Der Programmplaner hätte es wissen müssen: Die Eröffnung der «Langen Leipziger Lesenacht» mit einem potenziellen Preisträger kann einiges durcheinanderwirbeln.
Leipzig (dpa) - Der Programmplaner hätte es wissen müssen: Die Eröffnung der «Langen Leipziger Lesenacht» mit einem potenziellen Preisträger kann einiges durcheinanderwirbeln.
Zu groß war dann auch am Donnerstagabend das Interesse an Clemens J. Setz, der kurz zuvor den Preis der Leipziger Buchmesse ergattert hatte. Der Weg von den Messehallen bis zum Studentenclub Moritzbastei wurde für ihn ein Marathon aus Interviews und händeschüttelnden Verlegern. «Der Preis soll ja gut dotiert sein, vielleicht dreht der Taxifahrer deshalb mit ihm noch eine Extrarunde», scherzte der wartende Moderator im Studentenclub mit Blick auf die 15 000 Euro wertvolle Auszeichnung.
Mit reichlich Verspätung trat der Österreicher schließlich beim Lesefestival für deutschsprachige Schriftsteller der Generation «U35» auf. Er präsentierte dort einen Ausschnitt aus seinem prämierten Werk «Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes». Wirklich warm mit dem Publikum wurde der 28-Jährige aber nicht. Sein Auftritt wirkte zu abgehetzt. Der Star des Tages kam in all der Eile noch nicht einmal dazu, Schal und Mantel abzulegen. Nach der Lesung blieb noch Zeit für ein paar Interviews und Signierungen. «Schade, ich hätte gern noch später den Clemens Meyer kennengelernt - den finde ich wunderbar», sagte der Preisträger - und verschwand. Der Leipziger Meyer hatte den Buchmessepreis 2008 gewonnen.
Und so hatten, wie immer bei der Lesenacht, die weniger bekannten Literaten die Möglichkeit, das Publikum zu begeistern. Ob nachdenkliche Reime, amüsante Alltagsgeschichten oder eine melancholische Erzählung vom Ende einer Liebe: viele Jungautoren hinterließen einen bleibenden Eindruck. Wie etwa der Berliner Peter Sorge, der einst Lieferwagenfahrer und Ballonverkäufer war - und damit wie viele seiner «Kollegen» eine interessante berufliche Vergangenheit hat.
Ob Operntischler, Gelegenheitszauberer oder Schlafwagenschaffner. Die großen Schriftsteller von Morgen scheinen aus ihrer brüchigen Karriere Inspiration für die Literatur zu ziehen. «Diese Erfahrungen sind vielleicht nicht notwendig, um gut zu schreiben, aber sie prägen schon viele Ideen», sagt Autor Martin Mandler, der einst Briefmarken verkaufte.
Vielleicht treten sie eines Tages in die Fußstapfen des ehemaligen Wachmanns und Bauhelfers Clemens Meyer. Der 33-Jährige hat mit seinem Erzählband «Die Nacht, die Lichter» den Preis der Buchmesse bereits gewonnen. Auch mit seinem neuen Werk konnte der urige Leipziger das zur fortgeschrittenen Stunde dann doch etwas ausgedünnte Publikum mitreißen: In dem Lyrik-Band «Dir zu Füßen» hat er amerikanische Gedichte übersetzt, in denen Schriftsteller ihren Hunden eine Stimme verleihen. Meyer ist als Hunde- und Pferdenarr bekannt.
Dem Publikum erzählte er von den Trieben und Ängsten der Vierbeiner - und von seinen eigenen Schwierigkeiten, immer eine treffende Übersetzung für die englische Vorlage zu finden. «Literarische Texte zu übersetzen, ist eines der schwierigsten Dinge, die man machen kann, da habe ich größten Respekt vor», schildert der Autor, der schon seit dem Morgen von einem Messetermin zum nächsten gehetzt war, mit derbem sächsischen Akzent.
news.de/dpa