Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Zwei Ohrwürmer haben sie schon. Nach Zeig mir wie du tanzt und Wovon sollen wir träumen wollen sich Frida Gold in den Gehörgängen festsetzen. Sängerin Alina Süggeler spricht mit news.de über Privates in Songtexten und das wahre Zuhause.
In Promotionstext zu eurem Album Juwel wird oft erwähnt, dass ihr Popmusik macht. Das klingt entschuldigend. Warum muss man sich für Popmusik entschuldigen?
Süggeler: Das hat mit Entschuldigen wenig zu tun. Es ist ein klares Statement, wir müssen uns eben nicht entschuldigen. Die Menschen dürfen gern Pop zu dem sagen, was wir machen. Uns geht es eher darum, dass Pop nicht gleichgesetzt werden muss mit Castingshow und Musik aus der Dose. Wir haben Spaß daran, Musik mit großen Melodien zu machen, die zum Tanzen einlädt. Der typisch deutsche intellektuelle Anspruch, der permanent an alles gestellt wird, ist mir eine Spur zu verkopft. Ich mache mir auch schrecklich viele Gedanken und die dürfen alle in meinem Text Platz haben. Ich habe aber auch keine Angst davor, sie in schlichte Worte zu fassen und mit großen Melodien zu vertonen.
Bedeutet Pop, möglichst vielen Menschen zu gefallen?
Alina: Ich würde es andersherum aufziehen. Grundsätzlich ist Musik dafür da, möglichst vielen Menschen zu gefallen. Aber das schafft auch Spartenmusik, bei der man sich sein Publikum erspielt. Da ist man vielleicht sogar besser dran, als jemand, der relativ breit gefächert ist. In unseren Herzen ist es verankert, Musik zu machen, die andere Menschen begreifen können. Für mich ist Pop eher was ganz Bescheidenes.
Ihr seid durch Zeig mir wie du tanzt in einer Mobilfunkwerbung bekannt geworden. Ist euch die Entscheidung schwer gefallen, euren Song dafür herzugeben?
Alina: Mit dem Abstand, den ich jetzt habe, kann ich ehrlich sagen, dass wir lange darüber nachdenken mussten. Es ist ein Wagnis, erstmalig durch eine Werbekampagne von sich hören zu lassen. Deshalb finde ich es ganz wichtig, dass man dahinter steht. Ich würde Songs, die mir am Herzen liegen, nicht an eine Sache verkaufen, bei der ich denke: «Oh Gott, was ist das?» Wir standen letztendlich vor der Entscheidung: Entweder wir nutzen die Plattform und über Nacht werden ganz viele Menschen auf unsere Musik aufmerksam und hinterher haben wir die Chance alles selbst zu gestalten. Oder wir machen es nicht und müssen auf eine andere Plattform hoffen. Wir hatten vorher zwei Jahre harte Arbeit hinter uns und entschlossen gemeinsam, nach der Kampagne dafür zu sorgen, dass Frida Gold schnell mit den echten Emotionen und den echten Wurzeln gefüllt wird.
Ist das mittlerweile so?
Alina: Ja, total. Natürlich gibt es immer noch Leute, die sich gern daran aufhängen, dass der Weg den wir gewählt haben, nicht sehr natürlich ist. Mehr Menschen wissen aber mittlerweile, dass Frida Gold echt und handgemacht ist. Solche Werbekampagnen müssen nicht dazu führen, dass eine Band nicht mehr glaubwürdig daherkommt.
Hast du das Gefühl, der Erfolg kommt jetzt sehr schnell?
