Literatur Gleich drei neue Max-Frisch-Biografen

Max Frisch war vorbehaltlos neugierig. In den legendären «Fragebögen» seiner Tagebücher heißt es: «Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.» Oder: «Lieben Sie jemand?»

Gleich drei neue Max-Frisch-Biografen (Foto)
Gleich drei neue Max-Frisch-Biografen Bild: dpa

Zürich/Köln/Berlin (dpa) - Max Frisch war vorbehaltlos neugierig. In den legendären «Fragebögen» seiner Tagebücher heißt es: «Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden, oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.» Oder: «Lieben Sie jemand?»

Fragen zum Leben und Schreiben des Schweizers selbst wollen gleich drei neue Biografien im «Frisch-Jahr» 2011 beantworten. Gleichermaßen begeistert vom großen literarischen Identitätssucher aus der Schweiz, aber mit vollkommen unterschiedlichen Mitteln und Zielen legen Volker Weidermann mit «Max Frisch, Sein Leben, seine Bücher», Ingeborg Gleichauf in «Jetzt nicht die Wut verlieren» und Julian Schütt mit der «Biografie eines Aufstiegs» die Ergebnisse ihrer Spurensuche vor.

Den anspruchsvollsten und spannendsten Ansatz verfolgt der Eidgenosse Schütt in seinem 500-Seiten-Wälzer für den Frisch-Hausverlag Suhrkamp. Die Biografie bricht 1954 ab, als der 43- jährige Schriftsteller aus Zürich mit «Stiller» zum Erfolgsautor geworden ist. Bis hierhin sei «alles noch im Fluss», begründet Schütt die Halbierung seiner Biografie, verweist aber auch auf Hindernisse bei der Durchleuchtung der zweiten Lebenshälfte: So sei der Briefwechsel aus der Beziehung mit Ingeborg Bachmann zwischen 1958 und 1962/63 immer noch gesperrt, desgleichen Frischs «Berlin-Journal» 1973-1980.

Schütt erzählt geradezu minuziös genau und in angenehm ruhiger Sprache vom Werdegang des jungen, sich selbst immer und immer wieder infrage stellenden Frisch. Weidermann und Gleichauf verblüffen dagegen mit sprachlichen Eigenheiten, die gerade zu Frisch als Meister der stark verknappten, immer zurückhaltenden Sprache ins Auge fallen.

«Der Roman "Stiller" ist ein Hammer, ein gewaltsames, ein gewaltiges Buch auch heute noch», bringt Weidermann eine seiner Liebesbekundungen aufs Papier. Während der Feuilletonchef der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» nur hin und wieder mit solch lärmenden und zugleich inhaltsleeren Einordnungen irritiert, kommt Ingeborg Gleichauf in ihrer informativen, aber auch biederen Biografie kaum mal eine Seite ohne unbeholfene Sprachverrenkungen aus.

«Es gibt Briefe Frischs, die so intensiv sind, dass in ihnen seine Gefühls- und Gedankenlage zur Sprache kommt oder zwischen den Zeilen lesbar wird.» Kaum ist die «Gedankenlage» des Lesers nach dieser Information wieder einigermaßen im Lot, legt Gleichauf im selben Absatz nach: «Welch eine Welt sich da auftut in einem einzigen Brief, und was für ein Mensch sich zu erkennen gibt und sich verrätselt in einem, und das in der brieflichen Hinwendung zu einem Freund.»

Weidermann schreibt viel über die stürmischen Jahre des Schweizers mit seiner ebenso erfolgreichen und berühmten österreichischen Kollegin Bachmann. Den recht häufigen Wechsel seiner (immer jünger werdenden) Partnerinnen hat Frisch selbst mit atemberaubender Offenheit zum literarischen Thema in den Tagebüchern, vor allem aber im Spätwerk «Montauk» (1975), gemacht.

Hier erzählt er von einem Wochenende als 63-jähriger Ehebrecher mit der 33 Jahre jüngeren New Yorkerin Lynn. So offen, dass die Beziehung zur Ehefrau Marianne daran endgültig zerbrach. Dreieinhalb Jahrzehnte später hat Weidermann den literarisch berühmt gewordenen Frisch-Ausflug zum Küstenort Montauk mit der Amerikanerin (in Wirklichkeit heißt sie Alice Locke-Carey) wiederholt und daraus eine interessante Reportage gemacht.

Detailliert erzählt er vom Beziehungs-Auf und -Ab des Schriftstellers. Auch die Neugier von Biografielesern auf Frischs Verhältnis zum Geld (er hatte viel und gab gern), zum Alkohol (zu viel) und zu seinen Kindern (Literatur ging immer und das Interesse an einer Frau wohl oft vor) wird unbefangen befriedigt. Wer Bilderbücher mag, für den hat Suhrkamp zum Frisch-Jahr auch noch einen reich illustrierten Band «Sein Leben in Bildern und Texten» von Volker Hage zusammenstellen lassen. Schön zum Stöbern.

Volker Weidermann: Max Frisch - Sein Leben, seine Bücher. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 407 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-462- 04227-6

Ingeborg Gleichauf: Jetzt nicht die Wut verlieren. Max Frisch - eine Biografie, Verlag Nagel & Kimche, Zürich, 271 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3-312-00989-3

Julian Schütt: Max Frisch, Biografie eines Aufstiegs, Suhrkamp Verlag, Berlin, 592 Seiten, gebunden, 24,90 Euro, ISBN978-3-518-42172-7

Volker Hage (Hg.): Max Frisch, Sein Leben in Bildern und Texten, Suhrkamp Verlag, Berlin, 257 Seiten, 24,90 Euro, ISBN: 978-3-518-42212-0

news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig