Matthias Reim auf Tour «Ich kapituliere nie»

Matthias Reim (Foto)
Arme breit! Eine Lieblingspose des Sängers? Oder nur der Fotografen? Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Leipzig
Matthias Reim? Der hat Verdammt, ich lieb dich gesungen und ist pleite. So die übliche Reaktion auf die Erwähnung des Sängers. Es gibt aber mehr Bemerkenswertes: Der 53-Jährige ist mit Biografie, Album und Tour zurück. Außerdem ist er wieder solvent.

Herr Reim, warum war es an der Zeit für eine Biografie?

Matthias Reim: Weil das Ende meiner schwerwiegenden wirtschaftlichen Probleme eine Zäsur ist. Als sie endgültig vorbei waren, fing ich an, mich zu erinnern. Das ist leichter, wenn man zufrieden und glücklich ist, wenn es ein Happyend gibt. Dieter Weidenfeld sagte: «Das müssen wir aufschreiben, das ist so eine unglaubliche Geschichte.» Und dann fingen wir an. Ich erzählte und Dieter schrieb mit. Wir telefonierten nachts um zwei, um drei. Er hatte zwischendurch senile Bettflucht, weil ihn das so beschäftigt hat.

(An dieser Stelle schaltet sich kurz Dieter Weidenfeld ein, der während des Interviews mit am Tisch sitzt. Er ist Reims Manager und Berater. Außerdem hat er die Erlebnisse des Sängers für Verdammt ich leb' noch aufgeschrieben. Weidenfeld selbst ist eine Hausnummer im Musikbusiness. Als Produzent entdeckte er Howard Carpendale und arbeitet bis heute mit ihm zusammen.)

Matthias Reim
«Verdammt, ich leb noch»

Dieter Weidenfeld: Präsenile, bitte. (lacht)

Reim: Ja, genau. Und ich wollte ein für alle Mal die Geschichte erzählen, was mir widerfahren ist, dass ich sie nicht tausendmal wiederholen muss.

Sie können sich viele Details Ihrer Karriere erinnern. Haben Sie Tagebuch geschrieben?

Reim: Nein, wenn du einmal anfängst, dich hineinzudenken, sprudelt es aus dir heraus. «Ach genau, da war ja noch das Konzert in Dresden mit zwölf Leuten». Dann fällt dir alles wieder ein. Die ganzen gigantischen Niederlagen, die ich weggesteckt habe. Aber ich kapituliere nie.

Sie haben auch Spekulationen über Ihr Schicksal selbst befeuert, mit der Werbekampagne für eine Autoverleihfirma zum Beispiel.

Reim: Ja, wenn mit Bosheit und Häme über mein Schicksal berichtet wird, kontere ich mit Humor.

Konnten Sie Ihre Pleite damals schon mit einem Augenzwinkern sehen?

Reim: Nein, aber manchmal tat's gut, sowas Schräges zu machen.

Sie schreiben, dass Sie trotz Ihrer ganzen Erfahrung manchmal heute noch nicht richtig mit der Presse umgehen können. Wie äußert sich das?

Reim: Ich komme einfach gern ins Plaudern. Weil ich den Journalisten grundsätzlich erst mal nichts Böses unterstelle. Mit dieser Einstellung gehe ich durchs Leben. Ich kriege das auch zurück und die paar Aussetzer dazwischen nehme ich einfach hin. Ich habe gelernt, bestimmte Dinge in Interviews wegzulassen. Ich spreche wenig über mein Privatleben oder Ex-Beziehungen. So habe ich noch nie öffentlich über Michelle, die Mutter meiner Tochter Marie gesprochen. Wenn man mich fragt, sage ich irgendwas Vages oder winke ab. Ein Gentleman spricht nicht über private Details.

Das halten Sie auch in Ihrem Buch so. Es kratzt ein bisschen an der Oberfläche, aber Sie werden selten konkret. Manchmal wünscht man sich beim Lesen mehr Lästereien.

Reim: Ja, aber das Buch ist wie ich bin. Natürlich wird es die Leute interessieren, warum meine Beziehungen zerbrochen sind, ich habe aber eine Verantwortung meinen Kindern gegenüber. Ich glaube, mir ist es gelungen, auch nach der Veröffentlichung des Buches mit den Müttern meiner Kinder wunderbar zurechtzukommen. Ganz ohne Hasstiraden wie «Was hast du da nur geschrieben? Wie kannst du nur? Das war doch ganz anders!» Ich habe mir das alles erspart, indem ich sie alle habe gut wegkommen lassen. Ich schreibe von alles sehr liebevoll.

Das heißt alle Mütter Ihrer Kinder haben das Buch gelesen?

Reim: Davon können Sie ausgehen.

Am Anfang Ihrer Karriere in Berlin deuten Sie auch Exzesse an. Da hätte mich schon mehr interessiert. Vielleicht ist das Stoff für ein zweites Buch. Gibt’s dahingehend Überlegungen?

Reim: Ja, ich schreibe ein zweites Buch. Aber das wird ein Kinderbuch.

Es wird also nicht um Matthias Reim gehen.

Reim: Erst kurz vor meinem Tode werde ich schreiben «Und jetzt kommt die wahre Geschichte. Was war wirklich mit den Frauen in meinem Leben?» (lacht) Nein, war ein Spaß.

Ihr größter Hit Verdammt, ich lieb dich ist über 20 Jahre her. Können Sie das begreifen?

Reim: Die Zeit ist unheimlich schnell vergangen. Aber Verdammt, ich lieb dich ist immer wieder neu für mich. Ich spiele den Song so gerne, weil er generationsverbindend ist. Alle kennen ihn, keiner hat ein Problem damit. Das ist eine Ehre für mich, in meinem Repertoire einen Song zu haben, den jeder liebt.

(Auch Matthias Reim ist sehr beliebt. Das Interview findet auf der Leipziger Buchmesse statt. Mittlerweile hat sich eine Menschentraube um den Tisch gebildet. Als sich Matthias Reim kurz abwendet, um einen Keks von einem Tablett zu greifen, nutzen die Fans die Gelegenheit. Einer legt den Arm um den Sänger und Neu-Autor. Knips wird ein Foto geschossen. Fürs Autogramm in Reims Buch buchstabiert jener Stefan seinen Namen. «S, T, E, F, ...» «Ach so, die klassische Schreibweise», sagt Reim.)

Reim: Als Bestseller-Autor muss man hin- und wieder Bücher signieren. (lacht)

Wie verkauft sich Ihr Werk?

Reim: Großartig. Ich stand auf Platz 25 der Spiegel-Bestsellerliste. Der Verlag ist völlig begeistert, weil wir mit der Dimension gar nicht gerechnet haben.

Sie haben aber auch ein neues Album herausgebracht. Es heißt Sieben Leben. Wie klingt Matthias Reim im Jahr 2011?

Reim: Positiv, fröhlich, hoffnungsvoll, voller Power. Das Album ist auch seit 21 Wochen in den Charts und hat gerade Gold bekommen.

Und jetzt gehen Sie mit der neuen Musik auf Tour. Bei soviel Erfolg ist die vielleicht auch schon ausverkauft?!

Reim: Nein, aber wir mussten Zusatzkonzerte in Berlin, Dresden und Hamburg einplanen.

Machen Sie Ihre öffentliche Generalprobe auch wieder in Wernesgrün, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben?

Reim: Ja, denn es ist eine geile Location, um zu proben. Die haben dort eine Arbeitsbühne und sie stellen uns immer ein Fass Bier mit Zapfanlage in den Aufenthaltsraum. Wir sind da zum dritten Mal, das ist schon eine Art Tradition.

Spielen Sie dann nur neue Songs fürs Publikum?

Reim: Natürlich will das Publikum die Klassiker hören, die werden ein Drittel des Konzerts ausmachen. Vom neuen Album spiele ich sieben Songs. Und es gibt eine Flamencoversion von Verdammt ich lieb dich.

Sehen Sie die gleichen Leute wie vor 20 Jahren auf Ihren Konzerten?

