Lena live Zwölf Punkte aus dem Kinderzimmer

Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig
Mehr als beachtlich: Lena zeigt beim Konzert in Leipzig, dass sie in nicht einmal anderthalb Jahren vom Nobody zum kleinsten gemeinsamen Nenner geworden ist. Und deutet an: Wenn sie erst richtig loslegt, dann wird noch lange mit ihr zu rechnen sein.

So ist das eben mit Satelliten: Sie werden steil nach oben katapultiert, mit Feuerschweif und großem Getöse, so dass man nur staunen kann. Sie drehen dann souverän ihre Runden und leisten nützliche Dienste. Aber dann haben sie irgendwann ausgedient. Sie werden zu Weltraummüll - nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich. Die Erde umrunden derzeit ungefähr 800 aktive Satelliten - die Zahl der ausgedienten Flugkörper wird auf mehr als 5000 geschätzt. Sie fliegen weiter durchs All, und wenn sie nicht gerade mit einem teuren, neuen Hightech-Bauteil kollidieren, dann interessiert sich kein Mensch mehr für sie.

Dass Lena mit Satellite im vergangenen Jahr zunächst Stefan Raabs Casting-Wettbewerb Unser Star für Oslo und dann auch den Eurovision Song Contest gewann, muss deshalb noch lange kein schlechtes Omen sein. Doch drei Wochen, bevor sie in Düsseldorf ihren Titel beim ESC verteidigen will, muss man sich fragen: Wird Lena demnächst verglühen oder wird sie ein Fixstern bleiben? Was ist übrig vom Hype?

Die Mitte der Gesellschaft

Die Antwort ist auch an diesem Abend in Leipzig schwer zu finden. Lässt man die Musik außen vor und verlässt sich nur auf die optischen Eindrücke, dann ergibt das ein sehr eindeutiges Sowohl-als-auch. Die Arena ist, wie fast alle Konzerte der aktuellen Tour, ordentlich gefüllt, aber bei weitem nicht ausverkauft. Das Publikum entspricht dem, was man wohl die Mitte der Gesellschaft nennt: Studentenpärchen. Eltern, die sich trotz Nachwuchs noch lange nicht von der Idee verabschieden wollen, cool zu sein. Angestellte, die direkt aus dem Büro kommen. Und ganz viele kleine Mädchen im Grundschulalter, die in einem putzigen Fantasie-Englisch mitsingen und auf den Tribünen der Arena zum Teil Choreographien aufführen, die Lenas Tanzversuche auf der Bühne locker in den Schatten stellen.

Der Glaubenskrieg im Kinderzimmer

Die sechsköpfige Familie aus Leipzig, die am Ende des Konzerts eine glatte 12 für die Show von Lena vergibt, ist durchaus exemplarisch. Trotz der Begeisterung glauben auch die drei kleinen Töchter nicht daran, dass Lena in Düsseldorf ihren Grand-Prix-Triumph wiederholen kann. Und ihr Wettbewerbs-Song Taken By A Stranger hat im Kinderzimmer wohl schon für den einen oder anderen Glaubenskrieg gesorgt: «Nur lautes Schlagzeug», sagt die eine. «Ist doch ganz gut», meint die andere.

Sie werden vielleicht morgen schon Miley Cyrus zu ihrer neuen Favoritin erklären oder übermorgen auf Stefanie Heinzmann umschwenken. Doch was Lena wirklich Hoffnung auf nachhaltigen Erfolg machen darf, sind die Erwachsenen. Die sind hier keineswegs bloß als Aufpasser dabei, sondern feiern mit und beweisen: Mit ihrem Sound trifft Lena den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Dass viele der Besucher offensichtlich vergleichsweise wenig Konzerterfahrung haben, drückt vor allem zu Beginn des Konzerts in Leipzig ein bisschen auf die Stimmung. Doch Lena, die ein gutes Dutzend Musiker zur Verstärkung dabei hat, lässt sich davon nicht die Laune verderben. Bedenkt man, dass sie vor einem Jahr noch eine ganz normale Abiturientin war, dann füllt sie diese Bühne, auf der sonst Kylie Minogue oder die Sportfreunde Stiller stehen, mit beachtlicher Präsenz.

Der Traum wird wahr
Lena ist die Beste!

Gelegentlich driftet die Musik zwar in allzu viel Gefälligkeit ab - dann meint man, die TV-Total-Hausband Heavytones kündige gerade einen beliebigen Studiogast an. Es gibt einige Momente während dieser Show, in denen man sich wünscht, Lena könnte sich endlich einmal jenseits dieses Korsetts entfalten. Doch die Hannoveranerin macht solche Defizite mit enormem Charme wett. Wer beschlossen hat, sich aus irgendwelchen Gründen erst jetzt in sie zu verlieben, der findet auch an diesem Abend genug Gründe dafür.

