Do., 23.02.12

William Fitzsimmons «Glücklich ist ein schwieriges Wort»

Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke

Artikel vom 26.03.2011

Auch wenn er ein Leisetreter ist, William Fitzsimmons hat sein Publikum gefunden. Mit Melancholie und jeder Menge Herzschmerz zeigt der Musiker, wie persönlich Musik sein kann. Im news.de-Interview spricht er über Elektro-Musik und sein Softie-Image.

Mister Fitzsimmons, Sie haben das Image eines sehr sensiblen Songwriters und Musikers. Welche Musik hören Sie denn selbst gern?

Fitzsimmons: Jetzt sage ich bestimmt genau das, was man von mir erwartet. (lacht) Ich mag sehr traurige Popmusik, zum Beispiel von James Taylor und Joni Mitchell. Da ist sehr viel Akustisches dabei. Auf jeden Fall auch Nick Drake, den ich immer gern höre. Wenn ich reise oder schreibe, ist es schön, von der Musik wegzukommen, die ich üblicherweise höre. Dann läuft vielleicht nicht gerade Lady Gaga... (überlegt) Manchmal schon. Warum auch nicht?

Sind sind Sie gerade glücklich?

Fitzsimmons: (lacht) Das ist eine gute Frage. Mhm, ich würde sagen, ich bin glücklicher. Glücklich ist ein schwieriges Wort. Besonders, wenn man jemand ist, der - wie ich - viel über Gefühle nachdenkt. Aber ja, ich denke, ich bin jetzt in einer glücklicheren Situation als ich es bei meinem letzten Album war.

Die Songs auf Ihrem neuen Album Gold In The Shadow klingen nicht so traurig wie die auf The Sparrow And The Crow. Was ist der Unterschied zwischen den beiden Alben?

Fitzsimmons: Ja, da hat es auf jeden Fall Veränderungen gegeben. Auch, weil ich mir die Zeit genommen habe, mich mit Problemen auseinanderzusetzen, die ich eine lange Zeit hatte. Das brauchte ich auch. Das neue Album ist vom Gefühl her aber gar nicht so traurig. Viele Lieder darauf sind sogar härter als die auf The Sparrow And The Crow, weil ich damals viel über meine eigenen Fehler geschrieben habe. Es gab jede Menge Fehler, die ich in meiner Beziehungen gemacht habe und das musste ich eben verarbeiten.

Also ist es besser, traurig zu sein, wenn man gute Songs schreiben will?

Fitzsimmons: Ah, das ist eine gute Frage. Darüber habe ich mich schon mit Leuten gestritten, bevor ich selbst Songs geschrieben habe. Es ist auf jeden Fall einfacher, Songs zu schreiben, wenn man schlechtere Laune hat und es einem nicht so gut geht. Es ist doch so, dass wir Menschen uns gerne beschweren und es mögen, über Kummer und Elend zu reden. Wenn ich nicht leide, fällt es mir deutlich schwerer, Lieder zu schreiben.

Für mich ist es eher eine Herausforderung, herauszufinden, was beim Schreiben herauskommt, wenn man gut gelaunt ist. Trotzdem ist es so, dass ich in der Hinsicht nie fertig bin, sondern diesen Prozess eher wie eine Zwiebel sehe. Man befasst sich mit der obersten Schicht der Probleme. Diese reißt man ab, und dann geht es weiter nach innen und untendrunter ist immer noch etwas, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Die Texte Ihrer Songs sind immer sehr persönlich. Gibt es Themen, die Sie trotzdem nie behandeln werden?

Fitzsimmons: Mhm, ich weiß nicht. Ich habe nie ein Thema als unpassend angesehen oder gedacht: Das fällt aus dem Rahmen. Vielleicht bin ich auch schon ein paar Mal zu weit gegangen. Aber ich habe für mich eine kleine Regel: Ich will nicht erreichen, dass ich über jemanden schreibe und diese Person dann den Song und dessen Text hört und wütend oder traurig wird. Es ist besser, wenn man für alles offen ist, weil das verhindert, dass wir nur an der Oberfläche kratzen. Das ist das Tolle an Musik: Man kann sich Themen zuwenden, auch wenn sie unpopulär oder unschön sind. Wobei ich nicht sagen will, dass wir das nicht auch brauchen. Man kann ja zu keinem Fremden auf der Straße gehen und ihm von den eigenen Problemen erzählen. Es muss aber eben auch Platz für die unschönen, für die harten Dinge im Leben sein. Das sind die Themen, mit denen man sich ein Stück weit offenbaren kann.

