Von news.de-Mitarbeiterin Annika Einsle, Leipzig
Seit 15 Jahren steht Steffen in der Leipziger Innenstadt und verkauft Straßenzeitungen. Der Job bringt dem Hartz-IV-Empfänger einen kleinen Zuverdienst. Aber die Sitten auf der Straße sind sehr rau.
Die Jobs kommen und gehen. Die Zeitung aber ist geblieben. Sie heißt Kippe. Seit 15 Jahren ist der Mann nun schon in der Leipziger Innenstadt unterwegs und verkauft die Straßenzeitung. Steffen steht auf dem Namensschild, das er an seine neongelbe Weste geklipst hat. Mal ist er öfter hier, mal seltener - je nachdem, ob das Arbeitsamt mal wieder eine Maßnahme für ihn hat oder eine Arbeitsstelle. Eine abgeschlossene Ausbildung hat Steffen nicht. Er lebt von Hartz IV.
In der Innenstadt sind viele Leute unterwegs. Steffen steht vor einem Modehaus. Es ist sein Revier. Wer ihm dazwischenfunkt, bekommt Ärger. Wenn für viele der Feierabend beginnt, fängt Steffens Arbeit an. Am Nachmittag hat er die größten Chancen, dass die Passanten auch tatsächlich stehenbleiben und ihm eine Zeitung abnehmen. Ein gutes Geschäft? Über Zahlen spricht Steffen nicht so gerne. Mal läuft es besser, mal schlechter, sagt der 47-Jährige. An Jahreszeiten könne man das nicht festmachen. Auch nicht an bestimmten Tagen.
Aber der Verkauf ist schwerer geworden. «Wenn ich früher 40 Zeitungen am Samstag verkauft habe, dann kann ich heute froh sein, wenn es 20 sind», sagt er und rückt doch mit einigen Zahlen heraus. Dabei schiebt er den Unterkiefer nach vorn. Seine Zähne ragen aus dem Mund wie Strohhalme aus einem Glas. Sie sind gelb und braun und irgendwas dazwischen. Am Kinn hat sich Steffen einen schwarzen Zickenbart wachsen lassen. Er ist von feinen weißen Kräuseln durchzogen.
Auf dem Kopf trägt der Verkäufer ein blau-gelbes Basecap. Darauf ist das «Lokomotive Leipzig»-Logo gestickt. «Mein Verein», sagt er. Wenn die Leipziger auf dem Fußballplatz auflaufen, dann ist er am Spielfeldrand dabei. Steffen hat eine Jahreskarte, verpasst kein Spiel. Selbst sein Fahrrad hat er in den Farben «seines Vereins» gestrichen. Es steht hinter ihm an einem Betonpfeiler. Der Spiegel am Lenkrad ist zerbrochen.
«Ich will den Menschen nicht am Buckel kleben»
Acht- bis zehnmal erscheint die Kippe pro Jahr, je nachdem, wie schnell die Verkäufer sie an den Mann bringen. Sie kostet 1,60 Euro. Der Verkäufer erwirbt sie für 90 Cent. Verkauft er die Zeitung, dann macht er einen Gewinn von 70 Cent pro Heft. Leben lasse sich von diesem Geld natürlich nicht, sagt Steffen. Aber es sei ein netter Zuverdienst zum Hartz IV. Hin und wieder komme es auch schon mal vor, dass ihm Leute einen Fünfeuroschein zustecken. Oder sogar einen Fünfziger.
Eine Frau kommt vorbei. Sie möchte eine Zeitung kaufen. Steffen gibt ihr ein Exemplar und bekommt zwei Euro. Das Wechselgeld darf er behalten. Die Menschen, die vorbeikommen und eine Zeitung kaufen, kann er mittlerweile schon sehr gut einschätzen: «Die, die reich aussehen, lassen sich meist auf den Cent genau wieder herausgeben. Und die, die selbst nicht so viel haben, sind oft viel spendabler und teilen das wenige, was sie haben.»