Alina: Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der Andi und ich quasi schon das ganze Album geschrieben haben. Wir waren damals ein Paar und saßen in unserer gemeinsamen Wohnung im kleinen Studioraum und wussten nicht, worauf wir hinarbeiten. Das war schon schwierig. Wir mussten uns mit Nebenjobs über Wasser halten und mit allem anderen abschließen. Wir haben von allen anderen Berufsplanungen und Sicherheiten losgelassen, weil wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren wollten. Da gab's noch kein Label, noch niemanden, der sich konkret für Frida Gold interessiert hat. Diese zwei Jahre waren gefühlte zehn. Durch die Sorgen bin ich in der Zeit auch zehn Jahre älter geworden (lacht). Das war schwierig, jeden Tag wieder an sich selbst zu glauben und zu sagen: Wir machen weiter.
Gab's einen Zeitplan von wegen «Wenn es in zwei Jahren nicht klappt, dann ...»?
Alina: Ich habe immer gesagt: Noch ein halbes Jahr und dann kann ich nicht mehr. Aus diesem halben Jahr wurde ein Jahr und dann noch eins. Irgendwas in mir drin hat immer gesagt: Los, du machst weiter. Wir haben uns zu viert immer die Kraft gegeben weiterzumachen. Das war wirklich ein Kraftakt, weil uns keine Plattenfirma zur Seite stand. Wir wussten nicht, ob das, was wir komponiert und aufgeschrieben haben, die Menschen wirklich berührt. Und man hat permanent das Gefühl, als Künstler zu spät zu kommen. Wovon sollen wir träumen ist vor zwei Jahren entstanden. Ich dachte, der muss sofort raus. Die ganze Welt wartete gerade jetzt auf dieses Gefühl, das der Song vermittelt. Das ist natürlich totaler Quatsch. Jetzt weiß ich, dass sich immer wieder Leute finden für so ein Gefühl (lacht).
Und dann habt ihr auch eine Plattenfirma dafür gefunden.
Alina: Die hat uns im richtigen Moment abgeholt. Wir hatten das Album vor dem Deal schon fast fertig. Es gab eine klare Richtung und keiner kam auf die Idee, uns irgendwo anders hinzuführen. Es gab keine organisierten Co-Writings. Das macht man sonst gern mit jungen Bands und gibt ihnen so jemanden an die Hand, der Garant für einen Top-Ten-Hit ist. Der Einzige, der ein bisschen mitgewirkt hat, ist Aki Bosse, ein Freund von uns. Der hat mir ein, zwei Mal auf die Sprünge geholfen.
Der Song Verständlich sein soll die musikalische Richtung für die komplette Platte vorgegeben haben. Was habt ihr vorher für Musik gemacht?
Alina: Bevor Andi in die Band gekommen ist, gab es eine Band mit Timm, Julian und mir. Die Gitarren waren laut, alles ein bisschen rotziger. Meine Stimme klingt jedoch schöner, wenn sie Platz hat und auch ruhige Töne bedienen darf. Diese Ruhe gab es in der Band vorher nicht. Dann habe ich Andi kennen- und lieben gelernt und angefangen, mit ihm zu schreiben. Wir wollten Gitarre, Bass und Schlagzeug so gestalten, dass die Stimme ihren Weg findet. Es wurde elektronischer, die Gitarren perkussiver und auch insgesamt haben wir an der Attitüde gearbeitet. Ich habe nachgedacht: Wer bin ich eigentlich? Bin ich jetzt schon Frau? Was sind meine Werte? Worüber denke ich nach? Wir wollten nicht mehr irgendwas machen. Und Verständlich sein war der erste Song, der dabei entstanden ist.
Habt ihr euch da für die deutschen Songtexte entschieden?
Alina: Die gab's schon vorher. Aber ich war sehr gut darin, mich hinter deutschen Texten zu verstecken. Von Dingen zu singen, die nicht wirklich ehrlich waren. Und am Anfang war das ein Kampf.
Bei Cold Hearted Baby besingst du die Trennung deiner Eltern. Muss man als Künstler soviel Privates preisgeben?
