«Die Sims Mittelalter» Der brabbelnde Sinn des Lebens

Worte sind ihnen fremd, dafür zappeln sich die Sims seit Jahren erfolgreich zum Verständnis. Im neuen Mittelalterszenario bekommen sie endlich, was ihnen bisher gefehlt hat: ein sinnvolles Spielziel. News.de hat dabei ein bisschen Schicksal gespielt.

Die Sims Mittelalter (Foto)
Giftmorde und Hochzeiten: In Die Sims Mittelalter geht es fast schon traditionell zu. Bild: Electronic Arts

Seit Jahren lassen Die Sims die Kassen von Publisher Electronic Arts klingeln. Irgendwie fallen den Entwicklern immer neue Ideen ein, wie sich die Digitalmarionetten mit einem Add-on oder einer Fortsetzung weiter vermarkten lassen. Jüngstes Kind im Bunde ist Die Sims Mittelalter. Und um es gleich vorweg zu sagen: Der Ausflug in die Vergangenheit lässt das Desaster vergessen, dass Electronic Arts zuletzt mit dem kaum vernünftig spielbaren Die Sims 3 für die Wii abgeliefert hat.

Trotzdem fällt die Reise in die Vergangenheit für die Reihe eher atypsich aus. Stand bislang das freie Spiel - also Marionettentheater à la Seifenoper - im Mittelpunkt, so muss der Spieler mit seinen Avataren nun mehr bewältigen als das Alltagsleben. Der Fokus rückt etwas ab vom Mikromanagement mit seinen Klogängen, Badeszenen und Putzdiensten und wird verstärkt auf Missionen gerichtet, die mit Rollenspielelementen unterlegt sind. Dafür wurde ein Questsystem integriert, das dem mittelalterlichen Szenario den guten Story-Rahmen bietet und den Spieler nötigt, seinen Sims-Charakter Erfahrungspunkte sammeln zu lassen.

«Die Sims Mittelalter»: Giftmischer und heimliche Liebeleien

Dabei bleibt die Geschichte nicht monothematisch. Die Sims Mittelalter ist so angelegt, dass der Spieler virtuell in die Haut verschiedener Figuren schlüpfen muss, die im späteren Spielverlauf aufeinander treffen können. Vorher allerdings gilt es, um das Schloss herum ein echtes Königreich aufzubauen und das Leben darin in Bewegung zu bringen - hier einen Marktplatz errichten, da Spezialisten wie den Apotheker ins Leben rufen und das Volk bei Laune halten.

Spieglein, Spieglein - wie gut drauf bin ich?

Letzteres ist für den Regenten, in dessen Rolle der Spieler schlüpft, allerdings weniger relevant. Konzentration heißt das Zauberwort der erfolgreichen mittelalterlichen Monarchie. Sind König oder Königin nicht bei der Stange, wirkt sich das negativ auf den Erfolg in den Missionen aus.

«Die Sims Mittelalter»: Die Sims als Versuchskaninchen
Video: Electronic Arts

Abhilfe schafft ein Blick in den Spiegel im königlichen - gern auch von ganz Unköniglichen genutzen - Badegemach. Denn ob nun männlicher oder weiblicher Regent, eitel ist der Landesfürst in jedem Fall. Und er oder sie lässt sich deshalb prima mit der Option «Aufbrezeln» wieder an die Konzentrationszügel nehmen.

Wer sich schon öfter im Genre der Simulationsspiele getummelt hat, dürfte an mancher Stelle - und besonders dem Intro - des Spiels das eine oder andere Déjà vu erleben. Die Inszenierung eines Königreichs mit seinem Schloss, dem aufzubauenden Umland und den kämpferischen Aspekten erinnert unweigerlich an die Simulationsserie Die Siedler.

Beim Spielsystem selbst und den im Questsystem gestellten Forderungen an den König werden wiederum Erinnerungen an Sid Meier's Civilization wach. Hat Electronic Arts da etwa von der erfolgreichen Konkurrenz abgekupfert? Das ist zwar in der Games-Branche nicht ganz unüblich, aber das Konzept im aktuellen Sims-Spiel bleibt seinen Charakteristika treu - dem Real-Life-Zirkus und den Bastel-dir-deinen-Doppelgänger-Stunden.

Freiheit gelungen kastriert

Fans mag es ingesamt etwas sauer aufstoßen, dass das Freiheitsgefühl beim Spielen kastriert wurde. Andererseits muss den Spielmachern zugute gehalten werden: Das Mikromanagement zugunsten der Missionen eingedampft zu haben, tut dem Spiel gut. Es gibt endlich ein sinnvolles Ziel, das nicht nur darin besteht, aus der Figur einen individuelleren Charakter zu formen, sondern auch die ingesamt zwölf Bestrebungen zu erfüllen.