Reim: 70 Prozent rekrutieren sich aus einer völlig neuen Schicht zwischen 20 und 35 Jahren. Es sind viele extrem junge Leute und vor allem viele Typen. Der Rest ist bunt gemischt. Der Großteil war aber noch nicht da, als ich Verdammt, ich lieb dich herausgebracht habe. Die haben mich über die Alben entdeckt. Meine Alben waren ja nicht unerfolgreich und haben alle Goldstatus erreicht.

Sie sind auch 2011 für den Echo nominiert gewesen.

Reim: Ich bin immer nominiert und bekomme ihn nie. (lacht) Andrea Berg hat mehr verkauft als ich und die ist in der gleichen Schublade.

Im Buch beschreiben Sie, dass Herbert Grönemeyer Ihnen eigentlich den Echo 1992 weggeschnappt hat. Da könnte er doch jetzt einen an Sie abtreten.

Reim: Stimmt, aber ich glaube nicht, dass ich von dem was geschenkt haben möchte. (lacht)

Herr Reim, was würden Sie denn dem Matthias Reim mit Ihrer Lebenserfahrung von heute raten?

Reim: Ach, im Nachhinein weiß man vieles besser, oder glaubt das zumindest. Ich weiß gar nicht, ob ich so viel anders machen würde in meinem Leben. Wenn das alles nicht passiert wäre, wäre ich heute nicht hier. In meinen Songs kann ich wunderbar emotionale Niederlagen beschreiben. Und wenn du die nicht erlebst, geht das eben nicht. Die Leute schätzen mich dafür, dass ich nicht aufgegeben habe und mir nicht zu fein war, die Niederlagen auch einzugestehen. Davor haben sie Respekt. Es ist schon alles gut, so wie es ist.

Hatten Sie schon immer diese positive Einstellung zum Leben?

Reim: Ja, denn immer nach einem Fehlschlag entsteht was Besseres. Auch wenn es hoffnungslos erscheint. Das war in meinem Leben zumindest immer so.

Matthias Reim (53) feierte seinen größten Erfolg Anfang der 1990er Jahre. 16 Wochen lang stand er mit Verdammt, ich lieb dich an Platz eins der Charts. Sein damaliger Manager häufte dem Sänger ohne sein Wissen einen Schuldenberg von 14 Millionen Euro auf. Reim musste Privatinsolvenz anmelden. In seinem Buch Verdammt ich leb' noch erzählt er von seiner mühsamen Rückkehr ins Showbusiness. Seit Ende 2010 ist er schuldenfrei und komponierte die Songs zum aktuellen Album Sieben Leben. Reim ist Vater von vier Kindern.

Matthias Reim auf Tour:

16.04.2011 - Wernesgrün, Brauerei - öffentl. Generalprobe
17.04.2011 - Dresden, Kulturpalast
18.04.2011 - Zwickau, Stadthalle
20.04.2011 - Köln, E-Werk
23.04.2011 - Stuttgart, Beethovensaal
24.04.2011 - München, Circus Krone
25.04.2011 - Freiburg, Konzerthaus
26.04.2011 - Frankfurt/Main, Jahrhunderthalle
27.04.2011 - Nürnberg, Meistersingerhalle
29.04.2011 - Berlin, Tempodrom
30.04.2011 - Leipzig, Arena

Alle weiteren Termine finden Sie auf Matthias Reims Internetseite.

ruk/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Alyeska
  • Kommentar 2
  • 16.04.2011 21:37

Er ist zumindest ein sehr gutes Beispiel dafür, daß sich niemand selbst aufgeben sollte, egal, wie tief er gefallen ist. Es ist keine Schande, hingefallen zu sein. Es ist aber eine Schande, sich dann aufzugeben und nicht ernsthaft und immer wieder versucht zu haben, aufzustehen und sich erneut durchzubeißen!

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  • Heribert Wendholt
  • Kommentar 1
  • 16.04.2011 12:22

Ich inde es toll, dass er sich da wieder rausgewühlt hat und ich wünsche ihm alles Gute für seine Bibliographie.

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