20 Jahre «Leipzig liest!» Lesen am Limit

Alte Handelsbörse (Foto)
Die alte Handelsbörse: Ganz vorn im schwitzend im Scheinwerferlicht sitzt bis zur Unkenntlichkeit ausgeleuchtet Oliver Kalkofe. Bild: news.de

Von news.de-Mitarbeiter Ronny Janke
Sie haben die Qual der Wahl: Auch in diesem Jahr hält die Buchmesse wieder unzählige lohnenswerte Lesungen für neugierige Leseratten bereit. Das Programm ist bunt und reicht von Veronica Ferres über Toto und Harry bis hin zu Markus Kavka.

«Die Berliner sind schnippisch und die Hamburger arrogant», begrüßt Wolfgang Balk die Besucher der dtv-Lesenacht. Auch über die Münchner schimpft der Verlagssprecher. „Nur die Menschen aus Leipzig habe ich immer als unglaublich freundlich erlebt“, erzählt der 62-Jährige weiter. Gerade mal 30 Sekunden hat es gedauert, bis das Publikum im riesigen Keller der Leipziger Academixer leise klatscht. Vereinzelt ist Gelächter zu hören. Balk hat das Eis gebrochen und die vorwiegend ältere Leserschaft auf seiner Seite.

350 Leute haben sich im Halbkreis um die kleine Bühne herum versammelt, auf der heute Abend unter anderem noch Wolf Wondratschek, Ingo Schulz, Ulla Hahn und Arno Geiger zu sehen und hören sein werden. Gespräche sind geplant, Anekdoten wird die alte Autorenriege zum Besten geben. Auch vorlesen werden sie und sich den Fragen des Publikums stellen. Nicht alle Besucher passen in den Veranstaltungsraum: Vor der großen Schwingtür wird über einen Fernseher nach draußen übertragen, was das Publikum dahinter live erlebt. Draußen, bei Bier, Wein und Knabberzeug, sitzen noch mal gut 50 Leute. Deutlich bequemer und sichtlich entspannt an Kneipentischen und in lockerer Atmosphäre.

«Leipzig liest!» wird 20
Sechs aus Zweitausend

Besser mit Plan durch «Leipzig liest!»

«Wir sind extra aus Norddeutschland angereist», erzählt eine etwa 50 Jahre alte Frau. Nicht nur für Jan Weiler, der gerade im Centralkabarett aus seinem neuen Buch Mein Leben als Mensch vorgelesen hat. Es ist Freitagabend und «der gesamte Samstag ist durchgeplant mit Lesungen, die wir besuchen wollen», sagt sie weiter, als ihr Mann schon drängelt und ungeduldig nach ihrer Hand greift. Er hat Hunger, die Fahrt nach Leipzig war lang und es gab kaum Pausen. Nach dem Essen wollen die beiden sofort ins Hotel zurück und zeitig schlafen gehen. «Wir werden uns morgen die Füße wund laufen, so viel steht auf unserem Plan», ruft die Frau, als ihr Mann sie schon in eine der zahlreichen Kneipen am Marktplatz zieht.

Es ist wieder soweit: Vier Tage lang sind die Chancen wieder groß, Menschen mit Büchern zwischen ihren Händen zu sehen. Im Cafe, an der Ampel, an der Straßenbahnhaltestelle, im Bus – sie alle lesen. Und wenn sie das nicht tun, lassen sie lesen.

Auf mehr als 2000 Veranstaltungen gibt es etwa 1500 Autoren zu hören. Sie alle zelebrieren, was Jahr für Jahr für tot erklärt wird: das gedruckte Wort. Das größte Lesefest Europas, das jährlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse stattfindet, feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. Und auch diesmal heißt es wieder: Lesen am Limit.

Wenn Literatur und Musik aufeinandertreffen

Vor gerade einmal 24 Stunden saß noch Markus Kavka dort, wo sich bis gerade eben Jan Weiler in die Figuren seiner Geschichten einfühlte. Mit verstellter Stimme krakeelte er sich durch die begeisterte Besucherschar. Weiler imitierte eine alte Frau und ließ sie so lebendig werden. Die Menschen lachen laut und applaudieren vor Begeisterung.

Auch der ehemalige MTV-Moderator Markus Kavka ist unter die Autoren gegangen: Schon am Abend zuvor hat er hier aus seinem ersten Roman – Rottenegg – vorgelesen. Nicht so verspielt, aber mit jeder Menge bayrischem Akzent. Eine Zwei-Mann-Combo gab dem Musikexperten Rückendeckung und spielte an einigen Stellen der Lesung bekannte Songs der Britpop-Band Oasis oder der Synthie-Pop-Band Depeche Mode. Beide Lesungen zogen jeweils etwa 160 Leute an. Sogar vor den Vorhängen des Durchgangs steht eine kleine Menschentraube. Dass es keinen Sitzplatz mehr gibt, stört hier niemanden. Dabei sein ist alles.

