Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Peter Richter lotet in einem unterhaltsamen Sachbuch die Grenzen des Trinkens aus. Dass er dabei auf die ein oder andere grenzwertige eigene Erfahrung zurück greift, wird schnell klar. Ein Abstinenzler hätte dieses Buch jedenfalls nicht schreiben können.
Eine ernstzunehmende, wenn auch zumeist nicht explizit kommunizierte Einstellungsvoraussetzung für den Job eines Journalisten ist Trinkfestigkeit. Nicht umsonst rangiert die Lebenserwartung dieses Berufsstands in bedenklicher Nachbarschaft zu Medizinern und Tierärzten. Und die wissen im Zweifel, wo sie die Tabletten herbekommen. Der Journalist säuft sich derweil in vielen Fällen der irreparablen Leberzirrhose entgegen. Im Fall von Peter Richter muss man sich noch keine Sorgen machen (Im Sinne von «Ich betone: vorübergehend»). Der junge Doktor der Architektur macht zumindest bei seinen Auftritten bei Harald Schmidt nicht den Eindruck, als wäre er akut vom Tode durch Alkoholvergiftung bedroht.
Peter Richter gehört zu einem kleinen, fast erlauchten Kreis jener, die sich im Grunde genommen alles erlauben dürfen, solange sie es nur gut machen. Zwischen Genie und Wahnsinn und zwischen Plattitüden und Weltklassehumor schlägt das Pendel in alle Richtungen aus. Wer wie Richter den Anhang seiner Doktorarbeit zum großen Teil mit Bildern aus dem Plattenbauquartett bestreitet, kann sich auch ungestraft in einem Sachbuch über Alkohol von Anekdote zu Anekdote hangeln. Dabei kommen ihm einschlägige Erfahrungen aus seiner Zeit als jugendlicher Haudrauf mit flinken Füßen und schnellen Synapsen, als auch präzise Beobachtungen in seiner Eigenschaft als kultiviertester, weil vielleicht auch einziger Hooligan des deutschen Feuilletons zugute.
Und was wird alles getrunken, genippt, geschüttet. So geht es folgerichtig seitenweise nur um Räusche: Wie man sie am besten einleitet, wo man sie für gewöhnlich akzeptiert und wo man sich noch über sie wundert. Das alles hat Hand und Fuß, beziehungsweise ordentlich Volumenprozente. Man wird aber das Gefühl nicht los, das man hat, wenn man sonntags ohne veritablen Kater aufwacht: Es hätte sicher etwas mehr sein können. Mit gut 200 Seiten ist Richter soeben über die Ich-schreibe-mal-schnell-ein-Buch-Grenze gehuscht.
Viele seiner Anekdoten bleiben ohne Zusammenhang oder werden unter arger Gewaltanwendung in einen größeren Zusammenhang gepresst. Neuigkeiten gibt es sowieso nicht zu vermelden. Die Kernthese ist: Trinken wir mit Genuss, solange wir noch dürfen. In seinem Duktus erinnert das ein wenig an eine ausgeschmückte Version eines älteren SZ-Magazin-Artikels über die Gesundheitsfanatiker, die das Rauchen allerorten verbieten wollten und es letztlich auch taten.
Unterhaltsam ist es, keine Frage. Die Richtersche Lakonie, die viele seiner besseren Texte in der FAS adelt, scheint immer wieder durch. Aber der begrenzte Aufwand schmälert das Vergnügen doch arg, fast fühlt man sich an Zonenkinder von Jana Hensel erinnert, das anno dunnemals in Großdruck und mit anderthalbfachem Zeilenabstand auf 172 Seiten gestreckt wurde. Aber eben nur fast. Denn Richter kann, wenn er will.
Über das Trinken bleibt in seiner Übersichtlichkeit ein Must-Have für den sicher überschaubaren Kreis der Peter-Richter-Fans und entpuppt sich als Kann für ein preiswertes Geburtstags- respektive Weihnachtsgeschenk. Zumindest für jene, von denen man eigentlich nicht mehr weiß, als dass sie mehr oder weniger heftige Trinker sind, also (nur mal angenommen) die eigenen Eltern oder Großeltern. Der durchweg geistreiche Inhalt lässt dann dankenswerterweise auch offen, ob man denjenigen verschaukeln oder doch beschenken wollte.
Bestes Zitat: «Irgendwer gibt immer noch ein Kölsch aus. Im Zweifel man selbst.»
Autor: Peter Richter
Titel: Über das Trinken
Verlag Goldmann
Seitenzahl: 224 Seiten
Preis: 12,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14. März 2011