Manchmal kommt sogar ein Kaffee oder ein Eis dabei herum, wenn er sich mit den Leuten unterhält. «Irgendwie muss ich mir ja die Zeit so angenehm wie möglich machen», sagt Steffen. Aufdringlich möchte er jedoch nicht sein. Viele seiner Kollegen ziehen durch die Straßen der Innenstadt und gehen an den Tischen der Straßencafés hausieren. Er selbst verlässt seinen Platz nur, um mal einen Kaffee trinken zu gehen. «Ich könnte viel mehr verkaufen», sagt Steffen. «Aber dann müsste ich den Leuten am Buckel kleben. Das möchte ich nicht.»
Verprügelt, bespuckt - und niemand will's gesehen haben
Die Beiträge im Heft werden von fest angestellten sowie ehrenamtlichen Mitarbeitern produziert. Manchmal schreibt auch Steffen mit der Hilfe von Redakteuren einen Text. Im nächsten Heft wird es einen Artikel zum Thema Zivilcourage geben, an dem er mitgearbeitet hat. «Das ist ja ein heißes Pflaster, an das sich sonst keiner herantraut», sagt er mit gedämpfter Stimme.
Erst vor Kurzem hat er selbst mitbekommen, dass Zivilcourage in der Bevölkerung keine Selbstverständlichkeit ist. Drei Jugendliche kamen auf ihn zu, haben ihn bespuckt, getreten und geschlagen. Die Passanten auf dem Bürgersteig haben ihre Augen abgewandt und sind schnell weitergegangen. Als die Jungs von ihm abgelassen hatten, ist Steffen in die Bäckerei auf der anderen Seite des Boulevards geflüchtet. «Da war der Tag dann auch gelaufen.»
Eine junge Frau kommt auf Steffen zu. Sie möchte wissen, wo es zum Schuhgeschäft geht, das auf einem großen Banner beworben wird. Steffen zeigt mit dem Finger die Fußgängerzone hinunter. Die Frau bedankt sich. Eine Zeitung kauft sie nicht. Der Bratwurstverkäufer, der zwei Meter neben Steffen seine Würstchen verkauft, hat für heute Feierabend. Er schiebt seinen roten Verkaufswagen davon. Die beiden Männer verabschieden sich. Bis zum nächsten Tag.
Einmal Papst und zurück
Einmal in der Woche geht Steffen zum Tagestreff des Leipziger Suchtzentrums. Dieser hilft Menschen, die obdachlos sind, ein geringes Einkommen haben oder Unterstützung benötigen. Dort gibt es ein warmes Mittagessen für 1,25 Euro. Steffen hat im Tagestreff mit dem Häkeln begonnen. Topflappen, Schals oder was auch immer ihm gerade in den Sinn kommt. Einmal war er auch bei der Leipziger Tafel. Aber das sei nichts für ihn, sagt er. «Den Leuten dort geht es viel schlechter als mir.»
Er hat immerhin ein Dach über dem Kopf, verdient ein wenig Geld und kann sich auch schon mal das ein oder andere leisten. Einen Billigflug nach Rom zum Beispiel. «Wenn man ständig von Hartz IV lebt und hier immer nur die Straße auf und ab läuft, hat man irgendwann mal die Schnauze voll», sagt Steffen. Die Kirche habe ihm immer wieder Halt gegeben. 1992 ließ er sich taufen. Seitdem gehört der Glaube zu seinem Leben.
