Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Holde Maid im Visier einer Bestie: Ein Werwolf stellt im Kinofilm Red Riding Hood einem sexy Rotkäppchen nach. Der Streifen schwimmt auf der Twilight-Welle, geht aber in Sachen Teenager-Erotik deftiger zur Sache als die Vampirkuschler.
Es ist ein ziemlich frühreifes Rotkäppchen, das Amanda Seyfried da gibt. Die knospende Schönheit eilt im blutroten Cape durch den Schnee und die Kerle lechzen reihenweise an ihren Fersen. Einer unter ihnen hat seinen Geifer so gar nicht im Griff und ziemlich behaart ist er auch noch – ein Werwolf besucht die Schöne regelmäßig und reißt nebenbei den einen oder anderen Dorfbewohner in Stücke. Wer hinter der Bestie steckt, weiß keiner - jeder ist verdächtig.
Red Riding Hood nimmt das Märchen vom Rotkäppchen auseinander, wirbelt die Versatzstücke mutig durcheinander und macht daraus einen Fantasy-Horror-Streifen, der mit der Geschichte vom Mädchen, das seine Großmutter besucht, nicht mehr viel zu tun hat. Die Zielgruppe ist auch eine andere: Mit den adretten Schauspielern Amanda Seyfried, Shiloh Ferndandez und Max Irons sollen ganz offensichtlich pubertierende Teenager in Wallung gebracht werden.
Das Rotkäppchen heißt hier Valerie (Amanda Seyfried). Sie schlüpft in ein blutrotes Cape und zerbricht sich das Köpfchen darüber, wer bei Vollmond zum Tier mutiert. Nebenbei hat sie einen ziemlichen Männerstress: Verliebt ist sie in einen feurigen Holzfäller, das gefällt ihren Eltern nicht, aber der Verlobte, den sie ihr kredenzen, ist viel zu brav für Valerie. Richtig kompliziert wird das Ganze dann, als sie sich fragen muss, ob einer von beiden wohl das Monstrum ist, das bei Vollmond sein Unwesen treibt. Damit wärmen die Macher die Gretchenfrage aus den Twilight -Filmen wieder auf: Was darf's denn sein - der heißblütige Lover oder die Schulter zum Anlehnen? Aktie oder Bausparvertrag?
Irgendwie hat hier jeder einen Hau
Amanda Seyfried darf rotbemalte Schnütchen ziehen und hinreißend mit den Augen klimpern. «Ich versuchte, ein braves Mädchen zu sein», kokettiert Valerie gleich zu Beginn und spielt genüsslich ihre Lolitakarten aus. Inmitten vordergründiger Märchenidylle tun sich tiefschwarze Abgründe auf, die Stimmung ist bizarr, irgendwie hat hier jeder einen Hau und auch Valerie ist nicht die holde Maid, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint.
Mit Red Riding Hood hat Twilight -Regisseurin Catherine Hardwicke den bei Teenagern so erfolgreichen Vampirstoff der Autorin Stephenie Meyer weiter entwickelt. So züchtig, wie bei Twilight geht es hier allerdings nicht zu: Den Vampir, traditionell mit erotischer Symbolik aufgeladen – die Hingabe am makellosen Hals einer Frau, das Eindringen der Zähne – ersetzt Drehbuchautor David Leslie Johnson hier durch einen Wolf, der eine ganz andere sexuelle Energie mit sich bringt: Der hat Muskeln, Klauen, eine Menge Haare, die Art des Tötens ist triebhafter, gieriger, handfester. Ein Werwolf piekst nicht mal eben zwei Zähne in den zarten Hals, er reißt sein Opfer, hinterlässt auf dem Körper Spuren der Verwüstung.
Von Blümchensex kann hier nicht mehr die Rede sein – Red Riding Hood ist Twilight für böse Mädchen. Die Bildsprache schöpft zaghaft in Sadomaso-Gewässern: Valerie trägt eine eiserne Wolfsmaske, wird auf dem Dorfplatz angekettet, zieht ein Messer aus dem Stiefel und kokettiert mit Verruchtheit.
Flammen flackern, der Busen bebt
Weil sie ein böses Mädchen ist, hampelt sie auch nicht so elendig lange herum, wie Bella in Twilight: Mit dem Edward-Verschnitt gibt sie sich gar nicht erst ab – der ist zwar niedlich, aber ein Langweiler. Rotkäppchen zaudert nicht, sie weiß ganz genau, was sie will. Dass es auf dem Strohlager mit Peter nicht zum Äußersten kommt, scheitert nur an ein paar Störenfrieden und nicht etwa am puritanischen Gemüt der Protagonisten. Wo Twilight anämisch keusch und kühl ist, geht es hier weitaus feuriger zu: Flammen flackern, der Busen bebt, der Bizeps schwillt. Heißer ist das zwar, aber mehr als ein hitziges Vorspiel auch nun wieder nicht – schließlich sind wir hier im Teeniegenre und die Zutaten sind klug gewählt: adrette Darsteller, eine tragische Liebe.
Das erste Drittel des Films ist noch recht viel versprechend, wenn die Regisseurin Setting und Figuren vorstellt und dabei die Saat der Missgunst unter den Dorfbewohnern streut. Doch spätestens, als der Wolf zum Plausch mit Valerie ansetzt und mit verzerrter Grabesstimme «Komm mit mir» raunzt, ist klar: Das wird nicht besser. Ein pathosbeladener Pater Soloman (Gary Oldman), selbstverständlich in lila Samt gewandet, tut sein Übriges, um die Story ins vollständig Lächerliche abdriften zu lassen. Er sagt Sätze wie «Ich hatte eine Frau, deren Name Penelope war» und überfrachtet sie mit bedeutungsschwangerer Intonation.
Ein Märchen mit Blutrunst, Erotik und Action zu tränken, ist gewagt, weil das ruckzuck ins Lächerliche abdriftet - genau das ist hier leider passiert, weil sich Red Riding Hood in seiner Dramatik zu ernst nimmt. Hinzu kommt, dass Hardwicke Symbolik viel zu holzschnitthaft anwendet und allzu tief in den Pathostopf greift.
Dramaturgisch geht die Regisseurin allerdings geschickter vor: Es gelingt ihr, bis zum Schluss zu verschleiern, wer hinter der Bestie steckt. Das Misstrauen treibt nicht nur unter den Dorfbewohnern imposante Blüten, sondern infiziert auch den Zuschauer. Geschickt streut sie Verdächtigungen und löst sie aber auch sehr lässig wieder auf. Dazu reicht dann manchmal nur ein Bild: Der Hauptverdächtige steht neben dem Wolf und schon muss sich der Zuschauer ein neues Opfer suchen. Das könnte richtig Spaß machen, wenn nicht ständig dieser dumme Wolf mit seiner Grabesstimme dazwischen quatschen würde.
Titel: Red Riding Hood
Regie: Catherine Hardwicke
Darsteller: Amanda Seyfried, Shiloh Fernandez, May Irons, Gary Oldman
Filmlänge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Warner
Kinostart: 21. April 2011