches und hundertprozentiges "Ich" gibt es überhaupt nicht», sagte Zeh (36) in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Menschen spielten immer Rollen füreinander.

So sind auch die Grenzen zwischen Erinnerung, Wahrheit und Fiktion fließend, wenn die Insassen von «203» ihre Familiengroteske spielen - ein Schutzmechanismus in einer pervertierten Welt. «Solange wir erzählen, sind wir frei», sagt Leo, und schon bald kommen die Wärter - die Schlachtgans ist reif.

news.de/dpa

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