Robbie Williams Glück im Unglück

Robbie Williams (Foto)
Ein Schelm, kein Roboter: Robbie Williams. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Wie viel Robbie braucht der Mensch? So viel wie möglich, sagt die Plattenfirma, und veröffentlicht die ersten sieben CDs von Robbie Williams noch einmal neu. Der Überblick zeigt: Robbie Williams ist der beste Entertainer unserer Zeit. Aber vielleicht hätte er doch lieber James Bond werden sollen.

Im Parka. Glatzköpfig im Westernmantel. In Tarnfleck-Jacke mit Jogginghose. Mit Rollkragenpullover. In einem schrecklichen Häkel-Pullunder. Im Lodenmantel. In Lederhosen. Blondiert im Trenchcoat. Im James-Bond-Look samt Fliege. Mit Mütze. In etwas, das wie eine ziemlich teure Zwangsjacke aussieht. Im Stars-And-Stripes-Muskelshirt. In Nadelstreifen mit Spazierstock.

Das ist – in keiner besonderen Reihenfolge – eine kleine Auswahl der Outfits, die Robbie Williams bei TV-Auftritten zwischen 1997 und 2005 getragen hat. Sie liegen nun gesammelt als Bonus-DVDs vor, die als sehenswertes Extra seinen gerade neu aufgelegten ersten sieben Studioalben beiliegen.

Robbie Williams, ständig anders. Natürlich kann man da ins Feld führen, dass sich die Mode eben wandelt – vor allem, wenn mit den Auftritten ein so langer Zeitraum abgedeckt wird. Man kann auch anmerken, dass von einem Popstar in puncto Garderobe eben gerne etwas mehr Abwechslung gefordert wird.

Robbie Williams
Ein Leben wie eine Achterbahn
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Es reicht aber auch voll und ganz, wenn man das erste Kapitel von Küchenpsychologie für Einsteiger gelesen hat, um aus diesem ständigen Wechsel der Frisuren und Looks auf eine im höchsten Maße unstete Persönlichkeit zu schließen. Und Robbie Williams ist in seiner Karriere als Solokünstler, die nun mit den neuen Editionen seiner ersten sieben CDs umfassend dokumentiert ist, die Personifizierung des Wankelmuts, des Flatterhaften, der Zerrissenheit. Er ist vielleicht tatsächlich der «most paranoid man in show business», wie er sich bei seinem Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall ankündigen ließ. In jedem Fall ist er der unglücklichste Glückspilz der Welt.

Ehrgeiz und Selbstzweifel

Robbie Williams
Robbie Williams mit seinem ersten Hit
Video: YouTube

Immer wieder thematisiert Robbie Williams diese Unzufriedenheit auch in seinen Texten. «I wouldn’t be so alone / if they knew my name in every home», bringt er seinen Ehrgeiz im größenwahnsinnigen I Will Talk And Hollywood Will Listen auf den Punkt. An anderer Stelle stehen tiefste Selbstzweifel wie in Come Undone: «If I’d stopped lying / I’d just disappoint you.» Die Folge ist das, was der 37-Jährige in einem Radio-Interview einmal den «typischen Robbie-Williams-Kreislauf» genannt hat: «Album rausbringen, total begeistert davon sein, gesund aussehen, gesund sein, das Album promoten, anfangen zu essen, mit dem Album auf Tour gehen, durchdrehen, Tour beenden, Nervenzusammenbruch kriegen, in der Entzugsklinik landen.»

Dieses Dilemma zieht sich durch die gesamte Karriere von Robbie Williams, vom Britpop des Solo-Debüts Life Thru A Lens, dem leicht verspäteten Durchbruch mit der Killer-Ballade Angels, dem meisterhaften Pop von Sing When You’re Winning bis hin zu den experimentelleren, elektronischeren späten Alben wie Rudebox. Doch noch mehr als die Musik dokumentieren die gesammelten TV-Auftritte die Zerrissenheit von Robbie Williams in fast schmerzhafter Weise.

Sichtlich genießt der damals 23-Jährige seine ersten Solo-Performances. Er gibt sich erstaunlich aggressiv (auch sexuell) - ein wunderbarer Gegensatz zu den sauberen Take-That-Boys, denen er gerade entflohen war. «Bei Take That stand ich immer hinten. Ich habe getanzt und ich dachte, ich kann nicht singen - weil sie mir das einreden wollten», erzählt er in einem Interview und straft dann die alten Wegbegleiter reihenweise Lügen mit Auftritten, die so makellos gesungen sind, dass man nicht mal merkt, dass Williams hier live zu hören ist.

