Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Gewagtes Experiment, das Opfer fordert: Lehrer Jürgen Vogel führt in seiner Klasse die Diktatur ein. Zunächst belächeln die Schüler das Vorhaben, doch dann wird es bitterernst. Das Thrillerdrama Die Welle feiert bei Pro7 seine Premiere im Free-TV.
Politik- und Sportlehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) ist anders. Er hört Punkrock und lebte fünf Jahre in einem besetzten Haus. Er pfeift auf konventionelle Lehrmethoden, bei seinen Schülern ist er sehr beliebt, seinen Kollegen ist er dagegen ein Dorn im Auge. Klar, dass er bei einer Projektwoche über politische Systeme mit «Anarchie» liebäugelt. Doch das Thema ist bereits vergeben. So bleibt nur «Autokratie», also die Herrschaft eines Einzelnen oder einer Gruppe über die Gesellschaft, übrig.
Seine Schüler sind zunächst wenig begeistert: «Klar war Nazi-Deutschland Scheiße. Langsam haben wir's auch kapiert!» Die jungen Leute sind überzeugt, dass eine Diktatur wie im Dritten Reich heute nicht mehr möglich sei. «Dazu sind wir viel zu aufgeklärt», meinen sie.
Um ihnen das Gegenteil zu beweisen, startet Rainer ein Experiment: Er führt in seiner Klasse die Diktatur ein - und mit ihr verbindliche disziplinarische Regeln und eine Kleidungsordnung. Alle, die sich dagegen sträuben, werden ausgeschlossen. Innerhalb einer Woche entwickelt die Gemeinschaft dieser sogenannten «Welle» eine unterdrückende Eigendynamik, die Rainer bald nicht mehr unter Kontrolle hat.
Aus Spiel wird Ernst
Im Jahr 2008 lief der Film Die Welle erfolgreich im Kino. Mehr als zweieinhalb Millionen Besucher sahen ihn, heute Abend ist er bei Pro7 erstmals im Free-TV zu sehen. Das Drama in der Regie von Dennis Gansel zeigt eindrucksvoll, dass eine Kollektivbewegung besonders bei Jugendlichen mit Identitätskrise auf fruchtbaren Boden stößt. Was als harmloser Spaß beginnt, wird bald bedenklicher Ernst, wenn auch Sachbeschädigung, Diskriminierung und Gewalt ins Spiel kommen.
Der an sich gute Gemeinschaftsgedanke, der sich in gegenseitigem Unterstützen niederschlägt, wird zunehmend zu einem Ausschlusskriterium, das autoritären Regimen Vorschub leistet. Natürlich nimmt der Film diesen Gedanken in seinem stark zugespitzten Finale auf. Dort entlarvt er polemisch auch die Phrasen von NDPDie Nationaldemokratische Partei Deutschlands wurde 1964 gegründet und wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. und Co. als gefährliches Geschwätz und packt plötzlich den erhobenen Zeigefinger aus.
Bis dahin jedoch funktioniert Die Welle als Psychodrama mit durchaus gelungener Milieuzeichnung, auch wenn einige Klischees oder Plattitüden nicht ausgespart bleiben. Die Welle bleibt dabei nicht aufs Klassenzimmer beschränkt, sondern schwappt über auf Freizeit und Sport - und schließlich auf die gesamte Stadt.
Dick aufgetragen, aber spannend erzählt
Die Beziehung zwischen dem überzeugten Sportass Marco (Max Riemelt) und seiner besserwisserischen Freundin Karo (Jennifer Ulrich), die schnell die negativen Folgen der «Welle» erkennt, leidet unter der Bewegung. Wenn sie und eine Mitschülerin mit klischeehafter linker Öko-Attitüde bei einem Wasserballspiel Flugblätter gegen «Die Welle» verteilen, ist der Vergleich zu Sophie Scholl nur allzu sehr gewollt. Auch der etwas debil wirkende Außenseiter Tim (Frederick Lau), der endlich seinen Lebenssinn gefunden zu haben scheint und als Rainers «Schutztruppe» fungieren möchte, wirkt reißbrettartig gezeichnet.
Abgesehen von diesen Plattitüden ist Die Welle ein spannender, brisanter und gut gespielter Thriller. Er zeigt die Gefahren und das Verführungspotenzial von Macht und Gemeinschaft. Darüber, dass die Vergleiche zum dritten Reich etwas zu dick aufgetragen wirken, kann man großzügig hinwegsehen.
Bestes Zitat: «Ihr seid also der Meinung, dass die Diktatur in Deutschland nicht mehr möglich wäre, ja?»
Titel: Die Welle
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Jürgen Vogel, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Frederick Lau, Christiane Paul und andere
Sendetermin: Freitag, 8. April, 20.15 Uhr, Pro7
Hintergrund: Die Buchvorlage zum Film, der Roman Die Welle von Morton Rhue, der 1981 erschien, zählt mittlerweile zu den Schullektürenklassikern in Deutschland. Der wiederum bezog seine Geschichte auf das tatsächlich im Jahre 1967 in Kaliforniern durchgeführte Experiment «The Third Wave». Initiator war der Geschichtslehrer Ron Jones an der Cubberley High School in Palo Alto, einer kleinen Stadt circa 50 Kilometer südlich von San Francisco.