Einmal war er schon beim Papst in Rom, hat an einer Generalaudienz teilgenommen. Geschlafen hat er während der einwöchigen Reise in Hostels, um Geld zu sparen. Jeden Tag war er in der Peterskirche. Das hat ihm Kraft gegeben. Kraft, irgendwie weiterzumachen. Er hat sich fest vorgenommen, wieder nach Rom zu fliegen. Im Oktober soll es soweit sein. «Komme, was wolle.» Bis dahin steht er in der Leipziger Innenstadt, verkauft die Kippe und spart jeden Cent, um seinem Traum vom nächsten Romurlaub ein Stück näherzukommen.
bjm/news.de
Durch den Euro ist leider zu erkennen wegen den vielen Rettungsschirmen das Leben schwerer in Deutschland geworden ist. Das Geld und damit die Kaufkraft muß doch irgend wo her kommmen. Steffen hat sich, in dem er unter Mensche geht, ein kleinen richtigen Erfolg an und zu geschaffen- Sein gewonnener Glaube wird Ihn noch viel weiter bringen. Gott läßt seine Kinder nicht in stich. Übrigens Fr. Merkel. vielelicht sollten Sie sich mal die Probleme solcher Leute annehmen. als großzügisch Rettungsschirme von Steuergedler für Baken zu verteilen.
jetzt antwortenKommentar meldenFür BERGAUF´s Artikel!! Solche Ratschläge braucht Steffen bestimmt nicht, was er braucht, bekommt er aus unsere Gesellschaft so wie so nicht!! Wo her willst du wissen, ob Steffen ein Versager ist?? Er hat mehr Mut, als du je mals haben wirst!! Du gehst nicht zum Verkaufen, hat ja mit arbeit zu tun, und mit stehen in der Öffentlichkeit!! Wenn schon Schlaumeier, wie nutz du denn deine Chance, um von Hartz IV weg zu kommen?? Das würde ich hier gern mal lesen!! ich habe über meine Obdachlosigkeit ein Buch heraus gebracht, damit es die Öffentlichkeit erfähr, wie politisch mit uns um gegangen wird!
jetzt antwortenKommentar meldenSeit März oder April 1994 verkaufe ich HINZ&KUNZ,das Hamburgerstrassenmagazin!! Eigentlich schon viel zu lange! Das was oben im Artikel steht, kann ich nur bestätigen!! Das die Verkaufszahlen seit der Euroeinführung rückläufig sind!! Denn ich mache seit 1994 Verkaufsstatistik,nicht nur für mich!!Ich mach sie auch für HINZ&KUNZT, da mit die Geschäftsführung weiß,wie es im Moment da draußen läuft!! Das ganze ist nicht nur ein wirtschaftliches,oder finanzjelles Problem,es ist ein gesellschaftliches Problem!! Was alle ändern könnten,wenn sie es nur wollten!! E.Heeder (Stadtteilkünstler&Autor)
jetzt antwortenKommentar meldenEin schönes Porträt. Hartz IV ist eben nicht nur die soziale Hängematte für Arbeitsunwillige, wie manche Menschen ihr Vorurteil herausposaunen. Annika Einsle zeigt in wenigen Sätzen die Nöte. Die schlechten Zähne. Die Gewalt auf der Straße. Die wegschauenden Passanten. „Am Kinn hat sich Steffen einen schwarzen Zickenbart wachsen lassen. Er ist von feinen weißen Kräuseln durchzogen ...“ Was, wenn die feinen Kräusel ganz weiß sind? Wenn Steffen noch älter ist? Er nutzt jede Chance, nicht tiefer zu fallen. Der Flug nach Rom. Der Glaube als Strohhalm und Rettungsring. Danke für dieses Porträt.
jetzt antwortenKommentar meldenIch hatte auch scon Höhen und Tiefen in meinem Leben gesehen. Haus mit Pool etc und dann etwas später eine Bamk in einem Park. Da wurde mir sogar schon empfolen solche Zeitung zu verkaufen. Abgelehnt... Ich kann mich auf die Schulbank setzen und wtwas lernen. Auch ein neuer Job lässt sich erlernen. Schmeiß deine Zeitungen in die Ecke und fange an DEIN Leben zu leben. Unsere Gesellschaft freut sich klammheimlich über jeden Versager. und ruft nach zivielcourage. anderer. Schau her, da ist noch einer dem es schlechter geht...
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