Steffen Seibert Dem Volke so nah

Steffen Seibert (Foto)
Regierungssprecher Steffen Seibert nutzt Twitter, um in direkte Kommunikation mit potenziellen Wählern zu treten. Bild: dpa/news.de(Montage)

Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke
Teufelszeug Twitter? Regierungssprecher Steffen Seibert sieht das anders und twittert seit einem Monat höchst offiziell. Egal, ob Auslandseinsatz oder private Glückwünsche bei WM-Erfolgen, Seibert macht seine Sache ordentlich.

Fast pünktlich zum fünfjährigen Twitter-Jubiläum hat sich auch Regierungssprecher Steffen Seibert dazu entschlossen, den modernen Kurznachrichtendienst zu nutzen. Am 28. Februar schickte Seibert von seinem Profil den ersten 140-Zeichen-Text: «Guten Tag, aktuelle Informationen zur bundesregierung ab heute per Twitter«Twitter» (www.twitter.com) ist eines der am schnellsten wachsenden sozialen Netzwerke, mit dem sich Nachrichten von 140 Zeichen veröffentlichen lassen. «Twitter» kommt aus dem Englischen und bedeutet Gezwitscher. Die Nachrichten («Tweets») können abonniert und beantwortet werden. So entsteht ein weltweites Geflecht aus Botschaften. Folgen sie mir unter @RegSprecher. Ihr Steffen seibert.»

Twitter-Geburtstag
Darum sollten Sie twittern!
Video: roj/news.de

Was er zu dem Zeitpunkt nicht ahnen konnte: Der Monat März sollte dem Echtzeitmedium Twitter durch die Geschehnisse in Japan und Libyen, die Diskussion über den Kraftstoff E10E10 enthält entsprechend einer EU-Richtlinie bis zu zehn Prozent Bioethanol aus nachwachsenden Rohstoffen. Zuvor wurden nur fünf Prozent Biosprit ins Benzin gemischt. und die Landtagswahlen in Deutschland genügend politischen Gesprächsstoff liefern.

Anfangs hatten sich noch viele Twitterer darüber mokiert, dass Seibert die Regeln der deutschen Rechtschreibung ignorierte, wenn es darum ging, schnell einen Tweet abzusetzen. Aktuell stören sich immer mehr Nutzer daran, dass Merkels Sprecher kaum Interesse für die Statusmeldungen seiner Leser zeigt.

Nur 14 Profile liest Steffen Seibert, darunter Ministerpräsidenten aus Großbritannien und Israel. Auch die Meldungen der Familienministerin Kristina Schröder oder die Nachrichten des Vatikans verfolgt der Regierungssprecher seit seiner Twitter-Anmeldung. Demgegenüber stehen mehr als 12.000 Menschen, die lesen wollen, was der aktuelle Regierungssprecher aus dem politischen Alltag mitzuteilen hat. Immer wieder zeigen sich Twitter-Nutzer von diesem Missverhältnis überrascht.

«Regierungssprecher - eine sehr schöne Aufgabe»

Viel lieber kommentiert Seibert zum Beispiel die Arbeitslosenzahlen: «Damit das Wichtige und Erfreuliche heute nicht untergeht: 326.000 Arbeitslose weniger als Februar 2010. Deutschlands Kurs stimmt.» Dass er auch Zeit hat, Sportereignisse zu verfolgen, zeigen Twitter-Meldungen wie «Herzlichen Glückwunsch, Arnd Pfeiffer, zum Weltmeistertitel im Biathlon. Super-Rennen!» Doch Seibert kann auch anders. «Zur Versachlichung der Diskussion: über 90% der PKW können E10 tanken. Listen an Tankstellen und tinyurl.com/33hhm32», versuchte der Regierungssprecher die wegen des Bio-Treibstoffs E10 erhitzten Gemüter wieder zu beruhigen.

Seibert, der vor seiner Tätigkeit als Regierungssprecher Journalist beim ZDF war, wird sogar auf seine frühere Arbeit und eine mögliche Sehnsucht danach angeschrieben. Seine Antwort: «ich war sehr gerne Journalist, habe aber jetzt keine Sehnsucht danach. Regierungssprecher ist eine sehr schöne Aufgabe.» 

«Kanzlerin - Überprüfung aller dt. AKW ohne Tabus, Aussetzung der Laufzeitverlängerung und Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen», zitierte Seibert die Bundeskanzlerin, als sich die Ereignisse in Japan zuspitzten. Amtlichen Meldungen wie dieser stellte Seibert in den letzten Tagen auch solche gegenüber, die deutlich persönlicher ausfielen. Auf den Kommentar eines Twitter-Nutzers, der sich statt des Einsatzes von Mitarbeitern des Technischen Hilfswerkes (THW) in Japan lieber finanzielle Unterstützung der deutschen Regierung gewünscht hatte, legte Seibert erstmals seine vornehme Zurückhaltung ab: «was für eine zynische Haltung von ihnen! Die THW-Leute sind bewundernswert, jeder könnte auf ihre Hilfe mal angewiesen sein.»

Seibert und sein Prinzip Twitter

Die Abneigung gegenüber der Bild-Zeitung, die die Twitter-Nutzer immer wieder zum Ausdruck bringen, bekam auch Steffen Seibert zu spüren, als er einen Link zu einem Interview verbreitete, das dort veröffentlicht wurde. «Bild-Zeitung? Ist das das Niveau der Informationspolitik der Bundesregierung?», reagierte ein Nutzer des Kurznachrichtendienstes empört. «es geht um das Interview, sonst nichts. Als ich auf taz oder ZDF hinwies, regte sich keiner auf. Gelten da andere Maßstäbe?» konterte Seibert.

Auch die Hauptstadtpresse selbst kann mit Seiberts Twitteraccount noch wenig anfangen: In einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche wurde der stellvertretende Pressesprecher Christoph Steegmans gefragt, ob sich Journalisten jetzt bei Twitter anmelden müssten, um schneller an Informationen zu gelangen. Noch bevor das Büro des Regierungssprechers eine Meldung an die Nachrichtenagenturen weitergegeben hatte, wurde sie von Seibert bereits über Twitter verbreitet. Steegman stellte jedoch klar, dass Twitter nur als zusätzliches Mittel der Informationsverbreitung verstanden wird.

Nachdem der Regierungssprecher 30 Tage auf Twitter unterwegs ist, fällt auf, dass er den Kurznachrichtendienst einsetzt, wie er es für richtig hält. Steffen Seibert selbst scheint Twitter nur als einseitiges Informationsmedium zu verstehen: Es nutzt es als Mittel, um einen direkten Kontakt aufzubauen, nicht jedoch, um selbst Informationen zu sammeln. Viele Nutzer schreiben ihn an, für ernst gemeinte Fragen stehen die Chance auf eine Antwort vom Regierungssprecher vergleichsweise gut. In den ersten Wochen klang der frühere Journalist noch sehr staatstragend – vom sonst so lockeren Stil, der auf Twitter herrscht, war noch wenig zu sehen.

Wirklich überraschend ist das nicht, denn zum Erklären von großer Politik sind 140 Zeichen sehr wenig. Mittlerweile hat Seibert seinen Ton gefunden, traut sich auch, Stellung zu beziehen. Niemand aber dürfte tatsächlich erwarten, was ein User zuletzt augenzwinkernd forderte: «An dem Tag, an dem der @RegSprecher angedüdelt über sein Leben in der Timeline jammert, hat er Twitter verstanden».

boi/reu/news.de

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