Erfahren Sie auf der nächsten Seite, wie lange Veronica Ferres an ihrem Buch geschrieben hat und was Toto & Harry auf der Buchmesse treiben

Ein etwas anderes Bild bietet sich im Gebäude der Leipziger Volkszeitung: Ein älteres Ehepaar hat genug. Veronica Ferres sollte schon längst da sein. Offenbar kursierten unterschiedliche Anfangszeiten für die Lesung der beliebten Schauspielerin. Dem Rentnerpaar dauert es jedenfalls zu lang, beide bekommen ihr Eintrittsgeld zurück und gehen. Im fünften Stock sitzen etwa 80 Menschen unter einem spitzen Glasdach, der Kuppelhalle der Leipziger Volkszeitung. Über ihnen spannt sich der mit Sternen übersähte Nachthimmel.

Kinder sind unser Leben heißt das Sachbuch, in dem Veronica Ferres über den zumeist falschen Umgang vieler erwachsener Menschen mit Kindern und dessen Folgen sinniert. Die Allzweckwaffe großer Fernsehfilmerfolge verrät: «Zwei Jahre intensive Nachtarbeit hat es gedauert, das Buch zu schreiben.» Als Ferres anfängt, die Einleitung ihres Buches zu lesen, lauschen die Besucher schon gespannt. Vergessen ist der verspätete Beginn. 

Toto & Harry erzählen von noch komischeren Kollegen

Ein ganz anderes Kaliber fährt das Energieberatungszentrum der Leipziger Stadtwerke auf – besser noch: zwei ganz andere Kaliber. Torsten «Toto» Heim und Thomas «Harry» Weinkauf, bekannt aus der Sat.1-Polizei-Dokumentation Toto & Harry, sitzen vor etwa 120 Leuten. Auffällig viele junge Besucher haben sich unter die Zuschauer gemischt. Links von der Bühne steht ein Fernsehgerät, weiter hinten ein zweites. Noch ist nicht ganz klar, wofür. Der Saal ist überschaubar und die beiden prominenten Polizisten bestens zu sehen.

Wie alte Showgeschäft-Hasen spielen sich Heim und Weinkauf die Bälle zu, lesen in verteilten Rollen aus dem Buch vor, das ihre skurrilsten Fälle sammelt. Und weil sie authentisch sind, unverkrampft lesen und bestens funktionieren, fast so als wären sie gerade auf einem Einsatz, kaufen ihnen die Zuschauer jede Szene ab. Zu Recht. Vom komischen Kollegen Manni ist die Rede, der, als er noch im Außendienst tätig war, sogar einmal aus seinem Polizeiwagen Richtung Straßenbahn gerufen haben soll: «Sofort rechts ranfahren!»

Immer wieder werden die beiden interaktiv und spielen ein Video von einem ihrer zahlreichen Fälle ein. Die sind zum Teil derart absurd, dass man sich dabei ertappt, diesen Polizeialltag als Realsatire zu begreifen. Egal, so lange es nur unterhält.

Vor Mitternacht noch schnell einen Mord

Eine Lesung geht noch: In der Alten Handelsbörse, in der Nähe des Leipziger Marktplatzes, liest Oliver Kalkofe aus einem Krimi von Agatha Christie. Der Fernsehkritiker ist schon von weitem zu hören. Vor der Alten Handelsbörse stehen Boxen, die einige wenige Zuhörer auch draußen an Kalkofes Geschichte teilhaben lassen. Drinnen berstet der Saal.

Kalkofe wischt sich wieder und wieder den Schweiß von der Stirn. Auch er: Nicht einfach nur ein Vorleser, sondern einer, der lebt, was er gedruckt auf dem Papier in den schwitzenden Händen hält.

Der Fernsehexperte gestikuliert wild herum, variiert seine Stimmlage und haucht den Figuren Leben ein. Über ihm das grelle und heiße Scheinwerferlicht. Nach einer Stunde ist auch diese Lesung vorüber. Die Menge jubelt, drängelt sich nach draußen, wo die klare Nachtluft wieder wach und so Lust auf die nächste Lesung macht. Und davon gibt es in den nächsten zwei Tagen noch mehr als genug.

Auch am Samstag und Sonntag gibt es noch zahlreiche Lesungen zu entdecken. Das komplette Programm finden Sie auf der Internetseite der Leipziger Buchmesse. Einer der Höhepunkte am Samstag ist unter anderem die von MDR Sputnik veranstaltete «Litpop4». Ab 19 Uhr gibt es im Neuen Rathaus zahlreiche junge Autoren und Musiker auf drei Ebenen zu sehen, hören und entdecken. 

 

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