So., 27.05.12

Welt-Herausgeber 17.04.2011 «Die gedruckte Zeitung ist kein Abfallprodukt»

Die Welt (Foto)
Digitale Vernetzung: Das App der Tageszeitung Die Welt auf dem iPad. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Berlin

Schnelllebige Branche: Ist die gedruckte Zeitung tot? Nein, sagt Welt-Herausgeber Thomas Schmid im news.de-Gespräch - und verrät, wo und wie der Leser in Zukunft seine Informationen sucht. Und er wagt eine Prognose.

Reaktion auf die Konkurrenz aus dem Netz: Die Tageszeitung Die Welt hat vor fünf Monaten einen radikalen Schritt gewagt. Der erste Teil des Blattes besteht seit dem nicht mehr aus Nachrichten vom Vortag, die im Internet eh zu finden sind, sondern aus Hintergrund- und Analysetexten. News.de sprach mit Herausgeber Thomas Schmid über die Erfahrungen und Probleme, die er beim Neuausrichten seiner Zeitung erfahren hat.

Menschen, die heute für 1,80 Euro am Kiosk die Welt gekauft haben, finden an Ihrem Interview mit Winfried Kretschmann einen Hinweis. Das ganze Gespräch sei auf welt.de zu lesen. Sieht so für Sie die Zeitung der Zukunft aus?

Thomas Schmid: Durchaus. In diesem Fall verhält es sich so: Das Interview erschien in zwei Teilen, in der Welt am Sonntag und dann in der Welt. In der Online-Ausgabe hat nun der Leser, der den ersten Teil verpasst hat, die Chance, das ganze Interview zu lesen. Aber im Grunde geht es um mehr. Die gedruckte Zeitung hat nur einen begrenzten Platz - die Online-Ausgabe hat unbegrenzt Platz. Das kann man nutzen, um viele weitere Zusatz- und Hintergrundinformationen zu geben. Man kann gerade abgeschlossene Verträge oder Reden von Prominenten oder historische Hintergründe und so weiter ins Netz stellen. Das ist doch eine Bereicherung.

Die gedruckte Welt hat vor fünf Monaten einen Relaunch erfahren, nach dem besonders ein Schwerpunkt auf Hintergründe gelegt werden soll. Trotzdem wird der Leser bei Ihrem Interview ins Netz geführt.

Schmid: Das ist unvermeidlich und widerspricht sich auch nicht. Die Reform der Welt war in der Tat dazu da, dem Hintergrund mehr Chancen und Platz zu geben. Dahinter steht die Überlegung, dass eine Zeitung, die im Wesentlichen nur die puren Meldungen des Vortages referiert, heute nicht mehr attraktiv ist - denn das meiste davon wissen die Leser schon, dafür wird auf Dauer niemand mehr 1,80 Euro ausgeben. Darum muss meiner Meinung nach die Tageszeitung immer mehr auch zu einer Art Wochenzeitung werden - ohne ihre Nachrichtenpflicht aufzugeben.

Nun sind fünf Monate seit dem Relaunch verstrichen. Würden Sie diesen Schritt wieder gehen?

Schmid: Ja. Er war, wie jede Reform, ein Schritt in einem nie enden wollenden Veränderungsprozess. Und natürlich denken wir darüber nach, ob alles richtig war und was wir noch verbessern können.

Was würden Sie heute anders machen?

Schmid: Das neue Layout ist noch nicht alt genug, um jetzt schon klare Aussagen machen zu können. Es braucht Zeit, um Veränderungen in der Wirklichkeit zu erproben. Aber ich kann Ihnen einen Punkt nennen, über den ich nachdenke. Wir haben das «Forum», also die Meinungsseiten nach vorne auf die Seiten 2 und 3 gezogen. Damit wollen wir das Signal geben, wie wichtig uns Meinung, Kommentar und Analyse sind. Einige Leser haben das kritisiert, und ich verstehe ihre Kritik gut. Denn die klassische Reihenfolge ist: erst die Nachricht, dann die Meinung. Das haben wir umgekehrt, und sicher gibt es Leser, die damit fremdeln. Ich könnte mir vorstellen, dass wir das wieder ändern. Aber es wäre noch viel zu früh, darüber jetzt zu entscheiden.

Kritiker sagen, dass sie nicht jeden Tag die Zeit und Muße haben, lange Hintergrundtexte zu lesen. Was entgegnen Sie ihnen?

Schmid: Für Menschen, die nicht so viel Zeit in Zeitungslektüre investieren wollen, haben wir ja die Welt Kompakt, eine Zeitung, in der es schneller auf den Punkt kommt, deren Artikel knapper sind. Auf der anderen Seite bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Leute wirklich so wenig Zeit zum Lesen haben. Gewiss, das Arbeitsleben ist heute intensiver als früher, wir leben in beschleunigten Zeiten. Eine Leseruntersuchung, die wir vor einiger Zeit angestellt haben, hat jedoch ein überraschendes und erfreuliches Ergebnis gebracht: Richtig lange Artikel - seien es Reportagen oder auch Analysen - hatten bei unseren Lesern sehr hohe Einschaltquoten, erstaunlich oft wurden solche 200 bis 300 Zeilen langen Artikel von Anfang bis Ende durchgelesen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie gut getitelt, gut bebildert und gut lesbar sind. Es gibt offenbar ein Bedürfnis nach gründlicher und hintergründiger Information, und viele Leser sind bereit, sich dafür Zeit zu nehmen.

