Von news.de-Redakteurin Anika Kreller
Hass, Eifersucht, Vergeltungslust - das TV-Drama Wir sind so verhasst erzählt von der turbulenten Beziehung zwischen Franzosen und Deutschen nach dem Ende der Nazizeit. In der Geburtsstunde Europas ist die Politik spannender als jede Liebesgeschichte.
Sie haben eine aufwühlende Vergangenheit, gemeinsame Erinnerungen, prägende Erfahrungen zusammen gemacht. Doch jetzt, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, haben sie sich nicht mehr viel zu sagen. Es ist eine komplizierte Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland im Jahr 1950. Auf beiden Seiten sitzt das Misstrauen gegen den ehemaligen Kriegsgegner tief.
Beinahe ebenso verzwickt ist die Liebe zwischen dem deutschen Journalisten Jürgen Köller (Pavel Delag) und der französischen Studentin Marie Destrade (Romy Schneiders Tochter Sarah Biasini). Für seine Zeitung berichtet Jürgen über die Visionen eines geeinten Europas, die die französischen Politiker Jean Monnet und Robert Schuman in dieser schwierigen Phase der deutsch-französischen Beziehungen trotz aller Widerstände vorantreiben. Gleichzeitig kämpft auch Jürgen für eine Aussöhnung – der mit Marie, seiner Liebe aus Kriegstagen, die er zufällig als Bedienung in einem Pariser Café wiedertrifft.
Das TV-Drama Wir sind so verhasst erzählt die Geschichte der deutsch-französischen Annäherung gleichzeitig auf der politischen und privaten Ebene. Die Handlung beginnt am 9. Mai 1950, dem Tag, an dem der damalige französische Außenminister Robert SchumanRobert Schuman (1866 bis 1963) war Ministerpräsident von Frankreich und bereitete als französischer Außenminister den Weg zur Schaffung der Montanunion (Schuman-Plan) vor. Später war Schuman Präsident des Europäischen Parlaments. Er gilt zusammen mit Jean Monnet als Gründervater der Europäischen Union. eine gemeinsame Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion vorschlägt, um den Frieden in Europa zu sichern. Es ist auch der Tag, an dem sich Jürgen und Marie das erste Mal wiederbegegnen. Die Story endet gut zwei Jahre später mit der Ausrufung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und der Ernennung Jean MonnetsJean Monnet (1888 bis 1979) war französischer Unternehmer und einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft. Er wurde auch als "Vater Europas" bezeichnet. zu ihrem Präsidenten. Es ist die Geburtsstunde Europas - und der Hochzeitstag von Jürgen und Marie. Zwischen diesen beiden Daten liegt ein langes Ringen um Aussöhnung.
«Nazihure» und der «Deutsche Feind»
Während Jürgen seine Liebe zu einer Französin vor seinem Fabrikantenvater verteidigen muss, der meint, die Franzosen hätten es nur auf das Saarland abgesehen, geht Monnet bei den Parteichefs des Landes betteln, damit sie der Union mit dem «deutschen Feind» zustimmen. Und während sich der Politiker von den deutschen Industriellen Inkompetenz der französischen Wirtschaft vorwerfen lassen muss, wird Marie als «Nazihure» beschimpft. Die Ressentiments sitzen tief. So tief, dass selbst einem eigentlich stets um Contenance bemühten Botschafter ein «Scheiße!» rausrutscht beim Gedanken daran, mit den Deutschen gemeinsame Sache machen zu müssen.
Für die Portion Authentizität sorgen Archivaufnahmen, die allerdings nur recht sparsam eingestreut werden. Das ist schade, denn die Liebesgeschichte zwischen Marie und Jürgen wirkt so leidenschaftslos und vorhersehbar, die fiktionalen Charaktere so hölzern, dass es das politische Geschehen ist, das die Story spannend bleiben lässt - und den Film rettet.
Hommage an Männer mit Visionen
Die österreichisch-französische Koproduktion erinnert daran, welch ein außergewöhnlicher Schritt diese Grundsteinlegung für ein gemeinsames Europa in der damaligen Zeit war - und wie knapp das Projekt vor dem Scheitern stand. Tatsächlich fiebert man bei diesem Film eher am Verhandlungstisch Monnets mit als beim drögen Liebesgedusel zwischen Jürgen und Marie. So ist der Film auch eine Hommage an die paar Politiker, die beherzt und mit viel persönlichem Einsatz gegen scheinbar unüberwindbare Widerstände für ihre Idee eines vereinten Europa gekämpft haben.
3sat zeigt den Film im Rahmen der Themenwoche Europa, mit der der Sender ein gutes Gespür für das richtige Timing beweist: Gerade wird die Solidarität der Gemeinschaft in der Flüchtlingsfrage auf eine harte Probe gestellt. Und auch die Finanzkrise sorgte für reichlich Zündstoff zwischen den Mitgliedsstaaten. Wir sind so verhasst lässt nun, rund 60 Jahre später, die turbulente Nachkriegsbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland noch einmal auferstehen – und am Ende doch aufatmen, dass sie ein Happy End gefunden hat.
Bestes Zitat: «Natürlich brauchen wir Europa, aber um Gottes Willen nicht mit den Deutschen. Wir müssen sie doch nicht aufrichten – scheiße!»
Titel: Wir sind so verhasst
Regie: Franck Apprederis
Darsteller: Sarah Biasini, Pavel Delag, Bernard-Pierre Donnadieu, Christine Boisson und andere
Sendetermin: Dienstag, 12. April, 20.15 Uhr, 3sat