Musik ist nur eine Art, mit Gefühlen umzugehen. Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages einen Roman zu schreiben? Viele Ihrer Texte klingen so, als würden Sie das ziemlich gut hinbekommen.

Fitzsimmons: Oh, das ist nett! Wobei, Songs zu schreiben einfacher ist, die sind ja immer nur drei oder vier Minuten lang. Ich habe immer gern geschrieben und das war eine der Sachen, die mich so lange in der Schule gehalten hat oder auch im Studium - ich lerne gern dazu und mag den Prozess der Recherche und des Schreibens von Artikeln. Aber das ist eben etwas ganz anderes. Songs zu schreiben ist auch nicht einfach, dabei kommt viel mehr zusammen, als man zunächst glaubt. Wenn du zum Beispiel ein Theaterstück nimmst oder ein Musical - da gibt es Gesang, Musik, Tanz und Schauspielerei. Alles das kommt dabei zusammen. Bei einem Buch ist das anders: Da gibt es keinen Soundtrack, der beim Lesen abgespielt wird und die Leute ablenkt, wenn das Geschriebene nicht gut ist, also müssen die Worte und deren Auswahl perfekt sein. Das macht mir Angst, aber ich würde es gerne mal ausprobieren.

Ihre Musik ist sehr melancholisch. Haben Sie Angst, dass Sie damit ein Image erzeugen, das Sie nicht mehr loswerden?

Fitzsimmons: Ja, jetzt gerade mache ich mir Gedanken darüber. Ich wünschte, das würde ich nicht tun, denn ich finde, dass das etwas ist, das mich eigentlich nicht beschäftigen oder mir Angst machen sollte. Es scheint so, dass Leute Künstler ernster nehmen, wenn deren Musik trauriger ist. Und obwohl ich denke, dass das nicht gut ist, geht es mir da ähnlich: Ich nehme Elliot Smith ernster als Katy Perry, zum Beispiel. Aber ich schreibe eben über das, was ich erlebe und das ist alles was ich machen kann.

Sie haben schon mit Ingrid Michaelson und Leigh Nash zusammengearbeitet. Gibt es Pläne für Kollaborationen mit anderen Sängern und Musikern?

Fitzsimmons: Ja, absolut. Das ist eine der liebsten Sachen, die ich tue. Obwohl ich das anfangs gar nicht tun wollte. Ich war irgendwie der Meinung, ein wahrer Künstler muss alles allein machen und den Erfolg aus sich selbst heraus schaffen. Irgendwie habe ich immer gedacht, wie Bob Dylan sein zu müssen: 20 tolle Songs zu schreiben, ohne dass dir jemand dabei hilft. Ich war sehr naiv und dumm. Und als ich anfing zu singen und mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, merkte ich, dass einen das weiterbringt, weil man viel von ihnen lernen kann. Ich glaube, Isaac Newton war es, der gesagt hat: Wenn ich weiter sehen konnte, dann nur, weil ich auf den Schultern von Riesen stand. Wir werden nur besser, wenn wir von anderen Leuten lernen.

Man bekommt den Eindruck, dass Musiker entweder auf Tour sind oder an einem neuen Album arbeiten. Haben Sie noch Zeit, sich mit anderer Musik auseinanderzusetzen?

Fitzsimmons: Gemeinsam mit einem Freund der Band Lonesome Animals habe ich ein paar Songs aufgenommen. Das wollte ich, weil sie sehr talentiert sind und fantastische Songs schreiben. Es war toll, an etwas zu arbeiten, was nicht nur ein Teil von mir ist und mal an etwas anderes als nur an meine Scheidung zu denken, die mich immer noch beschäftigt und über die ich zu der Zeit geschrieben habe. Das war auf jeden Fall eine sehr gesunde Pause. Das Gute daran war, keinen Druck zu spüren, sondern mit der Band daran zu arbeiten, dass sie ihr Potential ausschöpfen und so gut klingen, wie sie können. Außerdem hat das Ruhe in meine Gedanken gebracht und dafür gesorgt, mal nicht nur ein um sich selbst kreisender Künstler zu sein, wie es viele von uns sind.

