Von news.de-Redakteur Martin Walter
Schatten der Vergangenheit: Betroffene des RAF-Terrors sprechen bei Reinhold Beckmann über den schwierigen Umgang mit dem Schweigen der Täter. Und sie üben harsche Kritik an Kanzlerin Angela Merkel.
Deutschland 1977: Mit den Ermordungen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner Bank-Chef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer erreicht der Terror der Roten Armee Fraktion seinen Höhepunkt und markiert eines der dunkelsten Kapitel der Bundesrepublik.
Mehr als 30 Jahre später sitzen Corinna Ponto und Julia Albrecht gemeinsam in einem Hamburger Studio und sprechen mit Reinhold Beckmann über die Schatten der Vergangenheit. Das ist deshalb erstaunlich, weil die beiden Frauen aus völlig verschiedenen Gründen bis heute an den RAF-Taten leiden: Die eine ist die Tochter des Opfers Jürgen Ponto, die andere die Schwester einer der Täterinnen. Die beiden Frauen haben sich Jahrzehnte nach den blutigen Taten langsam angenähert, geeint durch das Leid, das ihnen das Schweigen der Täter noch immer zufügt.
Im Gespräch werden die Abgründe klar, die sich für die beteiligten Familien nach dem Blutbad der RAF auftaten. Julia Albrecht unterstreicht, wie sehr nicht nur die Angehörigen der Opfer unter dem Terror leiden mussten, sondern auch die Familien der Täter. «Jeder wusste, dass ich die Schwester bin», beschreibt sie ihre Situation in der Schule, doch niemand habe mit ihr darüber geredet. Bis heute hofft sie, dass «man irgendwann mal zur Ruhe kommt». Doch die unvollständig aufgeklärte Geschichte ihrer Schwester Susanne wird auch immer die ihre bleiben.
Im Schatten der RAF
Es ist ein Thema, das Beckmann liegt. Anders als in der vergangenen Woche, als der Moderator in einer kontrovers geführten Runde um die Zukunft der FDP zwischen den politischen Streithähnen fast unterging, sind beim Gespräch mit den Hinterbliebenen des RAF-Terrors einfühlsame und persönliche Fragen gefordert. Beckmann macht das, was ihm am meisten liegt: Er hakt unverfänglich nach, stöbert sachte in der Vergangenheit, tastet vorsichtig Empfindungen ab.
Corinna Ponto und Julia Albrecht machen ihm das Fragen einfach. Die beiden Frauen, das wird deutlich, haben etwas zu erzählen, was sie nun auch in ihrem gemeinsamen Buch Patentöchter. Im Schatten der RAF getan haben. Ein Projekt, das sie beide sichtlich befreit hat, denn privates Versöhnen reiche nicht aus, «wir mussten das Buch schreiben».
Wie Ponto und Albrecht leiden auch Jörg Schleyer und Michael Buback bis heute am beharrlichen Schweigen der Täter. Buback hofft noch auf Erkenntnisse vor Gericht, wenn in diesen Tagen der Prozess gegen Verena Becker in Stuttgart beginnt, macht sich aber wenig Illusionen. Denn: Becker ist nur als Mittäterin angeklagt. Wer seinen Vater erschossen hat, wird unklar bleiben. «Leider sehen wir uns dabei von der Bundesanwaltschaft im Stich gelassen, weil sie diesen wesentlichen Teil der Tat nicht angeklagt hat», echauffiert sich Buback.
Ein Punkt, bei dem ihm Andres Veiel beispringt. Der Regisseur, der im aktuellen Film Wer wenn nicht wir die Vorgeschichte der RAF beleuchtet, empfindet es als «Skandal, dass diese Dinge nicht auf den Tisch kommen». Corinna Ponto kennt die vermeintlichen Gründe. Die Opernsängerin ist überzeugt, dass die Geheimdienste viel stärker in die Morde der RAF involviert waren als dies bekannt ist: «Es gibt Puzzlesteine, das kann ich mit großer Sicherheit sagen, nachdem ich sehr, sehr, sehr viele Seiten aus Stasi und MFS gelesen habe.»
Harsche Kritik an der Kanzlerin
Umso enttäuschender ist für die Hinterbliebenen bis heute die Rolle der Politik. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) muss sich massive Vorwürfe gefallen lassen. Seit vergangenem September hat sie nicht auf den offenen Brief von Michael Buback, Corinna Ponto und Jörg Schleyer geantwortet. «Ich habe keine Reaktion bekommen. Es ist leider überhaupt nichts geschehen.», klagt Michael Buback. Für Corinna stellt die ausgebliebene Antwort gar «eine Information an sich» dar.
«Wir können nicht alle Fragen beantworten», merkt Reinhold Beckmann am Ende der Runde an und formuliert damit ein Ziel, das er beim Thema RAF hoffentlich nicht ernsthaft verfolgt hat. Die versöhnlichste Geste gibt es direkt im Anschluss, als Corinna Ponto die Abschlussfrage des Moderators nach der Versöhnung ihrer Mütter mit einem Lächeln an Julia Albrecht weiterreicht. Dass auch die Mütter Kontakt zueinander aufgenommen haben, gibt der Sendung schließlich sogar eine Art Happy End.
Bestes Zitat: «Das ist nicht nur enttäuschend - das ist indiskutabel.» (Corinna Ponto über die ausgebliebene Antwort von Angela Merkel auf den offenen Brief der Kinder der RAF-Opfer.)
cvd/news.de
Ich fürchte, das hat nicht nur mit der Kanzlerin zu tun, über deren Aktivismus man durchaus streiten kann. Wer den aktuellen Prozess (Verena Becker) interessiert verfolgt kommt schnell zu dam Schluss, das der Bundesanwaltschaft gar nicht so sehr an der Aufklärung gelegen ist; und der Nebenkläger (Michael Buback)erneut in eine Art Opferrolle gedrängt wird.r9saq
jetzt antwortenKommentar meldenNichts zu tuen ist nicht der Stil der Kanzlerin, vielleicht ist der Zeitpunkt noch nicht gekommen. Ungeduld bringt einen nicht weiter und jemanden anklagen auch nicht, wenn sich ein Lösungsweg zeigt, wird auch eine Message kommen, immer schön abwarten.
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