Andere Menschen konsumieren eine Zeitung, um rundum informiert zu sein.
Nachrichten gibt es in der Welt kaum noch. Sollen diese Leser sich eine andere Zeitung abonnieren?

Schmid: Nein. Für Leser, die nur am nachrichtlichen Überblick interessiert sind, sollten wir vielleicht noch mehr als bisher versuchen, in knappster Form das nachrichtlich Unabdingbare in das Blatt zu bekommen. Ich könnte mir zum Beispiel eine ganze Seite nur mit Nachrichten vorstellen. Aber das sind vorläufige Überlegungen. Wir werden uns Zeit nehmen, den Relaunch zu evaluieren.

Sind denn Journalisten generell dafür ausgebildet, den neuen Ansprüchen des hintergründigen Textes zu genügen?

Schmid: Ich denke schon. Hinzu kommt: Aus Redaktionen kam oft die Klage, dass die Kollegen zu wenig Platz für große Geschichten haben. Es gibt also sogar ein Bedürfnis, in diese Richtung zu gehen, und jetzt ist bei uns der Platz da. Andererseits haben Sie Recht: Wir befinden uns inmitten eines starken Transformationsprozesses des journalistischen Berufs. Der Journalist als reiner Nachrichtenmann - das wird wohl nicht mehr reichen. Zumal wir es heute mit Lesern zu tun haben, die - um das vielgebrauchte Wort zu benutzen - auf Augenhöhe mit den Journalisten sind. Sie schauen uns - etwa mit Hilfe von Google - auf die Finger. Journalisten müssen in Zukunft vielfältiger ausgebildet sein als bisher.

Welche Bedenken kamen nach dem Relaunch bisher aus der Leserschaft?

Schmid: Erstaunlich wenige. Wir hatten alle mit einem großen Proteststurm gerechnet, vor allem gegen die langen Geschichten. Leser reagieren auf Veränderungen ihrer Zeitung ja meist sehr konservativ: Alles soll so bleiben, wie es ist. Gemessen daran, haben sich Protest und Kritik sehr in Grenzen gehalten. Wir waren sehr verblüfft, dass es kaum hundert wirklich böse Reaktionen gegeben hat. Dafür gab es erstaunlich viele positive Rückmeldungen. Es gab übrigens keinen Rückgang der Zahl der Abonnenten - auch das eine Aussage.

Können Sie daraus bereits einen Erfolg ablesen?

Schmid: Nein, dafür ist der Zeitraum noch zu kurz. Ich habe den Eindruck, dass die Leser die Umstellung und die frischere Aufmachung im Großen und Ganzen akzeptiert haben.

Wir sprachen am Anfang über die Vernetzung Online und Printausgabe. Sie gelten trotzdem als Gegner von «Online first». Warum?

Schmid: Das stimmt so nicht. Wir haben - von Welt über Welt am Sonntag, Welt Kompakt, Welt aktuell, Welt Online, Apps etc. - eine vernetzte Zahl von Publikationen. Es gibt nicht mehr den einen Redaktionsschluss pro Tag. Wenn wir eine gute Geschichte haben, dann halten wir die nicht zurück, sondern stellen sie in aller Regel sofort online. Es hat sich dabei übrigens gezeigt, dass das anderen Publikationen, etwa der gedruckten Zeitung, keineswegs schadet. Allerdings bin ich entschieden dagegen, die gedruckte Zeitung für ein Abfallprodukt zu halten, dessen Zeit ohnehin bald vorbei sein wird. Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, die gedruckte Zeitung hat keine Zukunft mehr. Sie hat einen bestimmten, unverwechselbaren Charme, das Knistern des Papiers, die sture Unveränderbarkeit der Zeitung, die anders als die Online-Ausgabe nicht aktualisiert werden kann. Ich glaube, das Bedürfnis der Menschen danach wird bleiben. Und wer weiß, vielleicht erlebt die gedruckte Zeitung in 20 Jahren sogar wieder eine Blüte.

Zum Schluss: Welche Zeitung lesen Sie am liebsten?

Schmid: Na, raten Sie mal: Die Welt.

 

Thomas Schmid ist Herausgeber der Tageszeitung Die Welt. Zusammen mit Joschka Fischer und anderen gründete er in den 1960er-Jahren die Studentenbewegung «Revolutionärer Kampf» in Frankfurt. Als Vollzeitjournalist arbeitet er seit 1993, war unter anderem Politik-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

jek/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Heinz
  • Kommentar 1
  • 17.04.2011 19:31
 

Noch nicht, aber in 100 Jahren gibt es sie nicht mehr. Noch leben wir als Steinzeitmensch mit der Formel: was ich schwarz (bunt) auf weiß besitze, kann ich getrost nachhause tragen.

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