Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Knackiger Rock mit radiotauglichen Melodien und einer Prise Subversion: Mit diesem Rezept haben The Sounds sich viele Fans erspielt. Auf ihrem vierten Album setzen die Schweden auf mehr Elektronik. Und übertreiben es mit dem Prinzip Eigenregie.
The Sounds sind eine Band, die man leicht mögen kann. Ihre Lieder sind packend, eingängig, stets äußerst stilsicher balancierend auf der extrem scharfen Kante zwischen Unschuld und Gefahr. Die fünf Musiker aus Helsingborg sind unfassbar gutaussehend, äußerst clever, ungemein sympathisch. Bei so viel Charme kann man schon einmal ein bisschen voreingenommen sein. Man wünscht sich förmlich, dass Something To Die For, das vierte Album der Sounds, ein umwerfend gutes Album ist. Aber das ist es leider nicht.
Man kann die Platte sehr laut hören, sehr oft oder bei schönstem Sommerwetter. Das alles hilft ein bisschen. Es täuscht aber letztlich nicht darüber hinweg, dass Something To Die For bloß solide ist und The Sounds damit diesmal unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.
Das Problem ist dabei gar nicht, dass das Quintett auf Something To Die For deutlich mehr auf Elektronik setzt. Diese Elemente schimmerten in der Musik der Schweden schon immer durch, und jetzt nach drei Alben den Fokus ein wenig zu verschieben und diese Vorliebe richtig auszuleben, ist nur nachvollziehbar. «Wir haben uns von jeher für Electro interessiert», bestätigt Keyboarder Jesper Anderberg. «Das war für viele von uns überhaupt der erste Grund, Musik zu machen, und dem wollten wir diesmal Rechnung tragen.»
Die Momente, in denen Beats und Synthies regieren, gehören dann auch zu den reizvollsten auf Something To Die For. Doch viele andere Lieder bleiben seltsam halbgar - und das scheint auch am unbedingten Willen der Band zu liegen, autonom zu bleiben. Nachdem sie den Vorgänger Crossing The Rubicon schon auf dem eigenen Label veröffentlicht hatten, haben The Sounds diesmal gleich den gesamten Aufnahmeprozess in die eigenen Hände genommen. Das heißt: Alles wurde selbst geschrieben, im eigenen Studio aufgenommen und von der Band selbst produziert. «Wir sind erstaunlich gut zusammengewachsen und wir wissen genau, was wir wollen. Warum also sollen wir da andere Leute engagieren? Wir kennen uns gegenseitig schließlich am besten», erklärt Gitarrist Felix Rodriguez die Idee dahinter.
Zu viel Kalkül
Doch man merkt Something To Die For leider an einigen Stellen an, dass es hier kein Korrektiv von außen gab. Ein Produzent, der nicht zur Band gehört, hätte vielleicht darauf hingewiesen, dass dem Album schlicht noch ein paar Hits fehlen. Der Titelsong ist ein Volltreffer. Bei Dance With The Devil gelingt die Kombination aus alten und neuen Sounds am besten. Doch sonst hat das Album nichts zu bieten, was sofort zündet.
Ein erfahrener Profi hätte The Sounds vielleicht auch ermutigen können, die neue Richtung wirklich konsequent zu gehen. Denn bei einigen Liedern ist der Elektro-Flirt nur halbherzig, als wage es die Band doch nicht, die vertrauten Sounds-Elemente über Bord zu werfen. The No No Song ist so ein Fall, der viel zu offensichtlich eingängig sein will.
Ausgerechnet durch den Versuch, alle Fäden in der Hand zu halten, haben die Sounds hier an manchen Stellen schlicht ihre Identität verloren. Einige der Stücke könnten genauso gut ins Repertoire von Katy Perry oder Avril Lavigne passen. Ganz am Ende macht Wish You Were Here noch einmal klar, was schief gelaufen ist. In der zauberhaften Ballade passt alles, ganz wenige Zutaten reichen aus, um den betörendsten Song auf dieser Platte hinzubekommen. Wish You Were Here hat die Elemente im richtigen Gleichgewicht, die an vielen anderen Stellen hier leider im Missverhältnis zueinander stehen: ganz viel Inspiration, überhaupt kein Kalkül.
Interpret: The Sounds
Album: Something To Die For
Plattenfirma: Side One Dummy
Erscheinungsdatum: 8. April 2011