Gibt es Nachwuchstalente, die es Ihrer Meinung nach verdient haben, in diesem Jahr den großen Durchbruch zu schaffen?

Fitzsimmons: Klar, da gibt es sogar ziemlich viele. Einer meiner Favoriten ist Mark Kozelek. Leider ist er nicht sehr bekannt und in einer Band namens Sun Kil Moon. Er hat drei oder vier Aufnahmen mit dieser Band gemacht und die Musik ist sehr melancholisch und wunderschön. Seine Stimme ist unglaublich. Aber ich habe das Gefühl, als ob er gar kein Star sein will, obwohl ich finde, er sollte einer sein. Seine Musik ist wirklich toll, aber aus irgendwelchen Gründen will die Band nicht im Radio oder Musikfernsehen gespielt werden.

Letztes Jahr wurde ein Mini-Album mit Remix-Versionen Ihrer Songs veröffentlicht. Wie stehen die Chancen, dass es mal ein ganzes Album mit Songs von Ihnen gibt, die elektronisch sind?

Fitzsimmons: Ich mag elektronische Musik. Sie funktioniert anders. Wenn man auf die Bühne kommt, als ein Mann mit Bart und Akustik-Gitarre, denken die Leute automatisch «Ah, das ist Folkmusik». Deshalb mögen sie es vielleicht nicht, ganz automatisch, bevor sie sich überhaupt mit der Musik befasst haben. Mir macht es Spaß, mit verschiedenen Genres zu experimentieren. Leute, die Folk sonst hassen, würden elektronische Songs von mir hören, dann vielleicht doch mögen und eine Beziehung zu meiner Musik aufbauen. Also, ja, vielleicht mache ich mal mehr in diesem Bereich. Aber es ist schwer, weil es stilistisch ganz anders ist. Die Songs sind ganz anders aufgebaut. Könnte ich mehr Zeit zu Hause verbringen, dann würde ich definitiv anfangen, daran zu arbeiten. Aber ich weiß nicht, ob da ein ganzes Album entstehen kann. Es wäre vielleicht eher ein langer Dance-Song.

Im Fokus Ihres neuen Albums steht der Prozess der Heilung. Sie haben Psychologie studiert. Hat Ihnen das dabei geholfen, persönliche Texte zu schreiben und dabei gleichzeitig Geschichten zu erzählen, die universell sind?

Fitzsimmons: Ja, das ist das Lustige. Mein Studium hilft mir definitiv dabei, meine Ideen zu kommunizieren, weil ich die Theorien dahinter verstehe. Aber das Wichtige ist: Emotionen sind ein absolut universelles Konzept und Leute vergessen das ab und zu. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie es ist, einen Flugzeugabsturz mitzuerleben. Aber Furcht kenne und verstehe ich. Es hat ja auch nicht jeder eine Scheidung erlebt und weiß trotzdem, wie es ist, jemanden zu verlieren, der einem viel bedeutet hat. Auch wenn Erfahrungen persönlich sehr unterschiedlich sind, so verstehen wir doch alle die Gefühle, die dabei in uns ausgelöst werden. In solchen Situationen fühlt doch jeder Mensch gleich. Vermutlich könnten viel mehr Menschen schreiben und diese Dinge so aus ihren Köpfen bekommen.

William Fitzsimmons ist ein amerikanischer Sänger und Songwriter. Als Sohn blinder Eltern lernte er schon in der Kindheit Gefühle vor allem mit Musik auszudrücken. 2008 veröffentlichte Fitzsimmons sein drittes Album (The Sparrow And The Crow), auf dem er die tragische Scheidung von seiner Frau verarbeitete. Der Musiker wird für seine berührenden Kompositionen geschätzt, in denen er sich nicht davor scheut, zwischenmenschliche Probleme aufzugreifen. Dieser Tage erscheint sein mittlerweile fünftes Album.

Interpret: William Fitzsimmons
Album: Gold In The Shadow
Plattenfirma: Grönland (Rough Trade)
Erscheinungsdatum: 25. März 2011

boi/ruk/news.de
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