Hinter letzterem steckt so etwas wie die zentrale Aufgabe, die nur durch spielerische Details, beispielsweise das Königreich mit allen Interaktionsplätzen auszurüsten, bewältigt werden kann. Für die Sims ist das Ganze also so etwas wie der Sinn des Lebens. Der Haken an der Sache: Die Zahl der Quests ist begrenzt. Wer öfter spielt, kann zwar unterschiedliche Lösungswege gehen. Doch das Prinzip der Questwege ähnelt sich.

«Die Sims Mittelalter»: Aufbruch in eine alte Welt
Video: Electronic Arts

Bester Verbündeter für den Spieler wird auf Dauer wohl der Button, mit dem sich der Zeitablauf beschleunigen lässt. Denn leider heißt viel spielen auch viel warten - in vielen Situationen. Ob es der Gang zum Dorfladen oder Richtung Hafen ist, alles wird mit gemütlichem Spazierschritt angegangen. Und in dieser Zeit passiert: nichts. Keine Räuber belagern den Weg, kein Wolfsrudel versetzt die Simswelt in Angst und Schrecken. Die pure Langeweile macht sich breit.

Gewohnt breit ist die Palette der Optionen, mit denen sich die Figuren individuell gestalten lassen. Das gilt für Kleidung und Aussehen genauso wie für die Charaktereigenschaften. Lobenswert: Die mittelalterlichen Sims sind nicht durchweg Gutmenschen. Wer seine Figur erstellt, muss immer mindestens eine negative Eigenschaft zufügen - und wenn es nur Schlaflosigkeit ist. Agiert wird bekanntermaßen theatralisch.

Der Spion im Nacken des Spielers

Dabei lässt sich der eigene Sim auf Schritt und Tritt verfolgen. Die Kameraführung funktioniert im Großen und Ganzen gut, gelegentliche Hänger trüben den Eindruck jedoch. Obendrei gibt es Bereiche, die dem Spielerauge verborgen bleiben. Das gilt etwa für den Dorfladen, in dem die Zutaten für Rezepte gekauft und Überflüssiges aus dem eigenen Inventar für ein paar Simoleons verkauft werden können. Mehr als ein schlichtes Handelsfenster bekommt der Spieler nicht zu Gesicht.

In Sachen Klang erweist sich die Lebenssimulation weitgehend als stimmig. Und mit Synchronsprecher Thomas Fritsch haben die Sims-Entwicklerstudios eine gute Entscheidung für die einleitende Videosequenz getroffen. Doch ein Wermutstropfen bleibt: Die verbale Kommunikation bleibt ein Wirrwarr aus Lauten und sinnlosem Gebrabbel. Und trotz aller vorhergehenden Sims-Spiele mag sich das Ohr noch immer nicht so recht an diese Vertonung gewöhnen.

Als durchaus streitbares Detail am Spiel erweist sich das «Programm zur Optimierung durch Kundenerfahrung». Natürlich haben es die Publisher schwer, auf ihre Käuferschichten optimierte Spiele zu entwickeln. Das Spiel- und Nutzungsverhalten überwachen zu wollen, um die Spielerfahrung zu verbessern, ist im Hinblick auf das Thema Datenschutz aber grenzwertig.

Wer als Gamer - oder Elternteil - da nicht mitspielen will, sollte während der Installation der Simulation einen genauen Blick auf den Monitor werfen. Das Häkchen, mit dem der Spieler seine Zustimmung zur Spielverfolgung gibt, ist nämlich bereits gesetzt und muss - bei Bedarf - deaktiviert werden.

Fazit. Mit Die Sims Mittelalter hat Electronic Arts tatsächlich eine gelungene Mischung aus Mikromanagement und Abenteuer vorgelegt, der es ganz und gar nicht schadet, einen Teil der spielerischen Freizügigkeit eingebüßt zu haben. Die neuerdings integrierten Missionen bereichern das Sims-Universum sogar hervorragend. Schade nur, dass den Entwicklern bei den aufgetischten Quests dann doch die Ideen ausgingen. Obendrein bewegen sich die Figuren bisweilen noch immer, als hingen sie an Marionettenfäden. Da geht mehr. Doch die Sims-Entwickler sind auf einem guten Weg. 

Titel: Die Sims Mittelalter
Genre: Simulation
Publisher: Electronic Arts
Entwickler: Electronic Arts/Sims Studio
Preis: zirka 33 Euro (Limited Edition: zirka 70 Euro)
Sprache: Deutsch
USK: freigegeben ab 6 Jahren
Altersempfehlung der Redaktion: ab 10 Jahre
Plattform: PC/Mac
Veröffentlichungsdatum: März 2011
Weiterspielen: Die Sims 3 (PC), Civilization V (PC)

sis/zij/news.de

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