So., 27.05.12

Literatur 05.04.2011 Kotteders Plädoyer für den Datenschutz

Kotteders Plädoyer für den Datenschutz (Foto)
Kotteders Plädoyer für den Datenschutz Bild: dpa

Der Fall eines Franzosen, dessen im Netz hinterlassene Daten von einer Zeitschrift zu einem erstaunlich umfassenden Porträt zusammengefügt wurden, hat viele aufgeschreckt.

München (dpa) - Der Fall eines Franzosen, dessen im Netz hinterlassene Daten von einer Zeitschrift zu einem erstaunlich umfassenden Porträt zusammengefügt wurden, hat viele aufgeschreckt.

So mancher denkt nun mehr darüber nach, welche Angaben er in Foren oder beim Einkauf im Internet preisgibt. Der Journalist Franz Kotteder hat in einem Buch zusammengefasst, wo bei Einkauf, Suche im Internet, sozialen Netzwerken, aber auch Behörden fragwürdige Datenkraken lauern. Er versteht «Die wissen alles über Sie» als «entschiedenes Plädoyer für die Verteidigung der Privatsphäre».

«In der digitalen Gesellschaft des Web 2.0 sind Daten zur wichtigsten Handelsware geworden. Wer Daten besitzt, macht an den Börsen das große Geld - man sieht das an Google und Microsoft und zahlreichen anderen großen Internetkonzernen.» Für den Einzelnen sei es oft schwierig, sich gegen derlei Datenkraken zu wehren: Einmal im Netz nach neuen Stiefeln Ausschau gehalten - schon halten die Werbeanzeigen anderer Internetseiten beim nächsten Streifzug im Netz Passendes parat. Spätestens dann falle es leicht, die Frage zu beantworten: «Wovon leben die eigentlich?»

Die Entwicklung zum gläsernen Menschen sei eine schleichende: eine Angabe da, eine Abfrage da, einzeln genommen kaum wahrnehmbar und unerheblich. «Natürlich täuscht das. Denn es gibt keine unscheinbaren Details mehr in der schönen, neuen Datenwelt», warnt Kotteder. Die angesammelten Datenberge seien zunehmend vernetzt und immer leichter nach Gewünschtem zu durchforsten. Der Einzelne könne keineswegs mehr darauf hoffen, dass seine Daten in der Überfülle des Materials schlichtweg untergehen. An die 1200 Daten, so hätten Wissenschaftler errechnet, seien von jedem einzelnen Menschen in modernen Industrienationen im Umlauf.

Das möglicherweise meist wohlmeinende Datensammeln habe ein «Janusgesicht» - es gefährde die Freiheit. «Auch wenn es heute fast unmöglich erscheint, dass hierzulande wieder Gewalt und Terror Einzug halten oder Feinde von außen das Land bedrohen könnten - völlig fernab jeder Wahrscheinlichkeit ist es dann doch auch wieder nicht, in naher oder ferner Zukunft.» Kotteder verweist auf die Zwangsherrschaften im Deutschen Reich und in der Deutschen Demokratischen Republik - die von Datenschutz für den Einzelnen denkbar wenig hielten.

Nicht nur Datenschützer fänden es alarmierend, wie stark das Interesse des deutschen Staates am Lauschangriff in den vergangenen Jahren gestiegen sei, schreibt der Journalist. 1995 habe es rund 3700 «Anordnungen zur Überwachung der Telekommunikation» gegeben - 2005 schon mehr als 35 000. Geschätzt seien rund eine Million Bürger pro Jahr von Abhörmaßnahmen betroffen, die wenigsten von ihnen tatsächlich Schuldige. Auch der Vorratsdatenspeicherung steht Kotteder sehr skeptisch gegenüber.

«Die wissen alles über Sie» ist in drei Hauptteile gegliedert, die sich mit staatlichen Datensammlern, automatisch erhobenen Daten (etwa beim Einkauf) und dem Verhalten im Internet auseinandersetzen. Kapitel mit der Überschrift «Was man tun kann» geben praktische Tipps, wie sich um Datensammler möglichst ein Bogen machen lässt - etwa mit einem Eintrag auf der «Robinsonliste» gegen unerwünschte Werbung.

«Noch haben wir Rechte. Nur müssen wir sie auch einfordern», schließt Kotteder. Neu sind die von ihm beschriebenen Datensammel-Strategien, Hintergründe und Probleme nicht, sie bieten aber eine gut verständliche Zusammenfassung. Und ein schlagkräftiges Plädoyer dafür, künftig weniger eigene Daten unbedarft freizugeben.

Franz Kotteder ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung, zudem schreibt er Sachbücher, etwa über Mobilfunkgefahren («Mobilfunk. Ein Freilandversuch am Menschen») und das Konzept des Discounts («Die Billig-Lüge»).

Franz Kotteder

Die wissen alles über Sie

Wie Staat und Wirtschaft Ihre Daten ausspionieren - und wie Sie sich davor schützen.

Redline Verlag, München

256 Seiten, 19,99 Euro

ISBN 978-3-86881-293-0

news.de/dpa
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