Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Jan Plewka hat Schüttellähmung. Und Nicolette Krebitz liebt ihn trotzdem. Im Film Liebeslied spielen die beiden ein Ehepaar - und singen. Der ZDF-Beitrag zum Welt-Parkinson-Tag.
Der ist betrunken, denken die Kollegen auf dem Bau, als Roger wegen eines Zitterns seiner rechten Hand beinahe einen Arbeitsunfall verursacht. Vielleicht ist es Fieber, vermutet seine Frau Dinah. Aber der junge Familienvater ist weder alkoholabhängig noch hat er einen Infekt. Er hat ParkinsonDie Parkinson-Krankheit bzw. Morbus Parkinson ist eine langsam fortschreitende neurologische Erkrankung. , auch Schüttellähmung genannt, wie der Arzt feststellt. Unter der unheilbaren Krankheit leiden zwar meistens ältere Menschen, man kann sie aber auch schon in jungen Jahren bekommen – wie Hollywoodstar Michael J. Fox, der mit nur 30 Jahren an Parkinson erkrankte.
Liebeslied heißt der Kinofilm aus dem Jahr 2009, den das ZDF am Welt-Parkinson-Tag als Free-TV-Premiere im Spätprogramm präsentiert. Die Norwegerin Anne Høegh Krohn hat die Geschichte mit viel Musik kombiniert und zur Realisierung des Projekts die Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz, die ihre musikalische Ader schon in Bandits (1997) auslebte, und die Band Selig (Frontman Jan Plewka sowie Gitarrist und Komponist Christian Neander) mit ins Boot geholt. Gemeinsam entwickelten sie ein sehr eigenwilliges Genre: einen Parkinson-Musikfilm.
Die Hauptrollen spielen und singen Krebitz und Plewka. Sie sind ein junges Ehepaar mit zwei Kindern, das in einem Häuschen lebt und ein bescheidenes, aber glückliches Leben führt. Er arbeitet auf dem Bau, sie als Kassiererin, abends gehen die beiden tanzen. Alles läuft bestens, bis die Diagnose das Leben der Familie auf den Kopf stellt.
Traum-Sequenzen unterm Zirkuswelt
Die Idee, das Krankheitsdrama als Musical zu erzählen, mag originell, ja vielleicht sogar provokant sein. In diesem Fall hat man als Zuschauer beziehungsweise Zuhörer aber schnell den Eindruck, dass Høegh Krohn ihre Darsteller vor allem deshalb singen lässt, weil sie von der dünnen Handlung ablenken will und wenig über Parkinson zu sagen hat und vermutlich auch weiß. Teils geschieht das in realistischem Ambiente, teils in surrealen Traum-Sequenzen unterm Zirkuszelt oder gleich schwebend im Weltraum.
Das berührt mal mehr, mal weniger angenehm. Gern lässt man sich inzwischen ja wieder auf filmische Musik-Wagnisse ein: Die Bandbreite reicht vom überbordenden Witz von Salami Aleikum (2009) bis zu schöner Durchgeknalltheit wie in Märzmelodie (2007), und auch die irische Produktion Once (2006) konnte in ihrer stimmigen Art punkten. Allerdings passt bei diesen drei Filmen die Musik zu den Figuren und fließt quasi beiläufig ins Geschehen ein. In Liebeslied wirkt es dagegen kurios, wenn Plewka, der im Film den Spitznamen Rocker trägt und in nahezu jeder Szene ein Metallica-T-Shirt trägt, immerzu Herz-Schmerz-Lieder singt. Schlimmer noch ist jedoch sein Schauspiel: Vor allem in den Nahaufnahmen wirkt Plewka sichtlich überfordert.
Auf eine leise Art sehr tröstlich
Über Parkinson oder womöglich gar Erkenntnisse über den Umgang mit der Krankheit erfährt der Zuschauer nichts. Probleme werden in Liebeslied nur angekratzt und dann schnell weggeträllert. Die Dialoge sind hölzern und gipfeln in Szenen wie jene, in der Roger auf der Straße vor seinem Haus wie festgefroren stehen bleibt. Stundenlang verharrt er in dieser Bewegungsstarre. Schließlich bringt ihm seine Frau eine Decke und sagt: «Ich mach’ gerade eine Suppe.»
Ein Kabinettstückchen ist allerdings der surreale «spastische Staatszirkus», der Dinah in einem Albtraum heimsucht und in dem ihr geliebter Roger wild zucken darf, während sie auf einer überdimensionierten Supermarktkasse herumtippt. So etwas Makaber-Komisches bekommt der ZDF-Zuschauer nicht allzu oft zu sehen. Und noch etwas kann man dem Film zugutehalten: Er macht deutlich, dass Parkinson nicht nur eine Krankheit alter Menschen ist und dass man nicht erstarren muss vor Schreck. Das ist auf eine leise Art sehr tröstlich.
Bestes Zitat: «Aber das haben doch nur alte Leute.» (Roger, als er vom Arzt die Diagnose Parkinson erfährt)
Titel: Liebeslied
Regie: Anne Høegh Krohn
Darsteller: Nicolette Krebitz, Jan Plewka, Elisa Richter, Levin Henning, Oliver Bröcker und andere
Sendetermin: Montag, 11. April, 0.25 Uhr, ZDF