Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Grandiose Filme haben die Coen-Brüder schon einige gedreht, aber dieser ist ihr erfolgreichster: In No Country For Old Men geht es um einen Koffer voll Geld und einen Auftragsmörder, aus dem niemand schlau wird.
Wenn man auf die größten Filmschurken der Nullerjahre zurückblickt, dann wird man Daniel Day-Lewis' monströsen Ölmagnaten aus There Will Be Blood vorfinden, Christoph Waltz' SS-Offizier aus Inglourious Basterds oder Heath Ledgers anarchischen Joker aus The Dark Knight. Und dann ist da noch ein seltsamer Fremder mit Prinz-Eisenherz-Frisur und einem Dialekt so wunderlich wie sein Name: Anton Chigurh.
Hätten nicht Ethan und Joel Coen, sondern sicherheitsfanatische Studiobosse bei No Country For Old Men das Sagen gehabt, so einen Typen hätte es wohl gar nicht gegeben. Chigurh passt in kein Klischee und kein Muster. Das macht ihn so gefährlich und faszinierend. Javier Bardem hat für seine Darstellung dieses kuriosen Auftragsmörders einen Oscar erhalten. Das muss man noch mal betonen, weil es so selten vorkommt, dass jemand für eine Figur ausgezeichnet wird, die man weder versteht, noch sie so recht zu fassen bekommt.
Über weite Strecken wirkt No Country For Old Men so seltsam wie sein heimlicher Hauptdarsteller. Personen tauchen auf und verschwinden abrupt wieder. Filmmusik gibt es auch keine. Und die Dramaturgie schert sich keinen Deut um wichtige Wende- oder Höhepunkte.
Thriller, Western und Charakterdrama
Das Geschehen ist vollkommen unvorhersehbar – und mörderisch spannend. Allein die erste Konfrontation zwischen Llewelyn und Chigurh gehört zu den nervenzerfetzendsten Sequenzen der letzten Kinojahre. Zwei bewaffnete Männer und eine menschenleere Straße: mehr braucht es nicht. Solche Momente entschädigen für ein Dutzend lärmender Actionstreifen, in denen ganze Städte explodieren und doch im Grunde nichts passiert.
Die Coens halten sich bei ihrer Adaption ziemlich exakt an Cormac McCarthys Roman. Es geht um Tagelöhner Llewelyn (Josh Brolin), der durch Zufall in der Wüste die Spuren eines gescheiterten Drogengeschäfts findet: jede Menge Leichen und einen Koffer voller Geld. Llewelyn nimmt es an sich und muss fliehen, denn die Mafia setzt Chigurh auf ihn an. Der lakonische Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) nimmt die Spur der beiden auf, kann aber kaum in das Geschehen eingreifen – ihm fallen hier eher notarielle Aufgaben zu.
Neben einem für Coen-Verhältnisse üppigen Einspielergebnis konnte No Country For Old Men insgesamt vier Oscars einheimsen, darunter den als bester Film. Jeder Einzelne ist verdient, dabei lässt sich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es sich bei der 13. Regiearbeit der Brüder nun um einen Thriller handelt, einen Western oder ein Charakterdrama. Denn neben einem der denkwürdigsten Bösewichte der jüngeren Kinovergangenheit haben sie der Filmwelt mit No Country For Old Men vor allem eines beschert: viele, viele offene Fragen.
Bestes Zitat: «Verglichen mit was? Beulenpest?» (Ein anderer Kopfgeldjäger auf die Frage, für wie gefährlich er Anton Chigurh hält.)
Titel: No Country For Old Men
Regie: Joel & Ethan Coen
Darsteller: Josh Brolin, Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Woody Harrelson und weitere
Sendetermin: Montag, 28. März, 22.15 Uhr im ZDF.