Alina: Ich hatte ein großes Bedürfnis, das niederzuschreiben. Es geht um eine kindliche Wut, aber auch etwas, das schon abgeschlossen ist. Wir sind jetzt eine Bilderbuch-Patchworkfamilie, bei der alle Heiligabend an einem großen Tisch zusammensitzen. In der Phase, in der so etwas zerbricht, passiert ganz viel mit einem jungen Menschen. Ich habe zwei Geschwister, denen das auch noch lange nachhing. Ich musste den Song für uns drei einfach so schreiben. Das ist wunderbar an Popmusik. Einerseits ist es Zeig mir wie du tanzt und vermeintlich oberflächlicher, manchmal geht es dann aber richtig ans Eingemachte.
Deine Geschwister waren auf Weltreise. Um sich selbst zu finden, wie du in einem Interview gesagt hast. Hast du dich im Popgeschäft nun gefunden?
Alina: Ich glaube nicht, dass das mein Weg ist. Seit einem Jahr habe ich eine kleine Hündin, die von der Straße in Fuerteventura kommt und der ich ein Zuhause gebe. Das ist mir wichtig, so sieht mein Lebensweg aus. Dass ich die Liebe meines Lebens suche oder vielleicht schon gefunden habe. Frida Gold ist etwas Wunderbares und ich genieße jeden Moment, aber ich würde nicht sagen, dass das Popbusiness mein Zuhause ist. Ich sitze an meinem Küchentisch, mein Hund auf der Couch und ich schaue mir draußen die Bäume an, die gerade anfangen zu blühen. Das ist mein Leben, da werde ich irgendwann ankommen. Ich stelle mir vor, in nicht allzu ferner Zukunft eine Familie zu haben.
Das klingt grandios bodenständig, wie es gar nicht ins Musikbusiness passt.
Alina: Wir kommen ja auch aus dem Ruhrgebiet. Das ist einfach anders. Wir leben hier in der Nähe unserer Familien. Gerade wenn man so schrecklich viel unterwegs ist, wie wir, merkt man, dass das Herz sich nach einem Ruhepol sehnt.
Wenn du dann an deinem Küchentisch sitzt, wie bewusst ist dir, dass das Magazin Grazia, dich unter den zehn schönsten Frauen der Welt sieht oder dass ihr für den Comet 2011 nominiert seid?
Alina: Ich war gestern noch in München und habe ein Shooting für eine große deutsche Zeitschrift gemacht. Jetzt stehe ich kurz davor, mit meinem Hund auf die Hundewiese zu gehen. Wenn ich in Hattingen bin, fühle ich mich einfach als Alina. Als Mama von meinem kleinen Hund, alles andere passiert nebenher. Was mir wirklich wichtig ist bei Frida Gold, sind unsere Konzerte, die Produktionsphase, das Songwriting mit Andi. Darauf möchte ich nie wieder verzichten. Und dieses Drumherum schmeichelt mir vielleicht für einen kleinen Moment, aber es ist nichts wirklich Nachhaltiges. Im Kern kommt es mir auf die Musik an.
Frida Gold sind Sängerin Alina Süggeler, Gitarrist Julian Cassel, Bassist Andi Weizel und Schlagzeuger Tommi Holtgreve. Die Band kommt aus dem Ruhrgebiet und existiert so seit 2008. Die erste Single Zeig mir wie du tanzt schaffte es Ende 2010 auf Platz 38 der deutschen Singlecharts. Daraufhin trat die Band als Vorgruppe von Kylie Minogue während ihrer Deutschlandtournee auf. Gerade wurde mit Wovon sollen wir träumen die zweite Single des Albums Juwel veröffentlicht.
Interpret: Frida Gold
Titel: Juwel
Plattenfirma: Warner Music
Veröffentlichungsdatum: 15. April 2011
Frida Gold auf Juwel-Tour
03.05. Hamburg, Uebel & Gefährlich
04.05. Berlin, Comet
05.05. Frankfurt/Main, Nachtleben
06.05. Bochum, Riff
10.05. München, 59:1
17.05. Köln, Luxor
18.05. Stuttgart, Kellerclub
20.05. Leipzig, Moritzbastei