So., 27.05.12

Sammelband 11.04.2011 Ganz schön arm

Armut_in_der_Kunst.jpg (Foto)
Das Buch «Armut in der Kunst» Bild: news.de (Montage)

Von news.-de Mitarbeiterin Stephanie Bremerich

Verstörend, verklärend, nüchtern oder obszön: Bilder von Armut gibt es viele, neutral sind sie nie. Damit setzen sich auch immer mehr moderne Künstler auseinander. Und werfen mit kritischen Arbeiten die hochaktuelle Frage auf: Wie schön darf das Elend sein?

Der Hartz-IV-Regelsatz

Ray stolpert, Ray stürzt. Ray liegt halb bewusstlos in seinem Erbrochenen neben der Toilette. Ray ist arbeitslos und säuft selbst gepanschten Fusel. Er schlägt seine massiv übergewichtige Frau Elizabeth, und Elizabeth schlägt ihn. Ansonsten sitzen beide stumpf vor dem Fernseher und rauchen, essen, trinken. Die verwahrloste Wohnung verlassen Ray und Elizabeth kaum noch.

Es sind unappetitliche Bilder mitten aus dem Leben der britischen Unterschicht, die der Fotograf Richard Billingham 1996 in seinem Fotobuch «Ray is’n Witz» veröffentlicht. Und es ist eine Art pervertiertes Familienalbum, denn Ray und Elizabeth sind seine eigenen Eltern.

Richard Billingham ist nur einer von vielen modernen Künstlern, die sich auf kontroverse, zum Teil sehr persönliche Weise mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Wie unterschiedlich Fotografen, Grafiker, bildende Künstler und Regisseure die Randständigen der Gesellschaft ins Bild fassen, zeigt jetzt ein Sammelband mit dem Titel «Armut in der Kunst der Moderne».

Die Fakten sind nüchtern und hart: Weltweit gelten 1,2 Milliarden Menschen als absolut arm. Sie führen ein Leben am Existenzminimum, für das ihnen weniger als ein Dollar pro Tag zur Verfügung steht. Dass Armut nicht nur ein Problem der so genannten Entwicklungsländer ist, sondern auch Industrienationen wie Deutschland betrifft, wird zunehmend seit dem dritten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2008 kontrovers diskutiert. Je nach Bewertungsmaßstab sind hierzulande bis zu 18 Prozent der Bevölkerung von relativer Armut gefährdet.

Weniger nüchtern und neutral als Daten und Fakten sind dabei die Bilder von Armut und Elend, die im Alltag kursieren. Das Spektrum reicht vom verklärenden Postkartenidyll, das an den letzten Kuba- oder Balkanurlaub erinnern soll, über vermeintlich objektive Fotoreportagen und Illustrationen in Schulbüchern oder Zeitschriften bis hin zu ausgemergelten Kindern über leeren Suppenschalen, die überlebensgroß auf den Spendenaufrufen der Litfasssäulen Anklage erheben.

In Deutschland sind es nicht zuletzt die medialen Schlammschlachten des so genannten Unterschichtenfernsehens, die die Debatte um Hartz IV und Prekarisierung auf leicht zu konsumierendes Bügel-TV eindampfen. So unterschiedlich Art und Weise der bildlichen Darstellungen auch sein mögen: Gemeinsam ist ihnen, dass Armut betrifft, und Bilder von Armut betroffen machen sollen – auf die eine oder andere Weise.

Diese Bilder zu hinterfragen und zu problematisieren, stellt das besondere Potenzial der Kunst dar. Armut und Galerie, Armut und Museum – das scheint nur auf den ersten Blick paradox. Tatsächlich setzen sich moderne Künstler verstärkt mit sozialen und wirtschaftlichen Fragen auseinander. Das beweist auch die parallel zur Buchveröffentlichung eröffnete die Ausstellung «Eure Armut kotzt mich an!». Sie läuft noch bis zum 16. April in Leipzig in der Galerie kub.

Armut – ein salonfähiges, womöglich sogar verkaufsträchtiges Zeitgeistthema? Ganz so einfach machen es sich die Künstler nicht. Moderne Fotografen wie Richard Billingham, Sebastião Salgado, Boris Mikhailov oder Jonas Bendiksen machen die verdrängten Missstände am Rande der Gesellschaft sichtbar und stellen zugleich die eigene künstlerische Praxis zur Disposition. Sie provozieren. Und sie wissen, dass sie sich angreifbar machen. Billinghams Bilder geben die Verwahrlosung der eigenen Eltern schonungslos dem Auge der Öffentlichkeit preis. Und Boris Mikhailovs provokante Fotografien nackter und entstellter Obdachloser zeigen auf drastische Weise das kaputte Sozialsystem in der postsowjetischen Ukraine.

Im Spannungsfeld zwischen Ethik und Ästhetik machen sich künstlerische Darstellungen von Armut besonders angreifbar. Sie können aber auch wach- und aufrütteln: Was ist wirklich empörend? Woran haben wir uns schon gewöhnt? Wo wird Armut versteckt, verharmlost, vielleicht sogar glorifiziert? Das muss nicht zwangsläufig durch Schock und Provokation geschehen. Auch Schönheit kann verstören, wie Jonas Bendiksens malerische Slum-Fotografien oder Sebastião Salgados monumentale Porträtaufnahmen von Flüchtlingen zeigen. Durch eine leise, unprätentiöse Ästhetik unterlaufen sie die Elendsikonen der Dritten Welt und holen eben dadurch die Persönlichkeiten hinter den Armutsklischees irritierend nah an den Betrachter heran.

Verunsichern und konfrontieren, und zwar nicht nur mit dem Thema Armut an sich, sondern vor allem auch mit stereotypen Vorstellungen vom Elend in den Medien und im eigenen Kopf – diese Herausforderung geben die Künstler an den Betrachter weiter. Auf ihre jeweils eigene Weise.

Autoren: Michael Scholz Hänsel/Franziska Eißner (Hrsg.)
Titel:
Armut in der Kunst der Moderne
Verlag: Jonas Verlag
Preis: 20 Euro
Erscheinungstermin: 1. März 2011

Stephanie Bremerich ist freie Journalistin und Mitautorin des Sammelbands. Sie promoviert derzeit zum Thema Armut und lebt in Leipzig.

kas/brc/news.de
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Sammelband: Ganz schön arm » Medien » Nachrichten

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