Dazu hat Lena eine beeindruckende Lichtshow im Gepäck. Die Frau am Spotlight, die in der Leipziger Arena mit ihrem Scheinwerfer Lena auf Schritt und Tritt folgen muss, fühlt sich von der quirligen 19-Jährigen zwar nicht überfordert («Das ist wie immer»), zeigt sich aber durchaus beeindruckt vom Bühnenbild: «Das macht schon was her.»

Eine Biene mit Bömmelchen

Dass so viel Mühe in der Lightshow steckt, hat auch schon mit den Vorbereitungen für den Auftritt in Düsseldorf zu tun, denn dort setzt Lena besonders auf die Fähigkeiten ihrer Lichtmeister. «Die haben viel in der Hand, was Stimmung und Ambiente angeht, Party oder Nicht-Party, eigentlich top oder flop», sagte sie unlängst im Interview.

Auf Blendwerk wird sich Lena langfristig freilich nicht verlassen können. Aber gerade in den ruhigeren Momenten des Abends macht sie deutlich, dass sie dies gar nicht braucht. Auch nach dem Overkill von Unser Song für Deutschland hat sie noch genug Charme, Individualität und Selbstvertrauen, um daraus eine Karriere machen zu können. Wenn sie sich bei Bee alberne Bömmelchen aufsetzt, am Anfang von I Like To Bang My Head vom Debütalbum My Cassette Player kurz Snoop Doggs Drop It Like It's Hot zitiert oder den Über-Hit Satellite mit einer fast beiläufigen A-Capella-Einlage beginnt, dann zeigt das, wie viel sie sich zutraut und wie viel Potenzial in ihr steckt.

Auch Who Wanna Find Love ist ein Beleg dafür. Dieses neue Lied testet sie in Leipzig am Publikum - und nach mehr als wohlwollendem Applaus kommt sie zum Schluss, dass man den Song wohl bald noch öfter hören wird. Nach einem Abend, der reichlich Spaß und Abwechslung bot, ist der Satz, mit dem Lena zur ersten Zugabe zurück kommt, deshalb durchaus als Kampfansage zu verstehen: «Ihr glaubt doch nicht, dass das schon alles war.» 

Lenas Tour führt sie noch nach München, Stuttgart und Köln. Hier gibt es alle Termine und Tickets.

ESC 2011 - Deutschland
Lena - Taken By A Stranger
Video: boi/news.de/youtube

«Unser Song für Deutschland»
Das Lena-Gefühl ist weg
Video: roj/news.de

krc/news.de

Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • hermherm
  • Kommentar 7
  • 22.04.2011 15:40

Das sind meines Erachtens die ersten Statements, in denen (noch) nicht über Lena hergezogen wird. Ich bin schon ein etwas älteres Semester und versuche nicht "cool" rüber zu kommen wie im Artikel angedeutet, aber dafür finde ich Lena cool. Selbstverständlich gibt es gesanglich bessere Stimmen, aber Lena bezaubert nun mal auch durch ihre Unbekümmertheit und macht gerade damit Einiges von Ihrer gesanglichen Unperfektheit wett.

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  • Manfred Schulz
  • Kommentar 6
  • 22.04.2011 12:58

Herzlichen Glückwunsch! Es gibt doch noch Journalisten! Endlich einmal ein Artikel in dem nicht nur auf die Schnelle Zeilen gefüllt werden, sondern in dem der Autor das Phänomen Lena und ihr Publikum (!!!) ernst nimmt, ohne sich anzubiedern. Auf ein paar kleine Dinge möchte ich doch hinweisen; Man mag es nicht glauben, aber es ist kaum mehr als EIN Jahr her, das Lena die Bühne betrat (Februar 2010) und das Konzert begann mit Not Following statt mit MayBe. Tip zum Nachdenken: Lena hat seit Ihrer Kindheit Tanzunterricht gehabt. Wenn sie das nicht zeigt, gehört das vielleicht zu ihrem Stil.

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  • Michael Kraft
  • Kommentar 5
  • 22.04.2011 12:26
Antwort auf Kommentar 3

Hallo Andybiggi! Danke für den Kommentar. Natürlich ist Lenas Band eine andere, das wird ja in meinem Text allein dadurch deutlich, dass ich von "mehr als einem Dutzend Musiker" schreibe, und so viele Mitglieder haben selbst die Heavytones als Oktett nicht. Aber Lenas Band klingt an manchen Stellen wie die Heavytones - so ist das gemeint.

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