Take That
Robbie geht es nur um sein Ego
Video: news.de

Der Blick sagt: «Ätschbätsch»

Spätestens zur Zeit der Triumphe mit Rock DJ oder Eternity kommt ein fast bösartiges, verspieltes Selbstvertrauen hinzu. Der Blick von Robbie Williams sagt ganz oft: «Ätschbätsch, ich habe es geschafft.» Gleichzeitig flirtet er unsagbar ironisch mit der Kamera, die dabei natürlich die Öffentlichkeit und sein eigenes Image verkörpert. Auch da ist jedoch nicht alles eitel Sonnenschein in der Karriere von Robbie Williams: «Ich habe so riesigen Erfolg. Aber oft denke ich, dass ich ihn nicht verdient habe», gesteht er in einem Interview.

Das für Swing When You’re Winning aufgezeichnete Konzert in der Royal Albert Hall ist im Rückblick vielleicht der Höhepunkt dieser sagenhaft erfolgreichen Karriere: Robbie Williams badet im eigenen Triumph, selbst am meisten berauscht davon, dass er es bis in diese Heiligen Hallen geschafft hat. Er singt Klassiker von Dean Martin oder Frank Sinatra, die Musik, mit der er aufgewachsen ist, und er platzt fast vor Stolz, dass er als ehemaliger Teenie-Star mit so einer Show durchkommt, als erwachsener Entertainer. Am Ende hat er Tränen in den Augen.

Bloß ein halber Weltstar

Der Karriere-Überblick lässt, bei allen musikalischen Highlights, aber auch die Schattenseiten von Robbie Williams deutlich werden. Wenn er sich als unfassbar eitler Gockel in einem Duett bei den Brit-Awards um Altmeister Tom Jones windet, dann müssen da einfach Drogen im Spiel sein. Etwa ab der Escapology-Phase ist auch die Stimme gelegentlich angeschlagen, wenn Williams bei Top Of The Pops oder Wetten, dass...? auf der Bühne steht. Und dann ist da ja noch das Problem, dass Williams immer bloß ein halber Weltstar blieb, weil ihm der Durchbruch in den USA nie gelang. «Sie kapieren mich einfach nicht», lautet sein schulterzuckendes Fazit über die Amerikaner. Kein Wunder: In den USA müssen Popstars zwar auch nicht mehr makellos sein. Aber sie müssen unbändigen Ehrgeiz an den Tag legen – nicht Sarkasmus.

Denn nicht zuletzt zeigen die Auftritte, wie furchtbar schnell Robbie Williams gelangweilt ist. In den Pausen zwischen den Textzeilen der Lieder hampelt er herum. Wenn er singt, ändert er oft den Text, die Melodie, die Phrasierung. Er hat ganz offensichtlich keine Lust, auch als Solokünstler der Roboter zu werden, der er am Ende seiner Zeit bei Take That war. Trotzdem verlangt das Musikgeschäft genau das von ihm – und Williams weiß es.

Als er in einem Interview freiwillig davon erzählt, wie er bei einem Konzert in Deutschland von einem Fan von der Bühne gestoßen wurde, weil der Fan dachte, er sei einem zweitklassigen Robbie-Williams-Double aufgesessen, wird das schockierend deutlich – und es ist nicht der einzige Moment, in dem man sich wünscht, Robbie Williams hätte vielleicht doch seinen Traum von der Rolle als James Bond verwirklichen können.

Denn neben einem cleveren Schelm, einem uneitlen Clown, einem unwiderstehlichen Charmeur und einem grandiosen Entertainer steckt definitiv ein guter Schauspieler in Robbie Williams. Seine TV-Auftritte zeigen: Er will George Michael sein, Liam Gallagher, Michael Jackson, Frank Sinatra, Elvis Presley. Aber es gibt nur ganz wenige Momente, in denen er zufrieden scheint, einfach bloß Robbie Williams zu sein.

Interpret: Robbie Williams
Alben: Life Thru a Lens, I’ve Been Expecting You, Sing When You’re Winning, Swing When You’re Winning, Escapology, Intensive Care, Rudebox
Plattenfirma: Emi
Erscheinungsdatum: 18. März 2011

ruk/ivb/news.de

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